Befreit aus dem Tresor der Vergessenheit

Cecilia Bartoli hat eine zweite Platte mit Musik des kurbayerischen Hofkapellmeisters Agostino Steffani herausgebracht – diesmal ein geistliches Stück, das späte „Stabat mater“
von  Wolfram Goertz
Die Mezzosopranistin Cecilia Bartoli in der Maske des Komponisten, Diplomaten und Priesters Agostino Steffani.
Die Mezzosopranistin Cecilia Bartoli in der Maske des Komponisten, Diplomaten und Priesters Agostino Steffani. © Decca/Uli Weber

Ein Interview mit ihr ist ein ganz und gar italienischer Moment des Lebens – eine saftige Form des Parlierens. Auch das erklärt ihren Erfolg. Kaum ein Musikfreund, der sie nicht für ihren Esprit bewundert. Selbst strengste Kritiker („Die Stimme ist manchmal doch etwas klein!“ oder „Hier singt sie aber arg brustig!“) entziehen ihr nicht die Hochachtung, denn ihr Künstlerdasein ist bis in die kleinste Stimmritze authentisch.

Sie macht nichts, das sie nicht liebt. Ihre neueste Leidenschaft gehört einem Komponisten, der jeden Münchner interessieren müsste: dem Barockkomponisten Agostino Steffani (1654 - 1728), der von 1667 bis 1688 in den Diensten der Kurfüsten Ferdinand Maria und Max Emanuel stand.

Den unter Nicht-Musikwissenschaftlern vergessenen Komponisten hat die Bartoli im vergangenen Jahr mit ihrem CD-Projekt „Mission“ wie mit dem Schneidbrenner aus dem Tresor der Vergessenheit befreit. Jetzt legt sie das wundervolle „Stabat mater“ nach.

Über den Italiener, der lange in Deutschland wirkte, weiß Bartoli viel zu berichten: „Er war nicht nur Komponist, sondern auch Priester, ein Diplomat auf weltlichem und kirchlichem Parkett.“ Und man darf ergänzen: Steffani war stilsicher, belesen, durchsetzungskräftig, sogar heikle Wege nicht scheuend.

Sein „Stabat mater“ ist keine barocke Meterware. Es ist eine ergreifende Bekenntnismusik. Steffani stand damals kurz vor seinem Tod, aber er hatte alles erlebt – und dieses Leben mischt sich in die Partitur. „Wir hören italienische Melodien und französische Rhythmik. Aber wir hören auch, dass sich da einer im Extremmoment seines Lebens befindet, nämlich im Angesicht des Todes. Steffani war 1727 völlig verarmt und hatte nichts mehr zu verlieren“, sagt Bartoli ohne Pathos.

Das „Stabat mater“ beginnt mit lauter tiefen Schmerzenstönen einer Mutter, die ihren Sohn verloren hat – Cecilia Bartoli singt das nicht verhärmt, nicht gemessen, sondern wie düstere Klage. Sie fasst den Schmerz in Bronze. Ihre Töne können nicht voll und voluminös genug sein, um diese Trauer zu fassen. Man könnte sagen, dass Cecilia Bartoli das Portal in diese Musik ganz weit aufstößt – und weitere Sänger und Instrumentalisten folgen: der Coro della Radiotelevisione svizzera und das Orchester I Barocchisti, alles Spezialisten für Barockmusik.

Mit denen macht Bartoli das Musizieren unbändigen Spaß, aber das hat auch mit Anatomie zu tun. „Moderne Orchester spielen auf einer Stimmtonhöhe von 445 Hertz. Sie verwenden brillante Oboen, und die Streicher haben Metallsaiten aufgespannt, die es seit dem 19. Jahrhundert gibt. Uns Vokalisten ist aber nur die Natur gegeben – deshalb ist die tiefe Stimmung der Barockzeit ein Labsal für Sänger.“

Wie sie über dieses Thema spricht, könnte man Cecilia Bartoli fast für eine Gewerkschafterin halten, die um menschen- und stimmwürdige Arbeitsbedingungen ringt. Auch ihre Beschäftigung mit Bellinis „Norma“ besitzt diesen Furor des Unbedingten – auch hier legt sie Wert auf historisch korrektes Musizieren.

Salzburg ist für sie ein Wehmutsort – als Parnass jener ungefährdeten Kunst, der es in ihrem Heimatland an den Kragen geht. „Nur in Rom und Mailand wird noch regelmäßig Oper gespielt – ist das nicht entsetzlich?“, fragt sie. Und auf die Gegenfrage, ob das nicht die logische Konsequenz sei, wenn ein Land so lange die Volksverdummung eines Silvio Berlusconi erlebt habe, nickt sie und fügt hinzu: „Sie haben Recht. Aber die Opposition hat dieses System nicht verhindert. Und jetzt stehen wir da und erleben, wie im Heimatland des Musiktheaters geisterhafte Opernhäuser herumstehen, in denen sich selten ein Vorhang hebt.“

Cecilia Bartoli kann sich natürlich nicht um alles kümmern, vor allem würde sie garantiert nicht Kulturministerin eines Landes werden, dessen einzige Konstanz in der Unbeständigkeit liegt. Lieber leitet sie die Salzburger Pfingstfestspiele, die auf ihren Ideenreichtum zugeschnitten sind, und noch viel lieber forscht sie weiter in Sachen Steffani.

Der in Castelfranco del Veneto geborene Musiker war nun aber alles andere als ein komponierender Trauerkloß. Der konnte auch vergnüglich sein – und wie vergnüglich, das zeigt auf der CD das aberwitzig pfiffige „Non plus me ligate“, eine Solo-Nummer für Sopran und ein paar Instrumente. „Ist reiner Jazz, darf man auch so singen“, sagt Cecilia, sorry: Cecily, Queen of Swing. Und beinahe möchte man glauben, dass auch hieraus ein Bartoli-Projekt werden könnte, dem die Welt dann ohne Zweifel wieder zu Füßen liegen wird.

Steffanis „Stabat mater“ mit der Bartoli bei Decca