"Wonder Wheel" - Die Liebe als Forschungsobjekt

Woody Allens neuer Film "Wonder Wheel" ist ein etwas unausgegorener Mix aus Drama und Komödie. Die tollen Schauspieler machen ihn dennoch sehenswert.
von  Martin Schwickert
Ist das Leben nicht eine einzige Achterbahnfahrt? Für Carolina (Juno Temple) gilt das in jedem Fall.
Ist das Leben nicht eine einzige Achterbahnfahrt? Für Carolina (Juno Temple) gilt das in jedem Fall. © Warner Bros. Ent.

Am legendären Strand von Coney Island, wo das südlichste Ende von Brooklyn in den Atlantik übergeht, sich früher die Vergnügungsparks aneinander reihten und ein beträchtlicher Teil der New Yorker Heiratsanträge gestellt wurde, siedelt Woody Allen seinen neuen Film "Wonder Wheel" an.

Justin Timberlake spielt hier den Bademeister Mickey, der als Erzähler das Publikum direkt adressiert, bis er sich selbst ins Geschehen einbezieht. Neben seinem Baywatch-Job studiert Mickey Literatur und schaut auf die Wirklichkeit mit dem Blick des angehenden Dramatikers, der sich selbst die Rolle des romantischen Helden zugedacht hat.

Eines regnerischen Tages stolziert Ginny (Kate Winslet) in ihrer ganzen melancholischen Pracht über Mickeys Strandabschnitt. Dieser ist gleich mit einem riesigen Schirm und Warnungen vor herannahenden Gewittern zur Stelle und Ginny ist von solch ungewohnter Galanterie beeindruckt.

Affäre mit dem Bademeister

Das Leben hat es bisher nicht sehr gut mit ihr gemeint. Die Ehe mit einem Jazz-Drummer hat sie genauso wie ihre Schauspielkarriere in den Sand gesetzt. Samt pyromanischem Sohn flüchtete sie sich in eine glücklose Ehe mit dem Karussellbesitzer Humpty (Jim Belushi) und verdingt sich als Kellnerin in einer Strandbar.

Die Affäre mit dem deutlich jüngeren, kultivierten Bademeister lässt sie von einem anderen, besseren Leben träumen, während für Mickey die Sommerliebelei eher ein dramatisches Forschungsprojekt ist. Als Ginnys Stieftochter Carolina (Juno Temple) das Interesse des Strandwärters weckt, beginnen die emotionalen Wirrnisse shakespeare’sche Ausmaße anzunehmen. Die romantischen Vorstellungen der Figuren vermischen sich mit der Eigendynamik der Lebens-Achterbahn.

Das bietet einem kühn gecasteten Ensemble vielfache Entfaltungsmöglichkeiten. Vor allem überzeugt Kate Winslet als Frau in den besten Jahren, die mehr vom Leben will als das, was es ihr im Amerika der fünfziger Jahre zu bieten hat. Sie balanciert Sehnsucht und Verzweiflung am Rande zum Wahnsinn wunderbar aus und löst die Figur aus Allens ironisiertem Erzählstrom heraus. Aber auch Jim Belushi liefert als grober, proletarischer Ehemann und weichherziger Vater eine kraftvolle, differenzierte Performance ab.

Sehenswerter, wenn auch nicht brillanter Woody-Allen-Film

Die Stärken dieses sehenswerten, wenn auch nicht brillanten Woody-Allen-Jahrgangs liegen nicht nur wie üblich in den Dialogen, sondern auch in der farbenprächtigen Bildgestaltung Vittorio Storaros und dem stilvollen 50er-Jahre-Design. Die Gesichter der Protagonisten werden immer wieder in expressive Rot- und Blautöne getaucht, die vom Vergnügungspark direkt ins Wohnzimmer strahlen.

Zeitkolorit, Dialogdynamik und Bildgestaltung lassen "Wonder Wheel" als Hommage an klassische Tennessee-Williams-Verfilmungen wie "Endstation Sehnsucht" erscheinen. Auch wenn Allens Mix aus Drama und Komödie noch einer gründlicheren Überarbeitung bedurft hätte, das Melodram unter Lachgas-Einfluss nicht immer aufgeht, ist "Wonder Wheel" allein von seinen optischen und schauspielerischen Reizen einen Ausflug ins Kino wert.


Kinos: Cinema, Museum-Lichtspiele (beide OV), Studio Isabella (OmU), City, Monopol (beide auch OmU), Kino Solln, Leopold Kinos, Münchner Freiheit; Regie: Woody Allen (USA, 102 Min.)

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