Alte Stars machen mit Musikrechten viel Geld: Die Zukunft der Vergangenheit

Der Kampf um die Musikrechte alter Stars hat einen neuen Höhepunkt erreicht. Es geht auch um virtuelle Tourneen.
von  Dominik Petzold
Linda Ronstadt komponierte keine Hits, hatte aber großen Erfolg als Interpretin. Nun hat sie ihre Aufnahmen verkauft.
Linda Ronstadt komponierte keine Hits, hatte aber großen Erfolg als Interpretin. Nun hat sie ihre Aufnahmen verkauft. © Imago/ZumaGlobe

Die Welt ist auf fast lächerliche Weise ungerecht. Die allermeisten Musiker darben in der Corona-Zeit fürchterlich, schließlich dürfen sie keine Konzerte geben, mit Tonträgern lässt sich nichts mehr verdienen und mit Streaming ohnehin nicht. Zugleich prasselt ein wahrer Goldregen auf die Arrivierten herab, auf die alten Helden, die jahrzehntelang bestens verdient haben. Denn sie können mit ihren Rechten gerade gewaltig Cash machen.

Bob Dylan verkauft Songkatalog für Millionen von Euro

Da sind zunächst mal die Rechte an den Kompositionen: Für großes Aufsehen sorgte, als Bob Dylan im Dezember seinen Songkatalog für mehrere hundert Millionen Euro an die Universal Music Publishing Group verkaufte. Auch viele andere Stars wie Neil Young und Stevie Nicks nahmen einen Multi-Millionen-Scheck für ihre Songrechte entgegen. Diese sind ein boomendes Investitionsgut, deshalb sind die Käufer oft Investmentgesellschaften, die nicht nur über Tantiemen Geld machen, sondern vor allem ihre Börsenwerte nach oben treiben wollen.

Mitten in diesem Goldrausch verkündete vor ein paar Tagen das zu Bertelsmann gehörende Musikunternehmen BMG eine Partnerschaft mit dem US-Finanzinvestor KKR, um in dem Handel mit Musikrechten "Transaktionen in jeder Größe" tätigen zu können. Es geht in diesem Geschäft aber nicht nur um die Rechte an Kompositionen, sondern auch um die Rechte an Aufnahmen. So können auch berühmte Musiker, die nie einen Song geschrieben haben, am großen Reibach teilhaben. Werden ihre Aufnahmen kostenpflichtig gespielt, etwa im Radio oder auf Spotify, erhalten die Komponisten Tantiemen, doch ungleich höhere Gebühren gehen an die Inhaber der Aufnahmen. Meist sind das Plattenfirmen, und diese müssen im Normalfall Teile davon an Interpreten oder Bandmusiker weiterreichen.

Die Beach Boys als Marke wurden "nie wirklich ausgenutzt"

So konnte gerade Linda Ronstadt, die keine Lieder schrieb, aber höchst erfolgreiche Platten mit Stücken anderer Komponisten aufnahm, all ihre Musikrechte an die Iconic Artists Group verkaufen. Dieses 2018 gegründete Unternehmen aus Los Angeles hatte Anfang des Monats auch sämtliche Rechte von David Crosby übernommen. "Ich kann nicht arbeiten, und Streaming hat mein Geld gestohlen", schrieb er auf Twitter, deshalb sei dieser Deal "ein Segen" für ihn und seine Familie. Da er nicht gerade viele Klassiker schrieb, dürften seine Songrechte nicht allzu wertvoll sein, die Rechte an seinen Aufnahmen mit den Byrds und Crosby, Still & Nash aber umso mehr.

Außerdem hat die Iconic Artists Group eine Mehrheit an den Rechten der Beach Boys gekauft. Und dieser Deal war etwas völlig Neues: Denn er umfasste nicht nur die Rechte an großen Teilen der Kompositionen und Aufnahmen - sondern auch an der Marke "Beach Boys" und den Abbildern der Musiker. "Die Beach Boys sind keine Band, sie sind ein Lifestyle, eine Marke. Und das wurde nie wirklich ausgenutzt", sagte Olivier Chastan, einer der beiden Bosse der Iconic Artists Group, dem amerikanischen "Rolling Stone".

Beach Boys-Sänger Mike Love spricht von virtuellen Tourneen

Was das für die Zukunft bedeuten könnte, darüber spekulierte Beach Boys-Mitglied Al Jardine: "Ich könnte mir einen kleinen Vergnügungspark vorstellen oder ein Restaurant. Ich wollte immer ein Beach-Boys-Restaurant haben." Ob dann ein knuffiges Brian-Wilson-Maskottchen die Gäste begrüßt, so wie Micky Maus und Goofy in Disneyland? Das steht kaum zu befürchten, zumal Olivier Chastan betont, dass man gemeinsam mit den Bandmitgliedern entwickeln wolle, wie mit ihrem Erbe dauerhaft umgegangen werden soll - auch wenn die Iconic Artists Group als Mehrheitseigner das letzte Wort hat.

Chastan sprach von zukunftsweisenden Plänen, etwa von Virtual Reality und Augmented Reality, von 3D und Computer-generierten Bildern. Vielleicht könne man ja schon in fünf Jahren eine Oculus-Rift-Brille aufsetzen, sagte er dem "Rolling Stone", und virtuell dabei sein, wie die Beach Boys - in den Sechziger Jahren - "Good Vibrations" im "Western Recorders" Studio in L.A. aufnehmen. Das Studio gebe es schließlich noch, es könne einfach dreidimensional gescannt werden, so Chastan, und die Gesichter der jungen Bandmitglieder könnten digital neu erschaffen werden, so wie kürzlich Robert DeNiro in Martin Scorseses Film "The Irishman". Beach Boys-Sänger Mike Love wiederum sprach von virtuellen Tourneen in der Zukunft. Vielleicht singt dann ja das Hologramm von Linda Ronstadt im Vorprogramm: Die Iconic Artists Group hat neben ihren Aufnahmerechten auch die Rechte an ihrem Bild gekauft.

Musikmogul investiert in Song- und Aufnahmerechte

Dass sich damit Geld verdienen lässt, dafür bürgt der Name des Mannes, der mit Chastan die Iconic Artists Group gegründet hat und leitet: Irving Azoff. Der 73-Jährige ist seit den Siebzigern einer der einflussreichsten Menschen im Musikgeschäft. Das Fachmagazin "Billboard" erklärte ihn zum mächtigsten Mogul überhaupt. Als Manager machte er zuerst die Eagles zu einer der erfolgreichsten Bands aller Zeiten. Dann folgten unzählige weitere Weltstars als Klienten, darunter Steely Dan, Van Halen, Bon Jovi, zuletzt Harry Styles und Nicki Minaj.

In den Achtzigern leitete Azoff neben seiner Management-Tätigkeit die Plattenfirma MCA, später war er im Vorstand des Konzertgiganten Live Nation Entertainment und Chef von Ticketmaster, das mit dem Verkauf von Konzertkarten Unsummen scheffelte. Kurzum: Irving Azoff wusste zu jeder Zeit, wo im Musikgeschäft das große Geld fließt. Wenn er nun in Song- und Aufnahmerechte und darüberhinaus in Marken- und Bildrechte von Musikern investiert, ahnt man, wohin die Reise geht. Azoff baut daneben gerade auch mehrere Eishockeyhallen in den USA, denn er wolle seiner Familie Werte hinterlassen, die "nicht von Provisionen abhängen", wie er kürzlich der "Los Angeles Times" sagte. Sprich: dauerhafte Werte. Zu diesen dürften dann wohl auch die Rechte an den Songs und Aufnahmen von Popstars gehören. Und die Rechte an deren Gesichtern.