Interview

Stephan Braunfels über "Die Vögel" im Nationaltheater

Stephan Braunfels über die Oper "Die Vögel" seines Großvaters, die am Samstag im Nationaltheater als vorletzte Vorstellung vor dem Lockdown herauskommt.
von  Robert Braunmüller
Prskawetz und Hurtner nehmen während ihrer Schicht einen Unfall auf. Die Sopranistin Caroline Wettergreen als Nachtigall in Frank Castorfs Inszenierung der Oper "Die Vögel" im Nationaltheater.
Prskawetz und Hurtner nehmen während ihrer Schicht einen Unfall auf. Die Sopranistin Caroline Wettergreen als Nachtigall in Frank Castorfs Inszenierung der Oper "Die Vögel" im Nationaltheater. © Wilfried Hösl

München - Der damalige Generalmusikdirektor Bruno Walter nennt die Oper in seinen Memoiren "eine der interessantesten Novitäten meiner Münchner Amtsperiode". 100 Jahre nach der Uraufführung kehren "Die Vögel" von Walter Braunfels am heutigen Samstag auf die Bühne des Nationaltheaters zurück - in einer Inszenierung von Frank Castorf. Es sind zwar nur 50 Zuschauer zugelassen, die Premiere wird aber auch als Livestream übertragen. Sein Enkel Stephan Braunfels spricht im AZ-Interview über seinen Großvater und sein Werk.

Stephan Braunfels wurde 1950 in Überlingen geboren. Er studierte von 1970 bis 1975 Architektur an derTechnischen Universität München. Er entwarf 1995 bis 2002 die Pinakothek der Moderne, die Parlamentsneubauten in Berlin sowie die Neue Mitte Ulm.
Stephan Braunfels wurde 1950 in Überlingen geboren. Er studierte von 1970 bis 1975 Architektur an derTechnischen Universität München. Er entwarf 1995 bis 2002 die Pinakothek der Moderne, die Parlamentsneubauten in Berlin sowie die Neue Mitte Ulm. © dpa

Braunfels Stücke bekommen wieder Aufschwung

AZ: Herr Braunfels, haben Sie Erinnerungen an Ihren Großvater?
STEPHAN BRAUNFELS: Ich wurde in seinem Haus am Bodensee geboren und war vier Jahre alt, als er starb. Wir waren in den Sommerferien immer hingefahren. Ich erinnere mich an einen großen Mann mit Glatze, der ein wenig wie Leonardo da Vinci aussah. Er hatte etwas von Gott Vater, wie man ihn sich als Kind so vorstellt.

Die Werke Ihres Großvaters erlebten erst in den letzten beiden Jahrzehnten eine Renaissance. Warum waren sie so lange vergessen?
Der Bann während der NS-Zeit war danach nicht zu Ende. Einer, der immer für das Vergessen genannt wird, ist die Dominanz der Avantgarde. Mein Großvater hat tonal komponiert und war sehr konservativ. Aber es gab auch eine Riege von Alt-Nazis, die Aufführungen von Werken jüdischer oder jüdischstämmiger Komponisten lange verhindert hat. Auch Mahler wurde erst vor 60 Jahren wiederentdeckt, die Opern von Erich Wolfgang Korngold, Alexander von Zemlinsky und Franz Schreker noch später. Mein Großvater ist der letzte, vielleicht auch deshalb, weil er Deutscher war und kein Österreicher. In unserem Nachbarland tut man mehr für die verfemten und vergessenen Komponisten.

Staatsoper wollte früher Werk nicht aufführen

Welche Erfahrungen haben Sie bei Ihren Bemühungen um eine Braunfels-Renaissance in München gemacht?
Ich habe die Musik meines Großvaters schon früh über Tonbänder kennengelernt. Als wir nach München gezogen sind, habe ich an Rafael Kubelík geschrieben, der sich damals stark für Mahler engagierte. Aber ich habe nie eine Antwort bekommen. August Everding wollte in seiner Zeit als Generalintendant "Die Vögel" am Nationaltheater inszenieren. Aber der damalige Opernintendant Wolfgang Sawallisch hat sein Veto eingelegt. Ich habe mich oft gefragt, warum? Zu dieser Zeit hatte die Bayerische Staatsoper alle Opern von Richard Strauss im Repertoire, Sawallisch hat auch regelmäßig Pfitzner dirigiert. Aber die in der NS-Zeit verfemten Komponisten Korngold, Zemlinsky und Schreker nie. Das hat für mich ein Gerüchle.

"Die Vögel ist ein helles, melodisches Werk"

Wie klingt die Musik dieser Oper?
Mich wundert, wieso vor meinem Großvater nie jemand die Satire von Aristophanes vertont hat. In dem Stück wird viel gesungen, eine der Hauptrollen ist die Nachtigall, eine Partie für hohen Koloratursopran. Mein Großvater hat das Werk vor dem Ersten Weltkrieg begonnen und unter dem Eindruck einer schweren Verwundung und seiner Konversion vom Protestantismus zum Katholizismus zu einem zeitlosen Antikriegsstück umgeformt. In seinem Werk ist es die klassizistischste Oper.

"Prinzessin Brambilla" oder "Ulenspiegel" sind avancierter. Es ist ein helles, melodisches Werk wie Wagners "Lohengrin", obwohl die Liebesgeschichte zwischen Hoffegut und der Nachtigall etwas abstrakt-platonisch bleibt. Trotzdem erschüttert mich das Ende der Oper, wenn Hoffegut nach dem allgemeinen Zusammenbruch im großartigsten Gewitter der Operngeschichte weiter seiner Liebe zur Nachtigall nachhängt, ihre Stimme erklingt und er sie nicht mehr versteht.

Frank Castorfs Inszenierung im Nationaltheater

Was erwarten Sie sich von Frank Castorfs Inszenierung im Nationaltheater?
Die Oper wird oft als neue "Zauberflöte" mit schönen Bildern gespielt. Ich denke, dass Castorf die Elemente des Ernsten und Tragischen stärker herausarbeitet. Denn es geht auch darum, dass Menschen auf der Suche nach dem Guten alles zerstören, indem sie über die Stränge schlagen. Ich schätze außerdem Castorfs Bühnenbildner Aleksandar Deniæ sehr und hoffe, dass es eine verrückte Geschichte wird. "Die Vögel" sind unkaputtbar.

Parteihymne für Hitler?

Was ist an der Geschichte dran, dass Adolf Hitler Ihren Großvater um eine Parteihymne gebeten haben soll?
"Die Vögel" waren mit 50 Aufführungen nach der Uraufführung ein Riesenerfolg. Hitler war ein großer Opernfan, er hat "Die Vögel" sicher im Nationaltheater gesehen. 1923 besuchte er meinen Großvater, um ihn um eine Hymne für die NSDAP zu bitten. Hitler scheint nicht geahnt zu haben, dass Braunfels ein jüdischer Name ist. Mein Großvater lehnte das Ansinnen brüsk ab, und meine Großmutter soll gesagt haben: "Dieser Mephisto kommt uns nie mehr ins Haus."

1933 wurde Ihr Großvater aus seinem Amt als Direktor der Kölner Musikhochschule verjagt.
Das hatte nichts mit dieser Begegnung zu tun, sondern damit, dass er nach den Gesetzen der Nazis als "Halbjude" galt. Seine Werke durften nicht mehr gespielt werden, er zog sich dann an den Bodensee in die Innere Emigration zurück. Konrad Adenauer holte ihn dann nach dem Krieg wieder in sein Amt zurück.

Zuständig für städtebauliche Fehlentwicklungen

Was machen Sie selbst derzeit?
Zwei große Projekte liegen coronabedingt auf Eis. Ich schreibe Bücher über Stadtbaukunst. Ich habe mich immer schon zu Wort gemeldet, wenn ich städtebauliche Fehlentwicklungen fürchte. Das begann mit dem Bau der Bayerischen Staatskanzlei am Hofgarten. Das gegenwärtige Gegenstück dazu ist die Scheune von Herzog & De Meuron am Berliner Kulturforum.

Was sind die größten Münchner Fehlentwicklungen?
Das unvollendete Kunstareal und der Konzertsaal im Werksviertel. Ich war dafür, den Marstall umzubauen und zu erweitern. Die gegenwärtige Entwicklung sehe ich mit Sorge, denn ich glaube nicht, dass das Wolkenkuckucksheim hinter dem Ostbahnhof gebaut wird. Wieso soll Söder 750 Millionen für einen Konzertsaal ausgeben, wenn der Gasteig für 500 Millionen umgebaut wird und für 150 Millionen ein Interim in Sendling entsteht, das sich womöglich am Ende als akustisch bester Saal herausstellt?


Die 50 Plätze für die Premiere der "Vögel" am Samstag sind ausverkauft. Die Aufführung wird ab 18 Uhr auf staatsoper.tv live im Internet übertragen.