Wölfe, Schafe, Schäferhunde und Bradley Cooper

"American Sniper": Clint Eastwood gelingt ein packendes Meiterwerk ohne einfache Antworten
von  Adrian Prechtel
Bradley Cooper spielt den "American Sniper" Chris Kyle. Hier ist er nachdenklich am Rückweg aus dem Irakeinsatz.
Bradley Cooper spielt den "American Sniper" Chris Kyle. Hier ist er nachdenklich am Rückweg aus dem Irakeinsatz. © Warner

"American Sniper": Clint Eastwood gelingt ein packendes Meiterwerk ohne einfache Antworten
Es ist dieses Milieu, das uns Mitteleuropäern fremd ist: Da ist dieser Rodeo-Cowboy-Typ, für den die drei K’s in männlicher Version gelten: Kinder, Kirche, Knarre. Den Söhnen wird – hart, aber gerecht – eine übersichtliche Weltsicht eingebläut: Es gibt Wölfe, die unbefragten Feinde Amerikas. Dann Schafe, die beschützt werden müssen, auch wenn sie gottverdammte liberale Naivlinge oder Demokraten sind, aber man ist je eine Nation. „Und wer sind wir?“, fragt er (Bradley Cooper) nach dem Tischgebet scharf seine Söhne und gibt die Antwort selbst: „Die Schäferhunde!“, die wachsam sein müssen, aber vor allem wehrhaft.Und als „Amerika angegriffen“ wird, ist die Pflicht klar: Chris Kyle geht als Elitesoldat in den Irak, als Scharfschütze. Am Ende ist er mit 160 von ihm getöteten Irakern ein Mythos.

Der Erfolg: Kreigsbefürworter und Gegner finden in dem Film, was sie suchen

Kein Film über die moralisch schon zweifelhaft begonnenen, dann immer unbeliebteren Kriege in Afghanistan und im Irak („Green Zone“, „Von Löwen und Lämmern“ „Hurt Locker“) wurde ein kommerzieller Erfolg. Clint Eastwood (84) aber packte Amerika und spielte mit „American Sniper“ bisher allein in den USA schon 350 Millionen Dollar ein.

Das Geheimnis des Erfolges ist eine Paradoxie. Denn natürlich findet sich das gerne Welt-Sheriff spielende, religiöse, erdverbundene Amerika in der wahren Geschichte des Texaners Chris Kyle bestätigt. Eastwood selbst ist ein bekennender Republikaner.

Cooper spielt den Helden und den vom Krieg gezeichneten

Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Auch das liberale, urbane, pazifistischerer Amerika geht in diesen nervenspannenden, aufwühlend Film. Denn neben der packenden Heldengeschichte läuft noch ein anderes Drama ab: das eines Mannes, der seinen „Job“ macht, aber das Herr-Sein über Leben und Tod nicht genießt, nie in einen perversen Rausch verfällt. Ihn belastet – bei aller unangekränkelten Überzeugung – das Töten. Er findet kaum noch in das Kleinfamilien-Leben zurück: „Ich will, dass Du wieder Mensch wirst“, sagt seine Frau (Sienna Miller), weil Chris die US-Mission soweit ins Zivilleben verfolgt, dass er seine Ehe gefährdet, sich psychisch verändert.

Wer also ist dieser Chris Kyle, der am Ende traumatisierten Kameraden versucht zu helfen? Ewig gestriger Provinzler, waffen-liebender Redneck in einer politisch verfehlten, sinnlos brutalen Kriegs-Mission? Oder patriotischer, idealistischer Held mit Familienwerten? Spannenderweise beides! Und dass wir das auch emotional so empfinden können, liegt an der Balance des Filmes: Wir sind haarsträubend nah am Häuserkampf, aber die Fragen von Leben oder Tod erleben wir durchs Zielfernrohr. Und das schafft brutale Nähe und kalte Distanz gleichzeitig.

Es ist ein Kriegsfilm, ein Actionfilm und einer, der uns Fragen stellt

So wirkt der Film nach mit seinen Fragen über den Umgang einer Gesellschaft mit ihren Soldaten, über Idealismus, gerechten Krieg, Werte und ihre Verteidigung, über zivile Opfer, Gut und Böse . Der Film befragt unsere postheroische Gesellschaft, die alles Gewalttätige, Harte versucht aus ihrer Zivilisation zu verbannen und zu delegieren: an Lehrer, Polizisten, Ärzte, Krankenschwestern und: Berufssoldaten.

So ist „American Sniper“ ein wichtig und richtig zwiespältiger Kriegs- und Heldenfilm, ohne ein Gramm Patriotismus zuviel und kein Quäntchen Zweifel zu wenig, ein Amerikaporträt und moralische Zwickmühle – ein aufwühlendes Meisterwerk.

Kino: Gabriel, Royal, Mathäser, Leopold (auch OmU), sowie Museum, Cinema (OV)