„Ich und Kaminski“ - Wunderbare Blender unter sich

Nach „Goodbye, Lenin!“: Wolfgang Beckers Film „Ich und Kaminski“ nach dem Roman von Daniel Kehlmann mit Daniel Brühl in der AZ-Filmkritik.
von  Carolina Zimmermann
Ein Duo mit großem Ich: Daniel Brühl und Jesper Christensen.
Ein Duo mit großem Ich: Daniel Brühl und Jesper Christensen. © X-Verleih

München - Manchmal ist es besser, wenn die letzten großen Geheimnisse im Leben es auch bleiben. Die Wahrheit kann so ernüchternd sein. Dabei hatte der junge Kulturjournalist Sebastian Zöllner (endlich nicht mehr Everybody’s Darling: Daniel Brühl) sich seinen Coup so dermaßen gelungen vorgestellt: Er würde nicht nur eine gewöhnliche Biographie über den einst als Legende verehrten, heute fast vergessenen Manuel Kaminski (Jesper Christensen) schreiben, einem Weggefährten Andy Warhols und Freund Picassos, der als blinder Maler legendär wurde. Nein – er würde den alten, kranken Mann entführen und mit seiner großen Liebe Therese (Geraldine Chaplin) wiedervereinen, um so den exklusiven Stoff für sein Buch zu sichern.

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Aber die Bedeutungslosigkeit, die sie nach einer äußerst unvernünftigen Reise durch Europa vorfinden, lässt beide Männer, den schnöselig-selbstverliebten Möchtegernfeuilletonisten und den zynischen, alten – tatsächlich blinden? - Maler, sich nach ihren alten Lebenslügen zurücksehnen.

 

Erst„Goodbye, Lenin!“ - und jetzt „Ich und Kaminski“

 

Zwölf Jahre liegen zwischen Wolfgang Beckers „Goodbye, Lenin!“ und jetzt „Ich und Kaminski“, der auf Daniel Kehlmanns gleichnamigem Roman basiert. Zum zweiten Mal bewährt sich die Zusammenarbeit zwischen dem Regisseur und Schauspieler Daniel Brühl. Was er da spielt, ist wirklich hinreißend gut. Nicht nur der verwegene Bart und das kunstvoll-künstlerisch verwuschelte Haar rufen verzweifelt, dass doch eigentlich ein großer Künstler in der armen Journalistenwurst wohnt.

Dieser Zöllner begegnet seiner Umwelt derart arrogant und abgebrüht, dass niemand Lust hat, sich mit ihm abzugeben. Weder seine Freundin, die ihm die Beziehung am Telefon kündigt, noch sein Verleger bzw. Chefredakteur, der noch nicht so richtig an den großen Wurf mit der Kaminski-Biographie glaubt.

Aber Zöllner macht das schon, er kämpft sich zu Fuß über Schweizer Bergpässe, um den zurückgezogen Gebundenen Künstler in seinem Chalet aufzusuchen. Von dessen kleopatraesker Tochter Miriam (Amira Casar), die den Vater um jeden Preis abschirmen will, lässt sich der Biograph genauso wenig aus der Ruhe bringen wie von den Künstlergestalten, die sich am Hofe des großen Künstlers scharen und keine Eindringlinge dulden.

Wolfgang Beckers bringt Daniel Brühl (l.) und Jesper Christensen (r.) in „Ich und Kaminski“ gemeinsam auf die Leinwand. Quelle: X-Verleih

Mit der Entführung des greisen Künstlers nimmt die Handlung zwar Fahrt auf, ergeben sich aber auch vermeidbare Längen.

Interessant bleibt aber die Frage, wer hier eigentlich wen führt, wer von beiden der größere Blender ist. Es sind zwei gnadenlos überzeichnet egozentrische Figuren, denen wir hier zusehen. Nicht minder überzeichnet ist der Blick des Films auf die Kunstwelt, aber das nennt sich eben Satire und bereitet dem Zuschauer genauso viel Vergnügen wie der Abspann, der – liebevoll und herausragend gut gestaltet – wirklich bis zum Ende gesehen werden sollte.

Kino: City, Monopol, Münchner Freiheit (morgen, 19.30 Uhr mit Regisseur Wolfgang Becker) Regie: Wolfgang Becker (D, 123 Min)