Interview

Stephan Kimmig inszeniert "Die Träume der Abwesenden": Im Beisein der Gespenster

Stephan Kimmig inszeniert "Die Träume der Abwesenden" von Judith Herzberg im Residenztheater.
von  Michael Stadler
Das Ewigkeitslicht-Objekt von Bühnenbildnerin Katja Haß für Stephan Kimmigs Inszenierung "Die Träume der Abwesenden" im Residenztheater.
Das Ewigkeitslicht-Objekt von Bühnenbildnerin Katja Haß für Stephan Kimmigs Inszenierung "Die Träume der Abwesenden" im Residenztheater. © Sandra Then

Da der Antisemitismus in Deutschland wieder beängstigend Konjunktur hat, blicken die Theater verstärkt zurück in die Geschichte: Nachdem Jan Bosse gerade Gabriele Tergits Roman "Effingers" an den Kammerspielen adaptierte und dabei die Geschichte einer deutsch-jüdischen Familie vom Ende der Gründerzeit bis zum Aufdämmern des Nationalsozialismus erzählte, nimmt Stephan Kimmig sich nun am Residenztheater eine Stücke-Trilogie der niederländischen Autorin Judith Herzberg vor.

Herzberg, deren Eltern die deutsche Besatzung in Holland und die Deportation ins Konzentrationslager Bergen-Belsen überlebten, entwirft in "Leas Hochzeit" (1982), "Heftgarn" (1996) und "Simon" (2002) das komplexe Beziehungsgeflecht einer holländisch-jüdischen Familie zwischen 1972 und 1998, wobei die Vergangenheit des Holocaust, der Tod vieler Verwandter in den KZs, die Gegenwart überschattet.

AZ: Herr Kimmig, Sie verbindet eine enge kreative Beziehung mit der mittlerweile 86-jährigen Judith Herzberg. Wann haben Sie sich zum ersten Mal kennengelernt?
STEPHAN KIMMIG: Das ist jetzt über zwanzig Jahre her. Ich habe von 1988 bis 1996 in Amsterdam in der freien Szene gearbeitet. Judith Herzberg ist in den Niederlanden eine absolute Säulenheilige. Meine damalige Frau kannte hat mich auf sie aufmerksam gemacht. Ich habe dann alles gelesen, fand ihre Stücke total berührend. Als ich nach Deutschland zurückkehrte, habe ich gleich zu Friedrich Schirmer, dem damaligen Intendanten des Stuttgarter Staatstheater, gesagt, es gibt da dieses tolle Familienporträt, das wäre doch was für die große Bühne. Dort habe ich dann 2000 "Leas Hochzeit" und "Heftgarn" inszeniert und hatte auch direkten Kontakt mit ihr. Unser Gespräch dauert mittlerweile 21 Jahre an!

"Figuren haben mich  über die Jahre hinweg nicht losgelassen"

2011 haben Sie erneut beide Stücke plus den dritten Teil, "Simon", am Deutschen Theater in Berlin unter dem Titel "Über Leben" inszeniert. Jetzt nehmen Sie sich wieder die Trilogie vor, ergänzt um einen neuen Monolog. Warum?
Diese Stücke, besonders die Figuren darin haben mich einfach über die Jahre hinweg nicht losgelassen. Und ich fand die Inszenierung am DT in Berlin zwar gelungen, aber ich war dramaturgisch mit dem Abend nicht ganz zufrieden. Wenn man die Geschichte dieser Familie chronologisch nacheinander erzählt, ahnt der Zuschauer irgendwann, wo das alles hinführen wird. Wir hatten mit dem letzten Teil auch ganz schön zu kämpfen, weshalb ich jetzt mit meinem Team hier einen anderen Ansatz verfolge.

Und zwar?
Wir fangen jetzt von hinten an, mit dem todkranken Simon, der sich zurückerinnert. Nach zwanzig Minuten gehen wir ins Jahr 1972, rollen sein ganzes Leben und das seiner Familie noch mal auf, bis wir wieder in seiner Gegenwart, im Jahr 1998, ankommen.

Sie haben keine Angst, dass Sie sich beim Inszenieren wiederholen könnten?
Überhaupt nicht. Allein schon, wie Liliane Amuat und Thomas Lettow Lea und Nico spielen - das unterscheidet sich deutlich von ihren Vorgängerinnen. Bereits durch das Ensemble verändert sich vieles. Zudem sind die Kostüme von Anja Rabes ganz anders als die, die sie damals für die Berliner Inszenierung entworfen hat. Katja Haß hat bei allen drei Inszenierungen das Bühnenbild gemacht, die sind sehr unterschiedlich. Und die Musik von Nils Strunk eröffnet auch einen völlig anderen Kosmos.

Lea und Nico wollen im ersten Stück heiraten. Um diese Hochzeit zeigt sich die komplizierte Familienstruktur. So war Nico zuvor mit Dory zusammen, die mit Leas Vater, Simon, eine Affäre beginnt.
Ja, dieses Chaos ist bereits in dieser Hochzeit angelegt. Die Party, für die alle ins Haus von Leas Eltern kommen, findet eigentlich gar nicht statt. Lea will eigentlich doch nicht heiraten. Nico ist gar nicht richtig da, verschwindet auch vorübergehend. Die Mutter von Lea, Ada, fühlt sich nicht wohl und redet davon, dass sie in Therapie gehen will. Ihr Mann, Simon, will sie aber auf der Feier halten. Irgendwo spielt Musik, man tanzt mal, aber dann bricht das wieder ab. Dieser Hochzeit fehlt das Zentrum. Es ist ein spielerisches Taumeln, wobei es am Ende des ersten Teils richtig hart wird, wenn die Beziehungen den Bach runtergehen.

Dass Beziehungen kaputt gehen und innerhalb des Familien- und Bekanntenkreises neu entstehen, ist der Regelfall in dieser Familie. Lea ist zum dritten Mal verheiratet, ihre Ex-Lover erscheinen ebenfalls auf der Party. Nico ist zum zweiten Mal verheiratet und so weiter. Woher kommt das?
Das hat einerseits mit dem Geist der Zeit zu tun, die Siebziger, freie Liebe, "free yourself". Andererseits hängt das sicherlich mit der Traumatisierung durch den Holocaust zusammen: Die mittlere von drei Generationen, von denen Herzberg in ihrer Trilogie erzählt, musste damit umgehen, dass ihre Eltern und Verwandte im KZ starben. Manche wurden als Kind auch weggegeben, wie Lea, die von Simon und Ada zur Sicherheit an eine nichtjüdische "Kriegsmutter" übergeben wurde, bevor die beiden ins Konzentrationslager kamen. Da später noch Vertrauen in Beziehungen aufzubauen, ist nicht leicht.

Die Geister der Vergangenheit spuken in den Köpfen herum, einige sogar sichtbar: Ada stirbt im zweiten Teil, bleibt aber präsent. Und ein gewisser Daniel ist auf der Hochzeit anwesend.
Er ist ein Dibbuk, ein jahrhundertealter Geist, der in die Körper der Menschen hineinspringen kann und gleichzeitig in verschiedenen Zeitebenen existiert. Der weiß gar nicht richtig, wo er gerade ist. Wir haben ihn mit Isaak verschmolzen, dem Sohn von Simon und Dory. So existieren Geister und Lebende nebeneinander, es ist ein sehr vitales Durcheinander. Eine Hauptthese von Judith ist auch: Je mehr Leben es gibt, desto weniger hat Hitler gewonnen. Sie findet daher gerade deutsche Inszenierungen, die sich mit dem Holocaust beschäftigen, oft zu schwer und schuldbeladen. Das ist ja genau das, was die Nazis wollten: dass alles in diesem dunklen Schmutz und Schmodder versinkt. Judith sagt, nein, wir leben! Wir Juden sind da, wir lachen, feiern, haben vitale Beziehungen. Dass dabei vieles wieder zerbricht, hängt dann doch mit den traumatischen Erfahrungen zusammen.

Sie haben vorhin das Bühnenbild erwähnt. Wie sieht es denn aus?
Die Bühne ist leer. Wir arbeiten sehr viel mit Licht. Das ist im Grunde das Bühnenbild.

"Ich liebe es, in München Theater zu machen, die Stadt beflügelt mich!

Was hat Ihre Bühnenbildnerin Katja Haß dazu gesagt?
Katja hätte mich fast umgebracht! Aber es gibt im dritten Stück eine Entwicklung zu einer Art Ewigkeitslicht-Objekt. Das ist in meinen Augen das Beste, was Katja jemals gemacht hat.

Sie haben unter Frank Baumbauer und Johan Simons von 2004 bis 2014 an den Kammerspielen inszeniert. Als Matthias Lilienthal Intendant wurde, war Ihre Zeit hier erstmal abgelaufen.
Was ich auch verstehe. Aber das war schon alles sehr schmerzhaft. Man sitzt ja bei der Arbeit nicht dem Intendanten auf dem Schoß, sondern macht viel mit den Bühnenarbeitern, Requisite, Licht, Ton, natürlich auch mit dem Ensemble. Das war hier damals an den Kammerspielen der absolute Traum für mich, eine Art Zuhause. Ich konnte das gar nicht glauben, dass das aufhört.

Jetzt hat Sie Andreas Beck ans Resi geholt. Sie haben zunächst an einer anderen Trilogie, der Kareno-Trilogie von Knut Hamsun, unter dem Titel "Spiel des Lebens" gearbeitet. Wie weit waren Sie damit, bevor es zum Lockdown kam?
Wir waren kurz vor einem ersten Ablauf. Genau da kam der Lockdown - eine Woche vor der Premiere. Wir haben dann im Sommer mal geschaut, wie das ist, wenn man einzelne Teile spielt, aber merkten schnell, dass das nur in seiner Gesamtheit wirklich Sinn macht.

Die Premiere von "Spiel des Lebens" ist nun am 8. April 2022, dann kehren Sie wieder nach München zurück. Was gefällt Ihnen denn hier so?
Ach, ich liebe es, hier Theater zu machen, die Stadt beflügelt mich! Ich werde in Berlin oder Hamburg ausgelacht, wenn ich davon erzähle, wie schön die Begegnungen hier sind, gerade mit dem Publikum. Die denken: Oktoberfest, Trachten… lauter Klischees! In meiner Heimat Stuttgart ist es zum Beispiel so, dass die Zuschauer kaum reagieren. Das Stuttgarter Publikum zeichnet sich dadurch aus, dass sie selbst dann, wenn sie gar nichts verstehen, dableiben: aus Reschpekt! Die habe was gschafft, da bleibet ma sitzen. Auch in Hamburg sind die Leute eher zurückhaltend. Und in Berlin haben eh schon alle alles gesehen. Aber diese warme Offenheit? Die erlebst du nur in München!

Diese Wärme darf nun auch Judith Herzberg erleben, falls sie denn zur Premiere kommt.
Ja, sie kommt nach München, besucht die Generalprobe und die Premiere. Wobei sie schon sehr alt ist, wie sie selbst sagt. Sie hat mir auch gesagt: Stephan, ich schlafe normalerweise immer um acht vor dem Fernsehen ein. Das ist ja peinlich, wenn ich dann bei deiner Premiere einschlafe. Wenn die Leute das sehen, fällt das ja auf uns beide zurück!


Residenztheater, Premiere am Sonntag, 17 Uhr. Karten unter www.residenztheater.de, Telefon: 2185 1940