Cannes: Isabelle Huppert und eine Radikalisierung

Der Wettbewerb in Cannes: In „Frankie“ glitzert und leuchtet es auch auf der Kinoleinwand. Das Gegenstück ist „Le jeune Ahmed“ über einen Jungen, der sich zunehmend radikalisiert
von  Sandra Prechtel
Isabelle Huppert vor der Pressekonferenz.
Isabelle Huppert vor der Pressekonferenz. © dpa

Die spinnen, die Franzosen. Mit welcher Hingabe sie sich noch am achten Festivaltag in Schale werfen – für ihre Angebetete: das Kino. Sogar die Palmen tragen Leuchtgirlanden wie Glitzerkleider. Und selbst die baustellenbedingten Fußgänger-Bretterstege sind mit rotem Teppich überzogen. Cannes, das ist die hohe Messe des Kinos – und ein Volksfest. Ein bisschen Glanz fällt hier auf jeden. Und wenn im Grand Theâtre Lumière die Lichter ausgehen und der Festival-Trailer erscheint, in dem man optisch rote Stufen bis in den Sternenhimmel erklimmt, dann bejubelt und beklatscht das Publikum auch sich selbst. Was für ein Kontrast zu der nüchternen und schockierenden Realität, die die Brüder Dardenne, die grauen Eminenzen des belgischen Autorenkinos, in „Le jeune Ahmed“ zeigen.

Wenn ein Junge immer undurchschaubarer wird

Von der ersten Sekunde an klebt die Kamera an Ahmed, dem schüchternen Teenager mit Brille. Lässt den Zuschauer geradezu körperlich den Druck erleben, unter dem der Junge steht. Ahmed, wie so oft bei den Dardennes großartig gespielt von dem Laiendarsteller Idir Ben Addi, ist in den Bann eines fanatischen Imam geraten. Warum, das erzählt der Film nicht. Sondern wie Ahmed sich in rasender Geschwindigkeit von der Welt entfernt, in der er gerade noch zuhause war. Wie die Menschen, die um ihn kämpfen, die Mutter, die Lehrerin, die Sozialarbeiter, mit ihrem Verständnis und ihren Therapieangeboten völlig ins Leere laufen.

Parallelwelten

Weil Fanatismus – und das zeigen die Dardennes meisterhaft – genau darin besteht, die eigenen Gefühle, die natürlichen Regungen in sich abzutöten. Ahmed gibt der Arabischlehrerin nicht mehr die Hand, weil sie eine Frau ist. Vor allem aber, weil er dann Zuneigung zu einem Menschen empfinden würde, den er glaubt, im Namen Allahs töten zu müssen. Die Liebe der anderen treibt Ahmed immer nur weiter hinein in seine Parallelwelt. Am Ende befreit nicht sie ihn aus seiner Lebensfalle, sondern ein beinahe tödlicher Unfall. Die wahnsinnigen Schmerzen, die Todesangst, die totale Hilflosigkeit lassen Ahmed sich selbst wieder spüren. Er ruft nach seiner Mutter. Mit dem Sturz vom Dach ist Ahmed wieder das Kind, das er vorher war. Ist er zurück in der Wirklichkeit, kann er um Verzeihung bitten.

Neurotischer Reigen einer bourgeoisen Patchworkfamilie

Während der nüchterne und doch empathische Blick der belgischen Kino-Humanisten sich den unteren Gesellschaftsschichten zuwendet, zeigt schon das erste Bild in „Frankie“, dass wir zurück in der Welt der Schönen und Reichen sind. Eine Frau in bodenlangem knall-lila Kleid und Highheels hockt versunken an einem Swimmingpool in paradiesischer Landschaft. Isabelle Huppert sieht aparter und grandioser aus denn je, spielt aber eine todkranke Frau, Schauspielerin Frankie, die noch einmal ihre Familie und Ex-Männer um sich versammelt. Sie hat dafür nach Portugal geladen und wie immer bei solchen Zusammenkünften brechen alte Wunden auf, wirken die fremde Umgebung und Dramatik der Situation wie ein Katalysator. Der Sohn feuert die Gold-und Diamantkette der Mutter, sein Erbe, in den Wald, Frankie, die Mutter, kriecht in einem diesmal knallorangenen Kleid durchs Gebüsch, um sie wiederzufinden. Die Ehe der Stieftochter zerbricht, die eingeflogene New Yorker Freundin, die eigentlich mit dem Sohn verkuppelt werden soll, hat ihren Freund dabei, der am Ende nicht mehr ihr Freund ist. Die Teenager-Enkelin verliebt sich in einen Jungen am Strand. Frankie stakst immer wieder mit tragischem Gesichtsausdruck auf hohen grellbunten Schuhen durch die malerische Landschaft.

Der Film von Ira Sachs lässt den neurotischen Reigen einer bourgeoisen Patchworkfamilie vor uns ablaufen, ein bisschen wie bei Woody Allen, aber keine Figur bekommt wirkliche Tiefe. Man erahnt lediglich, dass die Neurosen und das Scheitern der erwachsenen Kinder wohl ihren Ursprung in der unnahbar wirkenden Mutter, der Schauspielerin Frankie, haben. Eine große Bühne für den Auftritt von Isabell Huppert ist hier geschaffen worden, in Kleidern und Schuhen, die aussehen, als wären sie frisch in den Edelboutiquen rund um die Croisette erworben. Vielleicht ist dieser Film deshalb im Wettbewerb gelandet.