Astor-Film-Lounge in München: Was will der Zuschauer?

10 Millionen Euro hat Hans-Joachim Flebbe in das Arri investiert. Drei neue Säle sind dabei in der Türkenstraße entstanden, aber das neue Astor im Arri hat auch Schwierigkeiten.
von  Adrian Prechel
Der spektakulär große Astor-Saal mit 335 Plätzen. Er ist aus einem ehemaligen Arri-Fernsehstudio entwickelt worden und hat Lichtspielwände aus 5600 LED-Leuchten.
Der spektakulär große Astor-Saal mit 335 Plätzen. Er ist aus einem ehemaligen Arri-Fernsehstudio entwickelt worden und hat Lichtspielwände aus 5600 LED-Leuchten. © Jan Bitter / Astor

München - Vor genau einem Jahr, zu Nikolaus, eröffnete das Astor im Arri – ein Premiumkino mit drei neuen Sälen. Aber auch wer nach dem "alten" Arri sucht, wird – ein paar Stufen nach unten – fündig. Der Raumcharakter ist geblieben, aber es gibt jetzt schöne Holzwände mit vertikalen Lichtröhren.

Vom Foyer ein paar Stufen nach oben ist der ganz neue große Astorsaal, der im ehemaligen Arri-Fernsehstudio spektakulär eingerichtet wurde. Und es gibt noch das kleine Arri-Clubkino, das wie eine Bibliothek eingerichtet ist. So ist das Astor im Arri vielleicht das schönste Kino in München geworden. Aber bleibt der Kinobesucher nicht doch ein "unbekanntes Wesen"?

AZ: Herr Flebbe, Sie bauen Premium-Kinos. Innerhalb eines guten Jahres sind vier neue Astor-Kinos entstanden: diesen Sommer Frankfurt und Braunschweig und zuvor noch in Hamburg und eben München. Sie fürchten sich also nicht vor dem Kinosterben?
Hans-Joachim Flebbe: Meinen Optimismus nehme ich daher, dass alle bisherigen Gründungen gut laufen. Die Leute schätzen halt doch, wenn Technik, Service und Komfort stimmen.

Geht die Billigrechnung der Kette Cinemaxx auf?

Interessanterweise hat aber die Kette Cinemaxx, die Sie ja mitgegründet hatten, eine Gegenkampagne gestartet: mit Billigpreisen.
Ja, das macht mich stutzig. Aber man merkt das auch als Konkurrenz, wie in Hannover, wo wir ein Imaxx-Kino in ein Astorkino umgebaut haben und schnell die Nummer 1 in der Stadt waren. Jetzt hat das Cinemaxx auf 5,99 Euro umgestellt, und ein Teil des Publikums ist wieder abgewandert.

Also geht die Billigrechnung doch auf!
Natürlich gibt es viele Menschen, die aufs Geld schauen müssen. Aber es muss auch klar sein: Wenn ich als Kino weniger Geld nehme, kann ich auch weniger investieren und beschäftige weniger Mitarbeiter. Mit durchgesessenen Sitzen, ruppigem Personal und Schmuddeligkeit versaut man aber das Image des Kinos. Und in zehn Jahren sind die dann endgültig runter mit einem riesigen Investitionsstau. So lockt man keinen hinter seinem Streamingbildschirm hervor.

Streamingkonkurrenz ist brutal spürbar

Hunderte Streamingangebote im Monat für den Wert von einer Kinokarte. Ist das der Tod des Kinos?
Diese Konkurrenz ist brutal spürbar. Kino hatte mal 600 Millionen Besucher im Jahr. Dann kam das Fernsehen, dann Video, dann die DVD und BluRay und jetzt die Streamingdienste. Wir sind jetzt bei 100 Millionen Kinogängern im Jahr. Die Streamingdienste sind so gefährlich wie vor Jahrzehnten das Fernsehen: Es sind Freizeitfresser, weil man nicht nur gezielt einen Film anschaut, sondern ganze Serien reinzieht und von einem Angebot ins nächste springt. Ich sehe dass an meinen Kindern, die 22 und 24 Jahre alt sind.

Mit einem Kinobetreiber als Vater müsste das doch anders sein.
Ich merke ja auch: Wenn die mal was Besonderes, was Schönes machen wollen, gehen sie eben ins Kino! Das ist unsere Chance, obwohl die heute 15 bis 25-Jährigen fürs Kino fast eine verlorene Generation sind. Aber man kann ja mal den Selbstversuch machen, sich Scorseses "Irishman" zu Hause anschauen und dann in einem – ich sage mal – "Filmtheater", das sich eben als mehr als nur als Abspielstätte versteht: Es sind zwei verschiedene Filme!

Das Astor im Arri hat aber auch Schwierigkeiten.
Viele Münchner haben noch nicht richtig mitbekommen, dass hier was Neues entstanden ist. Wer noch das "alte Arri" im Kopf hat, wird jetzt ein Kinowunder erleben. Und die Münchner aus anderen Stadtteilen, haben uns noch nicht als Besonderheit entdeckt.

Auf den Architekturskizzen zum Umbau war mal ein spektakuläres Vordach zu sehen.
Das ist auch genehmigt worden. Aber das ist die Boomtown München: Unser Bauunternehmer hat uns mitgeteilt, er sei so ausgelastet, dass er das erst im kommenden Jahr bauen kann.

Publikum in der Maxvorstadt: Mainstream und Bildungsbürgertum

Wie programmiert man ein Kino wie das Astor im Arri?
Neben "Das perfekte Geheimnis" zeigen wir auch den französischen Film "Die schönste Zeit unseres Lebens" und "The Irishman". Aber selbst so ein relativ spröder Film wie die "Deutschstunde" ist bei uns gut gelaufen. Das macht ja vielleicht auch das Publikum in der Maxvorstadt und Schwabing aus: gehobener Mainstream und Bildungsbürgertum. Wir wollen auch Originalfassungen und deutsche Fassungen in Balance bringen und die Leute auch mal am Nachmittag fürs Kino gewinnen. Mit drei Leinwänden ist das alles schwierig, auch weil Verleiher sagen: Du bekommst den Film, musst ihn aber auch soundso lange laufen lassen. Und das gilt dann auch, wenn er schlecht läuft.

Und was macht Ihnen zu schaffen?
Bei aller neuen Mobilität, es fehlen Parkplätze. Und da habe ich die Idee: Wenn man schon in der Nähe der Uni ist und es da Tiefgaragen gibt, die abends schließen: Vielleicht kann man die ja für uns offen lassen. Da könnte die Uni sogar noch Geld verdienen.

Im Jahr kommen hunderte Filme ins Kino, die dann oft nur ein paar Tausend Zuschauer haben. Ärgert Sie das?
Das sind ja oft gute Filme, die mit großem Engagement über Jahre von Produzenten und Regisseuren erkämpft worden sind. Aber denen geht halt finanziell die Puste aus, den Film noch gut zu bewerben, um an die potenziellen Besucher zu kommen. So geht dann auch eine Perle zwischen einem weiteren Dutzend Filmstarts unter. Eine Ausnahme ist "Systemsprenger". Da haben auch die Feuilletons für einen Anfangsschub gesorgt. Dann war er eben so beeindruckend, dass die Mundpropaganda ihn weitergetragen hat.

Was mich hinmehr beängstigt, ist dass Filme von erprobten Regisseuren mit bekannten Schauspielern, die aber nicht zu den großen Blockbustern gehören, untergehen. Es gibt keinen Mittelbau mehr, auf den die Kinobranche aufbauen könnte. "König der Löwen", oder "Avengers", "Joker" und jetzt "Star Wars" werden das Kinojahr retten – und der Ausnahmefilm "Bohemian Rhapsody". Da sind die Leute bis zum Schluss des Abspanns dringesessen, und es gab Applaus! So ein Gefühl entsteht aber eben nur in einem Kino mit guter Ton- und Bildqualität, das wirklich Atmosphäre schafft.