Die aufregendste, erregendste Zeit

Ein Meisterwerk über die Lebensphase zwischen Mädchen und Frau: „Blau ist eine warme Farbe“
von  Adrian Prechtel
Sie wird erwachsen, sucht sich, verliert sich und findet sich: die junge Adele Exarchopoulos (links) als Adele und Léa Seydoux als ihre erste große Liebe.
Sie wird erwachsen, sucht sich, verliert sich und findet sich: die junge Adele Exarchopoulos (links) als Adele und Léa Seydoux als ihre erste große Liebe.

Ein Meisterwerk über die Lebensphase zwischen Mädchen und Frau: „Blau ist eine warme Farbe“

Schon bei der Premiere in Cannes gab es erregte Schockstarre: Unfassbare zwölf Minuten sah man eine nette Teenagerin mit ihrer frechfreien Twenfreundin Sex entdecken und ausleben. Nichts wurde ausgelassen, aber nichts war pornografisch. Der Film gewann die „Goldene Palme“, das Filmfest München zeigte ihn dreimal ausverkauft, und jetzt ist „Blau ist eine warme Farbe“ im deutschen Kino angekommen.

Die große Kunst von Regisseur Kechiche besteht darin, aus der Suche von Adele nach sexueller Orientierung keinen Minderheiten-Problemfilm gemacht zu haben. In München wurde der Film schon als Preview am „Gay Monday“ gezeigt und erntete von Lesben viele Buhs. Aber vielleicht ist das ja ein Zeichen der Stärke des Films, der eben alles andere ist als ein Szenefilm. Für die Geschichte ist es fast irrelevant, ob sich Adele nun für Männer oder Frauen interessiert.

Denn das junge Leben zwischen 17 und 21 Jahren (radikal freizügig gespielt von der französischen Schauspielerin Adèle Exarchopoulos) ist vor allem ein packendes Porträt einer Heranwachsenden zwischen Schule, Freundeskreis, Elternhaus und Berufsanfang als Vorschullehrerin. Als die Mädchen-Clique in ihrer Klasse beginnt, sie als ewige Jungfrau zu verspotten, küsst sie eine Freundin auf der Schultoilette, probiert einen Jungen aus. Kechiche kontrastiert die Phase des Sich-Suchens elegant mit der gerade durchgenommenen Schullektüre des Barockschriftstellers Miravaux, „Das Leben der Marianne“ – wo es auch „um Liebe auf den ersten Blick“ geht. Aber ist das nicht eher Begehren als Liebe?

Vor der Schule sieht Adele eine junge Frau mit blauen Haaren (Léa Seydoux), sie schaut kurz herüber, ihre Blicke begegnen sich, und sie, die ältere Emma, wird es sein, die den Kontakt ermöglicht, ermuntert, einräumt. Und hier eröffnet der Film eine weitere Dimension: eine subtile Milieu-Diskussion. Wozu passe ich, wo gehöre ich hin?

Adele kommt aus einem sympathischen Kleinbürgerhaushalt, will sich aber ihren Eltern nicht offenbaren. Emma kommt aus liberalem Bildungsbürgertum und verkehrt als Künstlerin in Intellektuellen-Kreisen. Adele versucht mitzuhalten, (wechselt ein Bild des dekorativen Gustav Klimt gegen eines des härteren Egon Schiele über dem Bett aus), aber letztlich ist das nicht ihre Welt. Eifersucht kommt ins Spiel, ein Seitensprung wird nicht verziehen, Liebe zerbricht und wird als Freundschaft wieder gesucht.

Am Ende ist Adele 21, macht ihr Referendariatspraktikum in einer Vorschulklasse. Im Französischen heißt Kechiches Film „La vie d’Adèle – Kapitel 1 und 2“. Es bleibt offen, wie ihr Leben sich weiterentwickelt. Und wir haben einen packenden Film über das Leben gesehen, so echt, dass wir vergessen, in einem Film zu sitzen.