Der Schwabing-Pornograf

Klaus Lemke bekommt den Filmpreis der Stadt – sonst hält sich der Schwabinger Cowboy zumindest Offizielles vom Leib
von  Abendzeitung
Klaus Lemke mit Sheila Malek und Indira Madison, den Darstellerinnen in "Schmutziger Süden". Foto: Klaus Lemke
Klaus Lemke mit Sheila Malek und Indira Madison, den Darstellerinnen in "Schmutziger Süden". Foto: Klaus Lemke © klaus lemke

Klaus Lemke bekommt den Filmpreis der Stadt – sonst hält sich der Schwabinger Cowboy zumindest Offizielles vom Leib

Wie weit man sich voneinander entfernen kann: In diesem Jahr wurde Iris Berben Präsidentin der Deutschen Filmakademie, ihr Entdecker vor 40 Jahren hat gerade seinen Film „Schmutziger Süden“ fertig. Kosten: ein paar 10000 Euro, alles selbst finanziert. Klaus Lemke ist der geradlinige deutsche Film-Cowboy. Freiheit ist nur ein anderes Wort dafür, dass man nichts zu verlieren hat, sang Janis Joplin. Für Klaus Lemke trifft das immer noch zu. Heute ehrt die Stadt München den fast 70-Jährigen mit dem Filmpreis der Landeshauptstadt. Regisseur und Bewunderer Dominik Graf wird im Filmmuseum die Laudatio halten. Lemke selbst trifft sich lieber im Arri, nur wenige Meter von dem Dachzimmer in der Amalienstraße entfernt, wo er seit Jahrzehnten haust.

AZ: Herr Lemke, Ihr neuer Film „Schmutziger Süden“ ist wieder ein Münchenfilm. Sie arbeiten sich an dieser Stadt ab.

KLAUS LEMKE: Ja, aber diese Hamburger Arroganz, als wäre München grundsätzlich Scheiße, ist Quatsch. Auch wenn hier die Jugendlichen oft wie junge Beamte sind, die für ihre Band, Raum, Gitarre und Auftritt vom Kulturreferat finanziert bekommen wollen.

Berlin gilt als kreativer.

Nein, Berlin ist ein übersubventionierter Quatsch, der sich für mich anfühlt wie ein lauwarmer Whirlpool mit zwei staubtrockenen Lesben drin. Aber Berlin hat wenigstens einen harten, provozierenden Underground.

Und München ist der „Schmutzige Süden“?

Dieser Film soll das Münchenbild für alle Zeiten verändern. Das ZDF zeigt ihn und mit diesem Geld werde ich dann den nächsten Film drehen, „Hauptsache München“, um zu zeigen, wie heute die Zwanzigjährigen hier ticken.

Wie erleben Sie das denn?

Jedenfalls nicht wie in „Kir Royal“. Ein süßer Film, aber schon immer für alte Leute mit alten Problemen. Wo die gestern „Spezl“ sagten, sagt man heute „Wichser“. Und für meine Filme gilt: „Ohne ein bisschen Porn wäre das Leben ein Irrtum.“

Was wissen Sie denn vom Sexleben der heute 20-Jährigen?

Ich bin auf der Straße, lerne die Mädchen kennen, Rechtsanwalts- oder Zahnarztgehilfinnen. Sie sind die Generation Milchkaffee, Joints und Haargel. Die Mädchen sind sexy, konsumgeil, käuflich und selber schuld an ihrer katastrophalen Leere. Und kaum steht der Sex dann wirklich vor der Tür, flüchten sie in Facebook.

Leben wir nicht in einer durch-sexualisierten Gesellschaft?

Ja, aber in einer ohne Sex. Die Mädchen interessieren sich nur noch für Peripher-Sex und lieben in ihrer Entwurzelung allenfalls noch den Dalai Lama.

Wie gelingt es Ihnen, Frauen zum Dreh für 50 Euro am Tag zu gewinnen?

Es bedarf eines bösen Films, um diese Mädchen aus ihrer sterilen Selbstinszenierung zu befreien, in der sie sich aus Unsicherheit und Anpassung gefangen halten. Das ahnen sie, das fasziniert sie. Meine Filme zeigen ihnen und den Zuschauern eine Alternative zu sich selbst.

Woher haben Sie dieses Gespür?

Ich bin als einziger nicht gekauft von der Filmförderung oder von Fernsehgeldern. Meine Mitspieler werden nicht anhand von Schema-F-Drehbüchern von Lehrbuch-Spannungs-Punkt zu Spannungspunkt geführt, sondern zum G-Punkt. Bei geförderten Filmen ist nach drei Minuten klar, wer wen fickt und wie’s ausgeht. Das ist der Tod des Kinos.

Was empfehlen Sie?

Die Abschaffung der Filmförderung. Es wäre das befreiende Ende dieser pausenlosen Erziehung zur Harmlosigkeit. Als Alexander Kluge Ende der 60er zum CSU-Innenminister Höcherl gegangen ist und um Staatsknete gebeten hat, war das das Ende. Wir hatten unter Hitler nur Staatskunst, dann eine kurze Freiheitsphase bis 1970. Seitdem wird wieder mit Staatsgeldern entwickelt, gedreht, verliehen. Auf europäischer Ebene das gleiche: Film wird mit der Attitüde einer aussterbenden Tierart subventioniert.

Was setzen Sie dagegen?

Einen Kamikaze-Stil. Ich zeige die Frauen, wie sie selbst eigentlich gerne erlebt werden möchten. Bei mir ergibt sich erst beim Dreh, wohin der Film will. Meine Filme polarisieren, man mag sie oder findet sie scheiße. Und weil zu viel Sex drin ist, werden sie erst nach Mitternacht im Fernsehen gezeigt. Aber die Jungen lieben sie.

Warum?

Weil so ein Film wie „Schmutziger Süden“ kein Deutsch Leistungskurs ist, sondern ein ins Verliebtsein explodierender kleiner Schwabing-Porno. Und das Komische, Schnelle, Energetische, das schenkt einem diese Stadt München.

Jetzt schenkt München Ihnen auch den Filmpreis.

Ja, und in Hamburg – wo mein Film „Rocker“ eine Legende ist – hat man mir den Norddeutschen-Filmpreis gegeben. Und ich gebe zu: Es gibt ehrenwertere Leute als mich. Aber diese Preise zeigen auch: Man will raus aus dem musealen Abseits der Filmwirtschaft.

Was werden sie mit den 10000 Euro machen?

Sie meinen, mein Appartement renovieren, damit kein Wasser mehr durch die Decke tropft? Nee, Cowboy! Bei mir würde sowieso keine Frau einziehen. Das Geld stecke ich in den nächsten Film. Gute Filme können nur in einer Atmosphäre entstehen, wenn man nicht weiß, wie man im nächsten Monat die Miete bezahlt. Wer nicht bereit ist, Omas Häuschen zu verpfänden, sollte keine Filme machen.

Welchen Luxus leisten Sie sich?

Dass ich nach den ganzen vergangenen Drogen und Exzessen heute täglich ins Fitnessstudio hier gehe. Auch, weil ich da ’ne Dusche habe.

Haben Sie keine Angst, dass das nicht ewig so weitergeht?

Angst hat man vielleicht mit 30, 40 Jahren. Mit 70 habe ich keine Zukunftsangst mehr. Und wenn die Pumpe aufhört, hat man hoffentlich gerade eine junge Stewardess bei sich für die letzte Reise ins Nirwana. Adrian Prechtel

„Schmutziger Süden“ zeigt das ZDF am Montag, 16.8., 0.10 Uhr