Cannes: Tarantino und sein "Once upon a Time in Hollywood"

Quentin Tarantino stellt in Cannes sein neues Werk vor: „Once Upon a Time in Hollywood“ ist ein knallbunter, aber schwacher Bubenstreich
von  Sandra Prechtel
Chauffeur Cliff (Brad Pitt) und TV-Schauspieler Rick (Leonardo DiCaprio) tun, was Männer 1969 halt so taten: Prost, die Herren!
Chauffeur Cliff (Brad Pitt) und TV-Schauspieler Rick (Leonardo DiCaprio) tun, was Männer 1969 halt so taten: Prost, die Herren! © Festival de Cannes

Alle waren sie da, als Quentin Tarantino und seine Superstars Leonardo DiCaprio und Brad Pitt den roten Teppich betraten. Andie MacDowell, Adrien Brody, Fatih Akin – und Hunderte kreischender Fans. Vor 25 Jahren hatte Tarantino mit Pulp Fiction hier in Cannes die Goldene Palme gewonnen und damit den Grundstein seiner fulminanten Karriere gelegt. Jetzt wurde er so bejubelt, als sei ihm die nächste schon sicher. Zehn Filme wolle er in seinem Leben drehen, hatte Tarantino verkündet. „Once Upon a Time in Hollywood“ ist sein neunter. Kein anderer Film wurde im frühlingshaft kühlen Cannes so heiß erwartet. Und dann?

Es ist das Märchen vom Studiosystem Hollywoods

Once Upon a Time, es war einmal, so beginnen Märchen. Für Tarantino ist das Hollywood der Woodstock-Ära solch eine Märchenwelt in Technicolor, in der Straßenkreuzer zum voll aufgedrehten Sound von Simon & Garfunkel, den Stones und anderen großartigen, aber vergessenen Songs durch die Glitzerwelt von Beverly Hills kurven. Mittendrin ist man für einen Moment in dieser Zeit, angesteckt von ihrem berauschenden Freiheitsgefühl und ihrer explosiven Kraft. Aber sonst? Worum geht es überhaupt bei dieser Geschichte, die keine Handlung hat?

Er hat seine Frau umgebracht, ist aber cool

Um die Freundschaft zweier Männer, die beide schon bessere Zeiten gesehen haben. Rick (Leonardo DiCaprio) ist ein Fernsehstar, der ahnt, dass es für das richtige Hollywood nicht mehr reichen wird und darüber ständig in Tränen ausbricht. Cliff (Brad Pitt) ist sein Chauffeur, ein ehemaliger Stuntman und abgehalfterter Macho, der seine Frau umgebracht hat. Ansonsten aber ein irre cooler Typ mit einem latenten Hang zur Gewalt.

In einer der wenigen amüsanten Szenen legt er sich mit dem jungen Bruce Lee an, und wenn der dann seinen Kampfschrei ausstößt und seinen aberwitzigen Kampftanz aufführt, ist das ein Lacher. Überhaupt scheint Tarantino in diesem Film die ganze Popkultur und Trashwelt seiner Kindheit aufzublättern. Die Figuren lesen Mad-Hefte und Groschenromane, schauen Polizeiserien und B-Western. Sie gehen essen im legendären Musso & Frank Grill, den es heute noch gibt. Als Vertreter von New Hollywood kommen dann Roman Polanski und Sharon Tate (Margot Robbie) ins Spiel, die in die Villa neben Rick gezogen sind. Und die mörderische Manson Family wird auch noch dazu gemixt, Cliff gabelt ein superattraktives Hippie-Girl auf und landet mit ihr in deren Quartier, einer Ranch, in der Cliff und Rick früher Western gedreht haben.

Randthema: die dunkle Seite von Woodstock und Flower Power

Wer jetzt vermutet, Tarantino würde die dunkle Seite von Woodstock und Flower Power erkunden, liegt falsch. Das Ganze ist nur ein übermütiger Bubenstreich in einer knallbunten Welt voller Zitate und Verweise. Die mörderische Hippie-Gang spielt auch nur Western, ihre Anführerin glotzt jeden Abend dieselbe Polizeiserie wie Rick und Cliff. „Ist das hier nur ein fucking movie, alles nur Kino?“, fragt Cliff beim Showdown in der Nacht, als die Manson-Bande im Wohnzimmer steht und einfach alles, was ihnen begegnet, abschlachten will.

Vorher haben sie diskutiert, ob sie nur töten wollen oder ein echtes Motiv haben. Hier in Beverly Hills wohnen die ganzen Stars aus den Fernsehserien, „in denen wird doch auch nur gemordet“, sagt eines der Manson-Girls, „die haben uns doch gezeigt, wie das geht.“ Das muss, wie alles bei Tarantino, Ironie sein, so platt kann er das nicht meinen.

Dann geht es auf jeden Fall nochmal richtig zur Sache. Blut spritzt, Gesichter werden zerschmettert, ein Flammenwerfer lässt ein Manson-Girl bei lebendigem Leib verbrennen. Und wie in „Inglourious Basterds“ erlaubt sich Tarantino an dieser Stelle wieder, die Geschichte, das grausame Ende der Blumenkinder-Ära, umzuschreiben. Ja, das hier ist ein fucking movie, auch ein echter Tarantino, aber wirklich nicht sein bester.