Hochspannung für den Erfolgsstrom

Sie war die Muse an seiner Seite und doch stark genug, um ihm Paroli zu bieten: Hanna Schygulla ist aus Paris nach München gekommen, um über Rainer Werner Fassbinder zu reden
von  Michael Stadler
Im Münchner Hofgarten: Hanna Schygulla kommt zurück aus Paris nach Deutschland. Aber in München verfolge sie zu stark die Vergangenheit, sagt sie.
Im Münchner Hofgarten: Hanna Schygulla kommt zurück aus Paris nach Deutschland. Aber in München verfolge sie zu stark die Vergangenheit, sagt sie. © Petra Schramek

Der Sizilianer klingt gut. Hanna Schygulla möchte im Schumann’s am Odeonsplatz einen kühlen Weißwein trinken. Es wird ihr einiges angeboten. Dann nimmt sie eben den Sizilianer: „Da haben Sie so leuchtende Augen gehabt dabei”, meint sie zum Ober. In München ist die Legende nur für ein paar Tage, schaut sich die „Petra von Kant”-Inszenierung von Martin Kušej an und wird am Samstag über Rainer Werner Fassbinder sprechen.

AZ: Frau Schygulla, hier gibt es gerade ein Fassbinder-Revival. Es verwundert, dass das nötig ist. Fassbinder scheint im Ausland bekannter zu sein als in seiner Heimat.

HANNA SCHYGULLA: Ja, er hat es im eigenen Land nicht so leicht gehabt. Er war immer der böse Bube der Kultur, was man auch interessant gefunden hat. Aber er war nicht der große Sympathieträger am Anfang. Im Ausland haben sie sofort erkannt, was für eine Ballung von Talent er war. Zuerst in Frankreich, dann in New York. Und auch jetzt, vor drei Jahren war eine Fassbinder-Retrospektive im Centre Pompidou in Paris. Da hieß es, er sei so gesellschaftsumspannend wie Balzac, so schmerzhaft wie Van Gogh und so ins Wesentliche gehend wie Kafka. Mit diesen Namen ist er in Verbindung gebracht worden. In Deutschland würde man immer noch nicht so weit gehen.

Sie galten immer als seine Muse. Haben Sie das auch als Bürde empfunden?

Muse-Sein ist nie Bürde. Es ist ja kein Muss. Es heißt ja Muse.

Er meinte immerhin, dass Sie ein „Motor” für ihn waren. Wenn der Motor ausfällt, läuft ja nichts mehr.

Das stimmt nicht ganz. Er hat auch ohne mich sehr aktive Zeiten gehabt. Wir waren ja zweimal ins Schweigen verfallen. Nach der „Effi Briest" meinte ich, ich bräuchte eine Pause. Ihn hat das aber über alle Erwartungen tief verletzt. Er konnte nicht verstehen, wieso ich jetzt etwas anderes möchte, als was er mir geboten hat.

Wie kann man sich die Zusammenarbeit mit ihm vorstellen? Hat er einem ganz klar gesagt, wie man spielen soll oder hat er viel Freiheit gelassen?

Auch da stimmt beides. Er hat detailliert alles abgezeichnet, jede Bewegung ist er einem vorgegangen wie ein Choreograf. Aber er hat keine psychologischen Erklärungen gegeben. Er hat einem auch nicht den Ton vorgeschrieben.

Seine Wutausbrüche am Set sind legendär. Aber ist das auch wahr?

Sie können bei Fassbinder davon ausgehen, dass alles stimmt, auch das Gegensätzlichste. Weil er so unheimlich widersprüchlich war und das auch ausgelebt hat eins nach dem anderen.

Hatten Sie vor ihm Angst?

Na ja, vor dem Fassbinder hatten alle auch Angst. Weil er eben ein Mensch war, der einen schöner machen konnte, als man war. Aber er konnte einen auch total nackt ausziehen.

Haben nicht Sie ihm Kontra gegeben?

Er wusste einfach, wenn er mich schlecht behandelt, drehe ich mich um und geh’. Also hat er mich nicht schlecht behandelt. Er wusste, wir kriegen was voneinander nur im Zustand einer Spannung, die etwas Geheimnisvolles hat und keiner Worte bedarf.

Denken Sie täglich an ihn?

Nein. Aber ich denke viel an ihn, allein schon, weil ich ein Bild von ihm hängen hab’ bei mir. Das ist ein schönes altes Plakat aus Frankfurt. Da war er jung und wild, katzenhaft.

Sie leben lange schon in Paris, in der Nähe der Opera Bastille.

Ja, noch. Ich werde nach Berlin ziehen.

Nicht nach München?

Ja, ich kann Ihnen auch sagen, warum. Weil in München mich jeder Stein an etwas erinnert. In München wate ich knietief in Vergangenheit.

Auch in Fassbinder-Vergangenheit?

Auch das. Und Uni, die Kindheit, die 68er-Jahre. Da ist so viel. Ich kann in München nirgendwo gehen, ohne dass mir etwas sofort aus der Vergangenheit einfällt. Eben das möchte ich gerne vermeiden. Berlin kenne ich ein bisschen, aber nicht sehr viel. Dort habe ich das Gefühl, ich fange noch mal ein neues Leben an. Ich genieße es, wenn ich jetzt nach München herkomme für ein paar Tage. Aber als Dauerzustand möchte ich das nicht haben.

Es ist eigentlich kaum zu glauben, aber die beiden spannendsten Inszenierungen in München sind gerade Fassbinders „Satansbraten” in den Kammerspielen und „Petra von Kant” im Marstall.

Na, da würde Fassbinder sagen: Scharf. Da schwebe ich jetzt seit dreißig Jahren im irgendwo, und bin nun wieder in München wie eh und jeh die heißeste Nummer.

„Fassbinder Still Alive”,  Hanna Schygulla: Samstag, 19 Uhr, Marstall. Sonntag, 19 Uhr: Eva Mattes