Shakespeare-Compilation als Film: Pferdeloser Ritt durchs Dickicht

Andreas Wiedermann inszenierte eine Shakespeare-Compilation für die Bühne, dann neu - für und unter Coronabedingungen - und nach den Theaterschließungen noch einmal als Film: "Lords of War".
von  Mathias Hejny
Patriotismus, Königskrone und nur sanft historisierend: "Lords of War".
Patriotismus, Königskrone und nur sanft historisierend: "Lords of War". © Theater Plan B

Corona kommt nur ganz flüchtig und sehr spielerisch vor. Während sein bester Kumpel, Kronprinz Harry und künftiger König Heinrich V. (Martin Schülke), gerade erotischem Vergnügen nachgeht, zieht Falstaff (Bernd Vogel) das rosa Höschen des Mädchens über sein Gesicht und sieht aus, wie wir zur Zeit aussehen müssen, wenn wir zum Einkaufen gehen. Dabei brummelt er: "Ich bin melancholisch wie ein kastrierter Kater". Das Gefühl umschreibt den aktuellen Blues von Theatermachern wie Andreas Wiedermann - er weiß, wie man es macht, kann es aber, zumindest jetzt, nicht.

"Lords of War": Aus vier Königsdramen wird 80 Minuten Theater

Der produktive Niederbayer ist, wie viele Kollegen, ins Internet exiliert. Bei You Tube ist das Finale seines Shakespeare-Zyklusses "Trilogie der Macht", aufgezeichnet im Theater am Hagen in Straubing, zu erleben. Nach dem despotischen Schotten Macbeth (2016) sowie den rivalisierenden Römern Julius Caesar und Marcus Antonius (2018) blättert sein Ensemble Plan B in der unter Engländern spielenden Lancaster-Tetralogie: "Richard II.", beide Teile von "Heinrich IV." und "Heinrich V." Aus den vier opulenten Königsdramen destillierte er 80 Minuten Theater für das Netz, dessen Titel vermutlich nicht zufällig so ähnlich wie ein erfolgreiches Videospiel klingt: "Lords Of War".

Film behält den Kammerspiel-Charakter

Tapfer sieht Andreas Wiedermann auch den "Lichtblick", sich mit der Kamera stärker beschäftigen zu müssen. "Möglicherweise akquiriert dieses Medium als Zusatzprogramm weitere Publikumsschichten", erklärte er dem Straubinger Tagblatt. Mit einfühlsamen Zugeständnissen an das andere Medium behält die Inszenierung ihren Kammerspiel-Charakter. Die Dialoge bleiben dicht an den romantischen Übersetzungen ins Deutsche und schlackenfrei konzentriert gespielt. Die immer wieder irgendwo zwischen Nordengland und Nordfrankreich aufflackernden Schlachtengetümmel sind mit viel Bühnennebel und scheppernden Ritterrüstungen charmant altmodisch.

Der pferdelose Ritt durch die Generationen beginnt 1397 mit der tyrannischen Schlussphase der Herrschaft Richards II. und endet 1422 mit dem Tod von Heinrich V. Die Schwerpunkte liegen zum einen im Privaten und dem immerwährenden Konfliktpotenzial zwischen Vätern und Söhnen. Wenn es sich dabei um Fürsten handelt, drängt sich das Politische unweigerlich auf. In den familiären Machtspielen im Palast liegt, so Wiedermanns Arbeitsthese, ein Kern für die Beständigkeit des Krieges und die Flüchtigkeit des Friedens. Das einprägsame Gesicht der Tragödien-Collage ist Christine Matschoss - als hamletesk scheiternder Richard II., als unbeugsam rebellischer Sir Percy und als verhuschte Königstochter Katharina.