Interview

"Auserzählt": Die Bairishe Geisha pilgert auf den Berg

Das Münchner Künstlerinnenkollektiv die Bairishe Geisha verabschiedet sich nach über zwei Jahrzehnten.
von  Mathias Hejny
Judith Huber (li.) und Eva Löbau erfanden die "urbane Mythengestalt" der Bairishen Geisha und führen uns jetzt durch den Olympiapark.
Judith Huber (li.) und Eva Löbau erfanden die "urbane Mythengestalt" der Bairishen Geisha und führen uns jetzt durch den Olympiapark. © Franz Kimmel

Schon im vorigen Jahr hätte der 20. Geburtstag eine der faszinierendsten Künstlerinnenkollektive gefeiert werden sollen, aber die Lockdowns des Kulturlebens verhinderten auch dies. Inzwischen ist die Bairishe Geisha schon richtig erwachsen. Judith Huber, Co-Leiterin des Pathos München und Eva Löbau, einem breiteren Publikum auch als "Tatort"-Kommissarin aus dem Schwarzwald bekannt, erfanden die "urbane Mythengestalt". Sie trat nicht nur an Theaterspielstätten auf, sondern an ganz unterschiedlichen Orten in der Stadt wie in Münchner Stüberln oder einem Striplokal.

An diesem Donnerstag beginnt ein viertägiges Festival. Unter dem Titel "Schwierigkeiten beim Verständnis" führt eine "Pilgerreise in Form eines Techno-Drifts" durch den Olympiapark und zu einer Installation im Schwere Reiter. Zum Programm gehören auch eine literarische Matinée am Sonntag und eine bei YouTube zu sehende Retrospektive von früheren Produktionen. Die AZ sprach mit den beiden Schauspielerinnen auch darüber, dass das Fest zum 21. Geburtstag auch die Abschiedsfeier der Bairishen Geisha sein wird.

AZ: Frau Huber, Frau Löbau, auf Ihrer Homepage stellen Sie sich selbst die Frage, was vom Werk der Bairishen Geisha weg kann. Kann was weg?
Eva Löbau: Es gibt verschiedene Arten, etwas weg zu geben. Etwas kann man in den Müll wegschmeißen, aber man kann auch etwas weiter geben. Wir praktizieren gerade beides. Es sind zweierlei Verabschiedungen von Themen, Verhaltensweisen und Methoden, die wir uns beim Sichten des Materials angeschaut haben. Da sagen wir: Das brauchen wir nicht nochmal machen. Andererseits gibt es aber Dinge, die uns kostbar sind und wo wir denken, das kann jemand einmal übernehmen.

"Die Bairishe Geisha ist auserzählt"

Was würden Sie gerne überliefern?
Judith Huber: Unsere gemeinsame Zusammenarbeit, unser gegenseitiges Vertrauen. Als wir sagten, wir feiern Jubiläum, war uns selbst noch nicht klar, dass dies ein Abschied ist. Wir stellten fest, dass die Bairishe Geisha für uns beide auserzählt ist. Wir verabschieden sie.

Wird das also die Abschiedsshow der Bairischen Geisha?
Löbau: Es ist keine Show.
Huber: Die Inspiration ist der japanische Roman "Schwierigkeiten beim Verständnis der Narayama-Lieder". Da geht es um eine 70-jährige Frau, die auf einen Berg pilgert, um dort zu sterben und Platz zu machen für die neue Generation. Wir wollten überprüfen, wie es mit uns ist und ob wir uns wegräumen müssen. Als Künstlerinnen und älter werdende Frauen könnten wir das nicht und wollen da bleiben.
Löbau: Aber die Bairishe Geisha schicken wir auf den Berg.

Auch auf die Gefahr, sehr uncharmant zu sein: Wie alt fühlen Sie sich?
Huber: Jünger, als ich im Film aussehe. Wir haben jetzt einige Kapitel gedreht und ich fühle mich, wie alle das sagen, wie 35. Aber dann sehe ich: Ich bin doch schon über 50.
Löbau: Bei mir kommt es darauf an, mit wem ich in Gesellschaft bin. Wenn ich mich mit Jüngeren unterhalte, erkenne ich natürlich, dass das eine nachkommende Generation ist - vor allem, weil sie das auch so spiegelt.

"Die Doppelfunktion ist eine Herausforderung"

In der letzten Zeit war es, zumindest hier in München, etwas ruhig geworden um die Bairishe Geisha, nicht aber für Sie persönlich. Sie, Frau Huber, leiten seit zwei Jahren zusammen mit Lea Ralfs das Pathos München. Wie fühlt es sich an, eine Theaterleiterin zu sein?
Huber: Die Doppelfunktion ist eine Herausforderung. Aber es fühlt sich gut an.

Während der letzten Intendanz von Mattias Lilienthal waren Sie, Frau Löbau, Ensemblemitglied der Kammerspiele. Wie erinnern Sie sich daran?
Löbau: Das war sehr überschattet von Corona, und dass es die letzten beiden Spielzeiten Lilienthals sein werden, war, als ich den Vertrag unterschrieb, noch nicht klar. Es war eine sehr lehrreiche Zeit, denn dort bin ich erst auf das Thema Dialog zwischen den Generationen gekommen. In der freien Szene ist man oft in seiner eigenen Generation unterwegs, altert miteinander und merkt das Altern auf diese Weise nicht. In den Kammerspielen ist mir bewusst geworden, dass ich eine der älteren Kolleginnen bin, die dort engagiert waren. Wieder an ein Stadttheater und in ein Ensemble zu kommen, war sehr interessant und aufwühlend. Judith und ich haben uns darüber ausgetauscht: Sie als neue Intendantin und ich als neues Ensemblemitglied. Auch das ist in diese Arbeit eingeflossen.


Treffpunkt: Wendeschleife Olympiapark Süd, Ackermannstraße, 24. bis 27. Juni, 20 Uhr,