Das Becher-Prinzip

Die Arbeiten des legendären Fotografen-Paares sind jetzt im Münchner Stadtmuseum zu sehen. Kurz vor der Ausstellungseröffnung sprach Hilla Becher mit der AZ über Schönheit, Farbe und ihren VW-Bus
von  Christa Sigg
Duisburg-Huckingen, mittendrin im Ruhrgebiet. Das Foto ist 1970 entstanden.
Duisburg-Huckingen, mittendrin im Ruhrgebiet. Das Foto ist 1970 entstanden.

Schlote, Fördertürme, Kohlebunker – ohne die Bechers wären weite Teile unserer Industriekultur vergessen. Fast 50 Jahre lang hat das berühmte Künstlerpaar fotografiert – oft noch kurz bevor die Abrissbirne kam –, und die Arbeiten sind in allen wichtigen Sammlungen der Welt zu finden. Als Bernd Becher vor vier Jahren starb, zog sich seine Frau Hilla zunächst zurück. Zur Zeit ist sie in München, denn ab heute sind ihre „Bergwerke und Hütten” im Stadtmuseum zu sehen.

Frau Becher, haben Sie eine Kamera dabei?
HILLA BECHER: Nein, natürlich nicht. Wenn ich keine Zeit habe, richtig zu fotografieren, lass’ ich es lieber. Rumknipsen ist nicht mein Ding. Ich will hier lieber ins Museum.

Zum Beispiel?
Ich gehe immer so gerne in die Pinakotheken, besonders in die Alte.

Wie kommt man dann dazu, Hochöfen oder Teleskopgasbehälter zu fotografieren?
Warum nicht? Wir haben Anti-Landschaften fotografiert, das Gegenteil von schönen, süßen Landschaften. Für mich ist das interessant und exotisch. Bernd sah das anders. Er ist in einem Industriegebiet im Siegerland aufgewachsen. Von seinem Fenster aus konnte er einen Hochofen sehen. Und riechen. Er wollte seine Kindheit zurückholen und hat zunächst versucht, davon Zeichnungen zu machen. Er wollte ja nie Fotograf sein. Aber das Zeichnen stellte sich als viel zu kompliziert und zu langatmig heraus.

Menschen haben Sie gar nicht interessiert?
Porträts haben andere schon sehr gut gemacht. Ich habe ja bei einem alten Meister gelernt, der Porträts wie August Sander fotografiert hat. Beim Porträt kommt ja immer noch ins Spiel, wie sich jemand selbst sieht, wie jemand schön sein möchte. Darauf muss man sich einlassen. Als ich meine erste Kamera bekam, dachte ich eher an Stillleben, an Landschaften, ganz profane Gegenstände – das hat mich fasziniert.

Da waren Sie fast schon bei Ihrer späteren Arbeit.
Absolut. Und dann kam noch dazu: Eisen ist sehr fotogen. Überhaupt Materialstrukturen, die sind sehr ergiebig. Gerade in Schwarzweiß.

Farbe war ja nie Ihre Sache. Haben Sie nicht mal gesagt, eine grüne Wiese, ein blauer Himmel würden nur stören?
Sie stören nicht, es entsteht vielmehr eine ganz andere Wertigkeit. Wenn Sie einen Gasometer vor blauem Himmel fotografieren, haben Sie einfach nur ein schwarzes Loch vor blauem Himmel.

Und eine Stimmung.
Ja, der Himmel fällt ja immer anders aus. Aber von allem abgesehen: Wir hätten gar nicht das Geld dafür gehabt. Als wir anfingen, war Farbfotografie noch sehr kostspielig. Und wir hätten das nicht selbst machen können. Weil ich das ja von der Pike auf gelernt habe – auch die Laborarbeit – waren wir unabhängig. Nur so ging es.

Sie wollten eigentlich nie Kunst schaffen. Haben Sie stattdessen die Schönheit im Nützlichen gesucht?
Das trifft völlig zu. Ästhetik und Nützlichkeit haben sehr viel miteinander zu tun. Ein Hammer, eine Schere, das sind einfach schöne Gegenstände. Mit 13, 14 schenkte mir meine Mutter einen Fotoapparat. Ich habe alles um mich herum fotografiert. Töpfe, Teller, Tassen… Auch Schloss Sanssouci, aber das war mir irgendwann zu süß. Dagegen fand ich später das Ruhrgebiet sehr aufregend. Früher war da ja noch richtig was los. Der Himmel glühte rot, da spielte sich ein echtes Drama ab!

Sind Ihre Bilder nicht auch sehr romantisch?
Oh ja! Da gab es ganz interessante Reaktionen. Manche Leute fanden zunächst belanglos, was wir fotografierten. Später, als es abgerissen war, kam Nostalgie auf. In Pittsburgh zum Beispiel. Als die Hochofenanlage mitten in der Stadt weg war, sagten uns die Leute, die Fotos seien so sentimental!

Sie haben nie Atomkraftwerke fotografiert.
Niemals. Wir haben das rigoros abgelehnt. Die Technologie ist nicht zu verantworten, weil nichts rückgängig zu machen ist. Wenn im Bergwerk etwas passiert, werden die Toten beerdigt, dann ist es vorbei. Atommüll strahlt ewig.

Verstehen Sie sich als Archivare? Oder auch Sammler?
Sammler auf jeden Fall. Aber es ging nicht darum, alles auf Teufel komm raus abzulichten. Was sich nicht gut fotografieren ließ, haben wir einfach liegen lassen. Wenn Bäume davor waren oder wenn wir diesen erhöhten Standpunkt nicht einnehmen konnten.

Muss man in Ihrem Metier nicht sportlich sein?
Sportlich waren wir beide nie.

Aber die schwere Ausrüstung, die oft schwer zugänglichen Objekte...
Es war auch immer ein bisschen viel. Wir waren beide nicht durchtrainiert. Und wenn’s dann richtig heftig wurde, haben wir uns abends beide mit Öl eingerieben, massiert, geknetet oder Wärmflaschen aufgelegt.

Wenn man immer so eng zusammen arbeitet, hat man da nicht auch das Bedürfnis, auszubrechen, etwas Eigenes zu machen?
Das macht man auch. Das erste Buch wollten wir in Amerika drucken, da bin ich mit unserem kleinen Sohn einfach für längere Zeit in die Staaten. Das tat mir gut. Wir sind ja auch nicht immer zusammen fotografieren gefahren. Bernd ist im Ruhrgebiet oft alleine los, ich war währenddessen in der Dunkelkammer oder habe mich um die Ausstellungen gekümmert. Aber große Reisen haben wir immer gemeinsam gemacht. Man muss sich da einfach helfen.

Wer war denn im Becher-Team der Boss?
Er.

Das kann man sich gar nicht so recht vorstellen.
Doch, er war der Chef. Aber das ist bei vielen Ehepaaren so. Die Zeiten waren ja auch andere. Manchmal standen aber auch haarsträubende Dinge in der Zeitung wie „sie hilft ihm dabei”. Daran habe ich mich irgendwann gewöhnt und einfach das Schöne an dieser Arbeit gesehen. Na ja, er hatte die Entscheidung. Oder zumindest hat er das gedacht.

Aus der Becher-Schmiede gingen so bekannte Künstler wie Thomas Struth oder Andreas Gursky hervor. Ihr Rezept?
Das war eindeutig Bernds Job. Aber was die Akademie in Düsseldorf ganz generell hatte: Sie war sehr liberal, es gab kein Korsett. Und Bernd ließ alle ihr Ding machen, egal, ob’s ihm gefiel oder nicht.

Gehen Sie noch auf Foto-Tour?
Auf jeden Fall. Ich habe noch einiges vor.

Und Sie sind auch noch im VW-Bus unterwegs?
Ja, der aktuelle ist auch schon 12, 13 Jahre alt. Jetzt muss er jedenfalls wieder zum TÜV, weil mein Sohn meinte, du kannst doch den Bus nicht abwracken!

 

Münchner Stadtmuseum, bis 11. September; am Freitag, 20. Mai ist Hilla Becher dort ab 15 Uhr in einem Künstlergespräch mit Ulrich Pohlmann zu erleben