"Sommer 85": Eine völlig verrückte erste Liebe

In "Sommer 85" überzeugt Regisseur François Ozon mit einer fulminanten Coming-Out-Geschichte zweier Teenies in der Normandie.
von  Margret Köhler
Alex (Felix Lefebvre) und David (Benjamin Voisin) genießen ihre Ferien in vollen Zügen.
Alex (Felix Lefebvre) und David (Benjamin Voisin) genießen ihre Ferien in vollen Zügen. © Wild Bunch

Er zählt zu den fleißigsten Filmemachern Frankreichs, fast jährlich dreht François Ozon einen Film. Schauspielerinnen wie Catherine Deneuve, Charlotte Rampling oder Ludivine Sagnier standen für ihn vor der Kamera und festigten seinen Ruf als "Frauenregisseur". Im Fokus seiner neuen fulminanten Mischung aus Love-Story und Krimi stehen zwei Jungs. "Sommer 85" sollte 2020 in Cannes laufen und anschließend bei uns im Kino. Aber die Pandemie funkte dazwischen.

Jetzt ist es endlich soweit. In Handschellen wird der Teenager Alexis (Félix Lefebvre) abgeführt, als Ich-Erzähler blickt er zurück auf die Ereignisse vor einem halben Jahr, zieht den Zuschauer in seine Geschichte und in seinen Bann. Als im heißen Sommer in der Normandie der 16-jährige mit seinem Segelboot kentert, hilft ihm der zwei Jahre ältere und unheimlich coole David (Benjamin Voisin) aus der Bredouille.

Flirts und erste Liebe

Für den Jüngeren ist das der Beginn der ersten Liebe. Doch bald gerät das Glück ins Schlingern, David treibt sich am Strand bis morgens um 4 Uhr mit einem anderen Typen herum, flirtet mit einem englischen Au-Pair-Girl, während Alexis sich als fünftes Rad am Wagen fühlt und leidet. Die Anbetung des schüchternen und braven Alexis langweilt den auf Abenteuer fixierten Älteren bald. Der Reiz des Neuen ist nach "6 Wochen, 1.008 Stunden, 3.628.800 Sekunden" perdu, wie der enttäuschte Freund genau ausrechnet.

Noch vor der Trennung drängte ihn David zum gemeinsamen Schwur, dass derjenige, der den anderen überlebt, auf dessen Grab tanzen muss. Und es ist wohl die mitreißendste Szene, wenn Alexis das Versprechen einlöst und zu den Klängen von Rod Stewarts Ohrwurm "Sailing" wie besessen auf dem Grab seiner großen Liebe tanzt, alles um sich herum vergisst.

Vom tragischen Ende erfährt man schon zu Beginn, aber was genau passiert, bleibt erst einmal bei diesem fragmentarischen Puzzle-Spiel im Dunkeln. Der Heranwachsende erzählt aus seiner Perspektive vom großen Gefühl und dem kleinen Riss in der Seele, von Tod und Trauer und der gleichzeitigen Gier nach Leben.

Ozon knüpft an eine Erfolge "Unter dem Sand" oder "Swimming Pool" an

Nach dem strengen Drama "Gelobt sei Gott" über den Missbrauchsskandal der katholischen Kirche in Lyon, knüpft Ozon hier an seine Erfolge wie "Unter dem Sand" oder "Swimming Pool" an, lässt vieles im Unbestimmten, was die Spannung erhöht. Als Inspiration diente ihm Aidan Chambers Roman "Tanz auf meinem Grab", den der Franzose schon vor 35 Jahren als seinen ersten Film realisieren wollte. Das Buch scheint ihn dermaßen gepackt haben, dass er unbewusst einige Elemente davon wie das "Cross-Dressing" in Filme wie "Ein Sommerkleid" oder "Eine neue Freundin" einfließen ließ und auch weitere Verbindungen dazu "In ihrem Haus" oder "Frantz" zu finden sind. Was ihn im Nachhinein fast schockiert. Gelungen ist Ozon eine bewegende Ode auf die Unschuld der Jugend und die Schönheit des Lebens, auf die Romantik und eine Epoche der Unbeschwertheit. Sich in Emotionen stürzen, ist hier nie kitschig, aber zerreißt das Herz!


Regie: François Ozon (Frankreich, 101 Minuten), Kino: City Atelier, Theatiner Film