Interview

Jochen Malmsheimer: Wenn Corona alte Wunden heilt

Für Kabarettist Jochen Malmsheimer hatte die Auftrittspause auch einen schönen Nebeneffekt - er hat sich nach 20 Jahren wieder mit seinem Ex- Bühnenpartner Frank Goosen versöhnt.
von  Thomas Becker
Jochen Malmsheimer.
Jochen Malmsheimer. © Foto: Daniel Karmann/dpa

München - AZ-Interview mit Jochen Malmsheimer: Der 59-jährige Kabarettist aus Essen ist gelernter Buchhändler und erhielt 2018 den Deutschen Kabarettpreis. 

Malmsheimer spielt am  Dienstag um 19.30 Uhr im Innenhof des Deutschen Museums.

AZ: Herr Malmsheimer, schön, dass Sie mal wieder in München auftreten. Wie ist es Ihnen ergangen in den auftrittsarmen Monaten?
JOCHEN MALMSHEIMER: Es hat merkwürdige Einsichten geweckt: unter anderem die, dass es ein Leben neben der Bühne gibt, was ich sehr überraschend fand. Ich habe gelernt, das zu genießen. Offenbar bin ich weniger eitel, als ich selber dachte. Das ist nicht verkehrt. Ich mache mir große Sorgen weniger um Künstler als vielmehr um Theater. Unsere Theaterlandschaft wird sich sehr verändern, weil die vielen kleinen Häuser vermutlich draufgehen werden. Das ist alles ganz furchtbar. Ich mache mir große Sorgen um die jungen Kollegen, die letztes Jahr am Absprung standen. Wo die hingehen soll, was aus denen werden soll, weiß kein Mensch.

Wie schaut's bei Ihnen aus?
Ich bin ja saturiert, kann mich in den Garten setzen und die Sonne auf den Pelz scheinen lassen. Viele andere können das nicht, und das ist echt dramatisch. Ich mache mir Sorgen um die Ignoranz bei vielen, um die Idiotenkonzentration in diesem Land, die zum ersten Mal signifikant mess- und fassbar ist. Unglaublich! Ich habe den Eindruck, dass wir hinter die Zeit der Aufklärung zurückfallen. Plötzlich ist die Welt wieder eine Scheibe! Ich kann es buchstäblich nicht begreifen!

Und leider sind es nicht nur ein paar Versprengte.
Nee, zehn Prozent Irre gibt es überall. Denen muss man mit einem milden Lächeln begegnen. Aber so was sprengt mittlerweile die Grenzen. Irgendwie ist wieder alles erlaubt. Jeder darf, wie er will. Das Wort Rücksicht oder Respekt gibt es nicht mehr - Respekt ist übrigens das lateinische Wort für Rücksicht. Es ist sehr rätselhaft und sehr unangenehm.

Ein Bild von einem Mann: Jochen Malmsheimer.
Ein Bild von einem Mann: Jochen Malmsheimer. © Mangiacasa Agentur

Schlimm ist ja die Machtlosigkeit. Mit Vernunft kommt man denen ja nicht mehr bei.
Man muss sich darauf besinnen, wo man wirken kann, und das ist bei mir zuhause. Ich habe zwei Kinder und habe versucht, aus denen halbwegs integre, kluge Menschen zu machen. Ob das gelungen ist, wird die Zeit zeigen, aber ich bin ganz hoffnungsvoll. Wenn das jeder täte, hätten wir kein Problem.

Malmsheimer: "Es geht mir im Prinzip prächtig"

Und das war sozusagen Ihr Corona-Projekt?
Ich habe Bäume gefällt, Zäune gebaut, Scheunen repariert, einen Gemüsegarten angelegt - ich war selten so busy wie in diesen Wochen. Ich bin seit 25 Jahren verheiratet und zum ersten Mal sechs Monate am Stück mit meiner Frau zusammen gewesen, was ich sehr genossen habe. Wir sind immer noch verheiratet. Es geht mir im Prinzip prächtig.

Wie oft standen Sie auf der Bühne?
Ich habe drei oder vier Gigs gemacht, mich dem Autokino aber verschlossen, weil ich glaube, dass die Anwesenheit des Publikums originärer Bestandteil dieser Kunstform ist. Wenn das nicht gegeben ist, muss ich mich nicht hinstellen und ein Scheibenwischerwackeln als Applaus akzeptieren. Das halte ich für Unfug. Ich muss auch keinem dabei zusehen, wie er sich in seinem Wohnzimmer abfilmt und irgendwelche Witzchen vorliest. Finde ich auch unerträglich. Letztendlich müssen wir uns was Neues überlegen. Die Leute gehen ins Theater um des Mehrwertes willen. Was sie da an Text geboten bekommen, könnten sie auch auf CD hören. Die gehen da hin, um denjenigen live zu sehen, um mit Freunden und Bekannten da hinzugehen, um ein Bier zu trinken und sich zu unterhalten - das ist der Mehrwert. Dafür bezahlen sie Geld. Und wenn ich den nicht installieren kann, sollte man es auch einfach lassen. Wir müssen echt unseren Job vollständig neu denken. Und das wird dauern.

Malmsheimer: "Vielleicht muss ich ein Buch schreiben"

Was also tun?
Ich brauche auch Geld zum Leben. Es kann nicht sinnvoll sein, dass ich jetzt meine Altersversorgung anknabbere. Ich brauche auch die Möglichkeit zu arbeiten, aber ich hab's lange nicht so nötig wie jemand, der mit seiner Karriere beginnt. Mal abgesehen von Finanziellen: Es geht ja auch um die Entwicklung der Persönlichkeit des Künstlers. Der muss arbeiten, um sich entwickeln zu können. Und wenn er das nicht kann, bleibt er ewig ein Newcomer, und das ist ja furchtbar.

Sind Sie jetzt 59. Schon mal dran gedacht, was ganz anderes zu tun?
Was denken Sie denn? Ich habe berechtigte Aussichten noch ein paar Jahre älter zu werden, das heißt, ich muss überlegen, wie Geld reinkommt. Und ich möchte auch mental befriedigt sein, möchte was tun, was mir Freude macht. Ob da immer Publikum dabei sein muss, ist eine andere Frage. Ich habe, wie gesagt, gelernt, auch sehr gut ohne Publikum auszukommen, was eine schöne Erfahrung war. Aber etwas zu finden, was mich befriedigt, was mir Wange und Ohren glühen lässt, ist sehr wichtig. Aber da bin ich noch nicht so richtig weitergekommen. Vielleicht muss ich ein Buch schreiben.

Malmsheimer: "Ich brauche Zeit"

Sie sind gelernter Buchhändler. Wird denn wieder mehr gelesen, oder ist das ein frommer Wunsch?
Das ist Wunschdenken. Es werden sicher mehr kleine Videofilme angeschaut, was ich für absolut idiotisch halte. Letztendlich hat sich die mediale Landschaft auch sehr verändert. Das müssen wir akzeptieren.

Ihre Fernsehauftritte waren stets auf die "Anstalt" reduziert. Warum?
Ich komme von der Geschichte her, von Anfang, Hauptteil und Schluss. Ich brauche Zeit. Um die Dinge zu erklären und sie so darzustellen, wie ich es für richtig halte. Das kannst du im Fernsehen nicht machen. "Komm doch mal bitte von links": So was macht mich rasend! Es ist mir vollkommen egal, wie ich aussehe bei dem, was ich betreibe.

Genau das will man doch sehen: Wie Malmsheimer rasend wird!
Fernsehen ist natürlich ein unglaublicher Multiplikator, das hat man in der "Anstalt" gesehen. Die alte "Anstalt" war wirklich was Besonderes - weil man uns hat machen lassen. Es hieß: "Macht! Wir filmen euch dabei." Du musstest dir keine Gedanken machen, wie das rüberkam. Deswegen habe ich das gern gemacht. Wir haben alle aufeinander aufgepasst, dafür gesorgt, dass keiner unter die Räder kam. Das war ziemlich cool. Aber das kann sich keiner sonst erlauben.

Malmsheimer und Goosen: "Wie ein altes Ehepaar"

Wie kamen Sie damals in die Sendung, zu Georg Schramm und Urban Priol?
Die beiden haben das erfunden und auf die Beine gestellt, und Georg hatte mich schon davor gefragt, ob ich mitmachen wolle. Und ich hab' gesagt: "Ich mach' kein Fernsehen, weil ich das scheiße finde." Georg meinte: "Ich kümmere mich, passe auf dich auf, es wird alles gut werden." Ich sagte: "Ich glaube dir, alter Mann." Dann haben wir das gemacht, und siehe: Er sollte recht behalten. Das war wirklich ganz zauberhaft.

In München lesen Sie aus dem älteren Programm "Halt mal, Schatz!"
Das ist technisch am einfachsten, kein Geraffel, kein Gezappel, was Open Air sowieso kaum Sinn hat.

Zuletzt haben Sie auch wieder "Rückkehr nach Sloekenkoeken" ausgepackt, aus den alten Tresenlesen-Zeiten...
Drei Wochen nach dem Lockdown hat mein kleiner Sohn gesagt: "Papa, die Leute müssen lachen. Du musst was machen!" Er macht gerade eine Lehre bei einer Filmfirma und sagte zu mir: "Geht doch in ein Theater, wir filmen euch, und das wird schön." Ich rief meinen Agenten an: "Wie wär's denn, wenn wir den Goosi dazu anrufen?" Frank Goosen, meinen ehemaligen Bühnenpartner von "Tresenlesen". 20 Jahre haben wir kein Wort miteinander geredet. Meinem Agenten, der auch seiner ist, habe ich gesagt, er soll bloß die Tourpläne entflechten, damit ich ihm nicht begegne, sonst gibt's aufs Maul.

So schlimm?
Ja.

Okay. Aber Sie haben nun den ersten Schritt gemacht.
Das ging nicht gut auseinander, aber jetzt sind wir wieder gut zusammen - das ist das Wichtigste. Es war so süß! Wir haben uns wie vor 20 Jahren auf die Bühne gesetzt und die alten Klopper gemacht. Wir waren wie ein altes Ehepaar: Ich weiß, wann er atmet, wann ich reingrätschen muss. Es ist so großartig gewesen! Ich habe mich so beölt, wie seit Jahren nicht mehr! Innerhalb von zwei Wochen hatten wir im Netz über 120.000 Abrufe. Das hat die Menschen ganz offensichtlich berührt. Zwei Abende haben wir gemacht, haben noch ein paar in petto, die im Oktober reingestellt werden. Weil's einfach so schön war. Ich war so aufgeregt! Mir schlug das Herz bis zum Hals. Ihm aber auch. Ich bin sehr glücklich darüber.

Jochen Malmsheimer spielt am  Dienstag um 19.30 Uhr im Innenhof des Deutschen Museums.