Könige der Finsternis

Wie keiner anderen Gruppe gelingt es Tokio Hotel mit ihrer Musik das Lebensgefühl der Nullerjahre auf den Punkt zu bringen – dafür wurden die vier Magdeburger Jungs nun bei den MTV Awards völlig zu recht als „Beste Band“ ausgezeichnet
von  Abendzeitung
Die Brüder Tom (l.) und Bill Kaulitz von Tokio Hotel.
Die Brüder Tom (l.) und Bill Kaulitz von Tokio Hotel. © dpa

Wie keiner anderen Gruppe gelingt es Tokio Hotel mit ihrer Musik das Lebensgefühl der Nullerjahre auf den Punkt zu bringen – dafür wurden die vier Magdeburger Jungs nun bei den MTV Awards völlig zu recht als „Beste Band“ ausgezeichnet

Am Ende kam alles so wie erwartet: Katy Perry moderierte sich in Strapsen durch den Abend, Beyonce räkelte sich in Strapsen durch ihren Auftritt, Bono von U2 trug keine Strapse, war aber sehr von sich selbst erotisiert, als er sich für den Preis bedankte. Und kurz bevor alles vorbei war, standen vier junge Männer aus Magdeburg auf der Bühne und dankten ihren Fans. Als „Beste Band“ wurden Tokio Hotel bei den MTV Awards ausgezeichnet – und wen das überrascht, der hat die vergangenen Jahre in einer Höhle gelebt.

Lange Zeit galten die vier Jungs aus Magdeburg als bloßes „Pop-Phänomen“, als geklonte Retorten-Band, ebenso künstlich, alienhaft und unwirklich wie ihr Frontmann: Bill Kaulitz, das konnte man in Berlin sehen, wirkt wie der fleischgewordene Held aus einem Manga-Comic: mandelförmige, mit Kajal hervorgehobene Augen, androgynes Gesicht, blasse Haut, schmales Becken, dünne Beine, Nietengürtel, auftoupierte Haare. Ein 20-Jähriger als zeitlose Kunstfigur. Und genau das kann man von der Musik der Band nicht sagen.

Als die Band im Sommer 2005 ihr Debütalbum „Schrei“ und die Single „Durch den Monsun“ veröffentlicht, schießt das Stück sofort auf Platz eins in den deutschen und österreichischen Charts. Zwei Jahre später ist das Lied noch immer in den Charts gelistet – allerdings in den französischen, italienischen und portugiesischen. Für ihr 2007 veröffentlichtes Album „Zimmer 483“ lernen französische Mädchen deutsch, und als Bill, Tom, Gustav und Georg im vergangenen Jahr in die USA reisen, sind ihre Shows überall ausverkauft.

Wo immer Tokio Hotel auftritt, schlägt der Band abgöttische Liebe entgegen. Oder abgrundtiefer Hass. Nichts dazwischen. Die vier Jungs verstören, verführen, verzaubern. Das gelingt ihnen, weil sie es wie keine andere Band geschafft haben, die Nullerjahre auf den Punkt zu bringen. Das Taumeln und Träumen einer ganzen Generation am Rande des Abgrunds.

Düster, ahnend, unheilvoll sind ihre Stücke, niemals belanglose Liedchen, wie sie die Boybands der Neunziger produzierten. Tokio Hotel besingen eine Welt, die vom Monsun heimgesucht und von Humanoiden bevölkert ist, eine Welt, die „umgekippt“ ist und in der man sich über nichts mehr gewiss sein kann. „Zwischen den Welten / Bin ich gefangen / Koordinaten / unbekannt“, kräht Bill Kaulitz, und es braucht nicht viel, um darin das Lebensgefühl einer orientierungslosen, liebesbedürftigen, sehnsuchtsvoll-romantischen Jugend zu erkennen, die „Generation Krise“ getauft wurde und für die Stephenie Meyer ihre düsteren Bis(s)-Vampir-Romane schreibt.

„Ich bin zerfressen von Sehnsucht in alle möglichen Richtungen. Aber ich glaube, eine unbestimmte Sehnsucht tragen viele Menschen in sich“, sagt Bill Kaulitz. Vor kurzem ist er 20 Jahre alte geworden.

Jan Chaberny