Interview

Theaterakademie August Everding: Vor den sieben mageren Jahren

Der Präsident der Theaterakademie August Everding über wegfallende Mieteinnahmen und die Ausbildung unter den Bedingungen der Pandemie
von  Robert Braunmüller
Etwas Hedonismus vor den sieben mageren Jahren: Studierende der Musicalklasse im Wittenbrink-Abend "Denn alle Lust will Ewigkeit".
Etwas Hedonismus vor den sieben mageren Jahren: Studierende der Musicalklasse im Wittenbrink-Abend "Denn alle Lust will Ewigkeit". © Jean-Marc Turmes

München - Die Theaterakademie August Everding wird von Corona doppelt getroffen: Die Ausbildung für Theaterberufe lässt sich nicht ohne weiteres ins Internet verlegen. Außerdem finanziert sich die Institution zu einem beträchtlichen Anteil durch die Vermietung des Prinzregententheaters an private Veranstalter wie Münchenmusik und Bell'Arte sowie öffentlich geförderte Orchester wie das Münchener Kammerorchester und das Rundfunkorchester.

Der erfahrene Hochschulllehrer Prof. Hans-Jürgen Drescher folgte im Sommer 2014 als Präsident der Bayerischen Theaterakademie August Everding auf Prof. Klaus Zehelein. Von 2009 bis 2016 war er Vizepräsident der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste, 2016 wurde er zu ihrem Präsidenten gewählt. Ein AZ-Interview.

AZ: Herr Drescher, wie bedrohlich sind die Einnahmeausfälle für Sie?
HANS-JÜRGEN DRESCHER: Wir refinanzieren ein Gutteil unseres Budgets durch Mieteinnahmen. Wir haben dem Ministerium erklärt, dass wir unter Einhaltung aller Hygieneregeln gut 300 Besucher ins Prinzregententheater lassen können, das fast 1100 Plätze hat. Das Haus ist maschinenbelüftet. Wir können innerhalb von elf Minuten die gesamte Raumluft durch Frischluft ersetzen. Damit liegen wir unter dem Richtwert der Gesetzlichen Unfallkasse (VBG). Das Prinzregententheater ist sicher.

Aber wie sicher sind Ihre Finanzen?
Wir wissen nicht, wie unser Haushalt 2021 aussehen wird. Aber eines ist sicher: Die Mieteinnahmen brechen uns fast völlig weg. Ich kann nur hoffen, dass der Staat das kompensiert.

Wie wirkt sich die Pandemie auf den Lehrbetrieb aus?
Wir verbinden Theorie und Praxis, die Lehre läuft über Proben und den Spielbetrieb, durch den Prüfungsleistungen erbracht werden. Das war auch die Idee unseres Gründers August Everding. Der theoretische Unterricht lief zum Beispiel im Studiengang Dramaturgie online - entsprechend den Vorgaben der Ludwig-Maximilians-Universität, mit der wir kooperieren. Aber bei Tanz- und Bewegungsunterrichten, auf die die Studiengänge Musical und Schauspiel angewiesen sind, wird das schwierig. Wir haben digital aufgerüstet, aber das hat Grenzen. Und die den Sicherheits- und Hygienevorschriften entsprechende vorsichtige Wiederaufnahme der Präsenzunterrichte war mit einem beträchtlichen Organisationsaufwand verbunden.

"Brechts Konzept des Epischen Theaters würde sicher eine ganze Menge aushalten"

Sie bringen in Kürze die "Dreigroschenoper" von Bertolt Brecht und Kurt Weill im Großen Haus heraus.
Davor gibt es im Akademietheater noch den Wittenbrink-Abend "Denn alle Lust will Ewigkeit" mit dem Studiengang Musical, bei dem 48 Zuschauer an Bistro-Tischen sitzen. "Die Dreigroschenoper" ist ein studiengangsübergreifendes Projekt mit Studierenden aus fünf Studiengängen. Brechts Konzept des Epischen Theaters würde sicher eine ganze Menge aushalten, sogar eine Darstellung mit Mund-Nasen-Schutz. Dazu wird es aber hoffentlich nicht kommen.

Drescher: Aus dem "Sommernachtstraum" wird nichts mehr

Sie mussten im März Benjamin Brittens Oper "Ein Sommernachtstraum" kurz vor der Premiere absagen. Lassen sich diese Aufführungen nachholen?
Da blutet mir das Herz. Die Produktion war fertig. Nicht nur die Studierenden unseres Studiengangs Musiktheater/Operngesang, sondern auch unsere Gäste von den Hochschulen aus Frankfurt, Graz und Stuttgart haben mittlerweile ihr Studium abgeschlossen. Wir werden daher die Besetzung nicht mehr zusammenbekommen. Auch das Münchner Rundfunkorchester, unser langjähriger Partner, hat viele langfristige terminliche Bindungen. Ich fürchte, wir kriegen den "Sommernachtstraum" nicht wieder hin.

Üblicherweise bekommt der Regisseur die dritte Rate der Gage erst zur Premiere. Die gab es aber nicht.
Ich weiß das nicht im Detail. Olivier Tambosi war mit seiner Arbeit fertig. Wir haben uns mit unseren Gästen über die angemessene Kompensation von Ausfällen geeinigt. Die Berücksichtigung der Interessen des Hauses ist dabei die Aufgabe eines jeden guten Haushälters.

Sie planen für das Frühjahr die Oper "Rote Laterne" von Christian Jost.
Hier gibt es noch viel zu klären. Beispielsweise ist die Platzierung des Orchesters bei den coronabedingt geltenden Abstandsregeln eine komplizierte Aufgabe. Wir sind gerade mit dem Komponisten und dem Münchner Rundfunkorchester im Gespräch und versuchen, gemeinsam eine gute Lösung herbeizuführen.

Drescher: Das sind die Ideen in der Krise

Macht es die Krise für die Absolventen nicht noch schwieriger, ins Engagement zu kommen?
Jeder, der jetzt ein Festengagement hat, wird es behalten. Alle Intendantinnen und Intendanten vermeiden es, Nicht-Verlängerungen auszusprechen. Das bedeutet: Die Chancen für Absolventen auf ein Engagement sinken, wenn die Krise länger anhält. Wir versuchen in Kooperation mit anderen Hochschulen, unsere Absolventen auf dem Markt sichtbar zu halten. Dazu gibt es einige Ideen: etwa ein Forum auf den Bayerischen Theatertagen in Memmingen. Wir versuchen auch, viel Videomaterial zu drehen, das Absolventinnen und Absolventen für ihre Bewerbungen nutzen können.

Es ist immer wieder zu hören, dass die harten Schnitte erst in zwei Jahren kommen.
Die Befürchtung habe ich auch. Man hört immer wieder die Rede von den "Sieben mageren Jahren" ab 2022.


"Denn alle Lust will Ewigkeit" am 27., 29., 30. und 31. Oktober sowie vom 2. bis 5. November im Akademietheater Mitte, einzelne Restkarten telefonisch unter Telefon 089/21851970.