Schmuck im Stadtmuseum: Macht der Krebs da eine Nase?

Frisch und frech: Im Stadtmuseum setzen sich Studierende der Kunstakademie mit einer fantastischen Münchner Schmucksammlung auseinander.
von  Christa Sigg
Gummi oder Latex? Der Münchner Patrik Graf hat für seine markante Brosche tatsächlich eine echte Schweinsnase bearbeitet.
Gummi oder Latex? Der Münchner Patrik Graf hat für seine markante Brosche tatsächlich eine echte Schweinsnase bearbeitet. © Münchner Stadtmuseum

Die Schweinsnase ist der Hit. Man möchte sich das originelle Schmuckstück sofort ans Revers heften - aus Sympathie für Miss Piggy und all die herrlich bescheuerten Schweine, die in der Muppets Show völlig hirn- und ziellos durchs Weltall gondeln. Die Zeiten sind ja auch gaga. Und wer zwischendurch wieder ins Museum darf, wird im Rausch der Originale schon mal albern.

Eine Schweinsnase als Brosche

Beim Blick auf die Materialangaben geht der Spaßpegel dann aber schnell in den Keller. "Das ist eine echte Schweinsnase", erklärt Karen Pontoppidan lapidar, "sie wurde ausgekocht, dann mit zartem Hautrosa koloriert und mit stählerner Basis zur Brosche gestaltet". Die dänische Künstlerin leitet den Bereich Schmuck und Gerät an der Münchner Kunstakademie und hat sich mit ihrer Klasse auf eine reizvolle Gegenüberstellung eingelassen:

Zeitgemäße Neuinterpretationen

Die Studierenden setzen sich mit historischem Schmuck aus dem Münchner Stadtmuseum auseinander und liefern quasi zeitgemäße Neuinterpretationen. Beides fügt sich nun unter dem Titel "MUC/Schmuck" zu einer äußerst anregenden Ausstellung. Das Gros der alten Stücke stammt aus den 1880er bis 1930er Jahren und wurde durch Beate Dry-von Zezschwitz und ihren Mann zusammengetragen. Systematisch, wie es sich für Kunsthistorikerinnen gehört. Das heißt in diesem Fall auch: mit Entwurfszeichnungen und begleitenden Dokumenten.

Das Stadtmuseum kann Lücken schließen

Durch den Ankauf dieser potenten Münchner Sammlung konnten am Haus einige Lücken geschlossen werden - und das, obwohl zwischen ausgehendem Historismus, Jugendstil und den experimentierfreudigen 1920er Jahren gerade in München innovativer Schmuck entstanden ist. Die Nachfrage war groß, das Bürgertum wollte glänzen und repräsentieren. Das demonstriert schon die Zahl der Werkstätten, die sich zwischen 1850 und der Jahrhundertwende von 50 auf fast 100 verdoppelt hat.

Die Bildung eines Münchner Stils

Die Ausbildung war hervorragend. Denn an der 1868 gegründeten Königlichen Kunstgewerbeschule sollte die Bildung eines Münchner Stils gefördert werden. Zu den Absolventen gehörte übrigens der wandlungsfähige Karl Rothmüller. Er steht am Anfang einer bis heute erfolgreichen Goldschmiededynastie und wurde mit seinen delikaten floralen Arbeiten als "Münchner Lalique" bezeichnet.

Gleich bei der Weltausstellung 1900 hat er für Aufsehen gesorgt. Dann darf man natürlich die reformierte Debschitz-Schule nicht vergessen, die ab 1902 eine niveauvoll fortschrittliche Ausbildung garantiert hat. Was später am Bauhaus als rasend neu bejubelt werden sollte, ist zum Teil auch in München abgeschaut. Der Gründer Walter Gropius war ein Leben lang mit Wilhelm von Debschitz befreundet.

Auf Details aufmerksam machen

Mit den historischen Beispielen des Ehepaars Dry-von Zezschwitz könnte man tatsächlich schon einen eigenen spannenden Parcours bestücken, der mit relativ kleinen Objekten viel Kunstgeschichte und deren Rezeption widerspiegelt. Vom Wiederaufgreifen der Renaissance oder des Rokoko im ausgehenden 19. Jahrhundert über die Beschäftigung mit vor- und frühgeschichtlichen Ornamenten bis zur Wiederentdeckung der Granulation oder des Steinschnitts, wie man ihn etwa von antiken Gemmen her kennt.

Doch die Konfrontation mit den aktuellen Arbeiten der Akademieklasse macht die entscheidenden Details noch einmal deutlicher. Vor allem, weil die Kuratorinnen Antonia Voit und Karen Pontoppidan auf reizvolle Themen oder typische Formen setzen.

Die Akademieklasse hat Antworten parat

Wenn Max Strobl um 1912 das Spiralmotiv der Bronzezeit aufnimmt und damit an Fibeln oder Ohrgehänge aus entsprechenden Fürstengräbern erinnert, dann antwortet Danni Chen aus China mit einem Strudel aus feinsten Fäden, die in Aluminium gegossenen sind. Und Mariko Kakinaga aus Japan kontert mit Ohrringen in einer Blisterpackung. Das mag nichts mit der Spiralform zu tun haben, doch das 24-Stunden-Logo, das die Stecker ziert, verweist auf die ewige Schleife des Konsums.

Natur und Schmuck - eine große Verbundenheit

Die Natur ist gerade auch beim Schmuck in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein großes Thema. Das ging zum Teil so weit, dass Blätter, Blumen oder Zweige galvanoplastisch überzogen wurden. Der Naturalismus ist hier auf eine seltsame Spitze getrieben. Insofern scheint die Beschäftigung mit den Prinzipien der Natur sehr viel reizvoller und sowieso künstlerisch anspruchsvoller - zum Beispiel durch Hermann Obrist oder auch Nikolaus Thallmayr, von dem eine hinreißende silberne Gürtelschließe mit rahmendem Ahornzweig und Samentaschen (1899) gezeigt wird.

Freche Konter

Danni Chen kontert frech mit einem täuschend echten Spargel aus Wachs, der mit dem Kopf nach unten an einem groben Faden hängt. Das wird an Deutlichkeit nur noch von ihrem schottischen Kommilitonen Paul Adie übertroffen, der ein längliches, abgerundetes Scheit Kunstholz am oberen Ende von zwei Rundformen flankieren lässt. Und man darf darüber sinnieren, ob Frauen den unübersehbaren Anhänger als Trophäe tragen dürfen oder das (ge)mächtige Stück als Aufforderung an die Männer zu verstehen ist: etwa an die Zeiten vor der Französischen Revolution anzuknüpfen und über das Prollo-Goldkettchen hinaus wieder Geschmeide anzulegen.

"Deko spielt keine Rolle mehr"

"Deko spielt allerdings keine Rolle mehr", betont Karen Pontoppidan, "außer, wenn sie inhaltlich wichtig ist". Denn künstlerischer Schmuck erzählt heute eine Geschichte. Wenn neben Carl Cosmus' Silberkrebs, der mit seinen Scheren einen Türkis hält, Patrik Grafs blauer Kunststoffkrebs mit Gumminase präsentiert wird, dann ist das längst nicht nur ein witziges modernes Pendant, sondern genauso der Hinweis auf ein Umweltdrama: Graf hat sein Schmuckstück aus Plastikmüll aus dem Meer gefertigt.

Auch die Schweinsnase gibt einen Denkanstoß. Sie stammt aus der Tierfutterherstellung und steht Alwin Schreibers Anhängern aus Elfenbein gegenüber. Das Material galt in den 1910er Jahren noch als chic, inzwischen ist die Verwendung nicht nur verboten, sondern völlig verpönt. Auf der anderen Seite wäre vor über 100 Jahren niemand auf die Idee gekommen, Abfälle, Fundstücke und überhaupt Billiges oder Wertloses zu Schmuck zu verarbeiten. Auf Schwein und Bein darf sich also jeder selbst einen Reim machen.


"MUC/Schmuck. Perspektiven auf eine Münchner Privatsammlung" bis 26. September im Münchner Stadtmuseum, Di bis So 10 - 18 Uhr, Besuch nur mit Anmeldung unter Telefon 233-27979 oder 233-27978 möglich