Filmkritik - The Happy Prince: Neapel sehen und sterben

"The Happy Prince" ist Rupert Everetts Regiedebüt, in dem er seine Lieblingsfigur selber spielt: Oscar Wilde.
von  Adrian Prechtel
Unterwegs mit seinem "Happy Prince": Oscar Wilde (re.) und sein geliebter junger Lord, genannt Bosie: Rupert Everett (re.) und Colin Morgan in Neapel.
Unterwegs mit seinem "Happy Prince": Oscar Wilde (re.) und sein geliebter junger Lord, genannt Bosie: Rupert Everett (re.) und Colin Morgan in Neapel. © Concorde

München - In einem abendlichen, großbürgerlichem Kinderzimmer erzählt er zwei Jungs eine Gute-Nacht-Geschichte, aber eine traurige. Denn in ihr verpasst eine Schwalbe aus Liebe zu einem Prinzen den Abflug nach Süden und bleibt treu auf dem goldenen Prinzen-Denkmal sitzen und droht zu erfrieren. In diesem Moment erwacht Oscar Wilde: Es war ein Traum, eine Erinnerung an seine Dubliner Kindheit mit seinem Bruder, aber auch an London, an das Bett seiner Söhne. Jetzt ist er im Exil - alt, arm, krank - gerade er, der reiche Liebling der Society, dessen Theaterstücke und Erzählungen ihn auf Lesereisen bis in die USA geführt hatten.

Rupert Everett spielt in seinem Film "The Happy Prince" die Hauptrolle des späten Oscar Wilde, dieses elegant witzigen, auch selbstironischen, jedenfalls aber eitlen Skandalmanns, der mit erst 46 Jahren in Paris starb - wohl an Syphilis. Zuvor hat man ihn in Spelunken als abgehalfterte, gerade noch geduldete, schäbig befrackte Berühmtheit singen, trinken und Kokain schnupfen sehen.

Kurz war diese Schwalbe sogar noch nach Süden geflogen: Wilde war ein letztes Mal von Paris mit seinem 16 Jahre jüngeren Ex-Geliebten, Lord Alfred (Colin Morgan) nach Neapel gegangen, wo es liberaler zuging. Aber ihnen geht das Geld aus, das der Junge Lord - Kosename Bosie - zu haben vorgab. Bosies Vater hatte ihn enterbt, nachdem er Wilde wegen dessen Homosexualität verklagt hatte, die Wilde im Viktorianismus allzu frech offen ausgelebt hatte. Zwei Jahre Zuchthaus und Zwangsarbeit entehrten und ruinierten Wilde.

"The Happy Prince" verzichtet auf Sex

Der Film macht aus alledem einen rückblickenden biografischen Splitter-Parcour. Man erlebt die erlöschende intellektuelle Vitalität bis hin zur totalen Schreibblockade. Wilde kämpft auch mit der Sehnsucht nach seinen Kindern, die er nicht mehr sehen darf und er empfindet Trauer und Mitleid mit seiner Ehefrau (Emily Watson), deren Familienleben er mit seinem Skandalprozess zerstört hat.

Neapel ist in all seinem Niedergang noch einmal eine Oase des Glücks. Hier fühlt sich Wilde kurz noch einmal frei von Angst, Ehrgeiz und Alter. Und hier spielt auch die witzigste Szene, als eine züchtig schwarz gekleidete italienische Furienmutter ihren Sohn aus einer Nacktparty zerren will. Aber dann küsst sie Oscar Wilde - als dem Maître de Plaisir der Feier - die Hand und bittet um Verzeihung für ihre falsche Orgienvermutung. Denn sie hat nirgendwo Prostituierte in den Zimmern gefunden: Homosexualität ist außerhalb ihrer katholischen Vorstellungskraft. "The Happy Prince" verzichtet dabei auf Sex, weil sich Wilde hier in seinen letzten drei Lebensjahren als alter Geck fühlt und Liebesspiele den jüngeren überlässt.

Rupert Everett gelingt es nicht richtig, alle Aspekte zu einem Ganzen zu formen, so dass "The Happy Prince" keinen emotionalen Zug bekommt. Die Episoden, die Wildes späte Gegenwart und rückgeblendete Vergangenheit zeigen, seine geistreiche Charmanz und künstlerische Potenz bis zum überschuldeten Tod, sind auch amüsant, nehmen sich aber zu wenig Zeit für Tiefe. "Ich sterbe selbst noch über meine Verhältnisse", sagt Wilde, dessen opulente Freundesdinner auch mal eine Rechnung von 20.000 France hinterlassen. Und dieser Film stirbt leicht fahrig in Schönheit. 


Kino: City, Arena (auch OmU), Atelier (OmU) und Museum Lichtspiele (OV), B&R: Rupert Everett (D, 106 Min.)

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