"Richard III." in Salzburg: Die royale Schlachtplatte

Salzburger Festspiele: Lina Beckmann triumphiert als Richard III. in Karin Henkels Inszenierung.
von  Mathias Hejny
Kristof Van Boven (König Heinrich VI./Königin Margaretha/Prinz Edward/Lady Anne, l.) und Lina Beckmann (Richard, Herzog von Gloucester, Richard III.).
Kristof Van Boven (König Heinrich VI./Königin Margaretha/Prinz Edward/Lady Anne, l.) und Lina Beckmann (Richard, Herzog von Gloucester, Richard III.). © Monika Rittershaus/Salzburger Festspiele/apa/dpa

Fast hat man ihn schon vergessen, den vorigen Präsidenten der USA. Wäre Donald Trump nicht so bildungsfern, könnte man ihn im Verdacht haben, unter den vielen Schlimmlingen der Dramenliteratur Richard III. besonders zu schätzen. Der Titelheld einer Shakespeare-Tragödie geht schon virtuos mit dem um, was wir heute als Fake News kennen.

Falsche Fakten wirken so lange auf die Wirklichkeit ein, bis sich diese in eine andere Wirklichkeit verwandelt hat. Als Karin Henkel daran ging, den Richard-Stoff für das Hamburger Schauspielhaus und die Salzburger Festspiele aufzubereiten, wusste noch niemand, ob die Amerikaner ihr Experiment mit einem Immobilienspekulanten, der unter hypertropher Selbsteinschätzung leidet, an der Staatsspitze weiterführen werden.

"Richard The Kid & The King" ist ein großer Abend – bis auf die letzte halbe Stunde

Dann fiel der Festival-Jahrgang 2020 aus und Henkels Projekt lag auf Eis. Zumindest vorerst ist diese bisher schlimmstmögliche Wendung einer US-Präsidentschaft inzwischen abgewendet, aber Karin Henkel ist eine intelligente Regisseurin, die auf die Autokraten und Despoten der schnöden Gegenwart dieser Welt nicht unbedingt angewiesen ist. Um es vorweg zu nehmen: Abgesehen von der letzten halben der insgesamt vier Stunden, in der man offensichtlich allzu hurtig und irgendwie fertig werden wollte, ist "Richard The Kid & The King" ein großer Abend.

Schon zur Pause jubelte das Premierenpublikum in der früheren Saline in Hallein. Und obwohl Lina Beckmann das Zeug hat, ein Richard für die Theatergeschichtsbücher zu sein, ist ihr Wahnsinnstrip kein Solo. Die Ovationen gelten auch den weiteren acht im Ensemble. Wie auch die zentrale Figur sind sie quer und queer durch die Geschlechter besetzt. Das Böse ist nicht nur immer und überall, wie eine Austropop-Band einst erkannte, sondern auch unabhängig vom Geschlecht, lehrt Karin Henkel.

Henkels Text schießt aus dem Mittelalter direkt ins Heute

Sehr deutlich wird auch der Unterschied sichtbar zwischen den mehr oder weniger gefestigten Demokratien unserer Tage und einem vom Bürgerkrieg zwischen den Häusern Lancaster und York in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts zerrütteten England. Damit wir uns aber in unserer modernen Rechtsstaatlichkeit nicht zu komfortabel einrichten, schießt Henkels Text aus dem ausgehenden Mittelalter direkt ins Heute: So einen wie den Richard Gloucester macht nur "ein Volk ohne Geschichte und ohne Gedächtnis" zum König.

Aber wie wird jemand nicht nur zum skrupellosen Betrüger und Intriganten, sondern bald auch zum mehrfachen und sadistischen Mörder? Für das psychoanalytische Fundament zieht Henkel "Eddy The King" heran, den dritten Teil des sechsteiligen Langstreckendramas "Schlachten" von Tom Lanoye und Luk Perceval. Die zwölfstündige Zusammenfassung von Shakespeares Rosenkrieg-Zyklus wurde 1999 gleichfalls auf der Perner-Insel uraufgeführt und lief dann als Koproduktion mit den Kammerspielen auch in München.

Text erzählt nicht nur von Eddy, sondern auch von seinem Bruder Richard

Der Text erzählt nicht nur von Eddy (Kristof Van Boven, der alle Figuren des Lancaster-Clans fulminant spielt), sondern auch von seinem Bruder Richard, dessen Geburt und Kindheit. Die war kein Ponyhof, denn die "Kröte", wie er sich selbst später nennt, war von Geburt an missgestaltet, nicht nur gemobbt von den anderen Kindern, sondern tief gehasst und verstoßen von der Mutter (Kate Strong). Vielleicht daher die Neigung, die Ehefrauen und Mütter seiner Opfer zu heiraten. Auch den Umgang mit abgeschlagenen Köpfen lernt der hässliche, aber aufgeweckte Bub früh, und wenn er später im Blutrausch Lord Hastings (Maik Solbach) bei lebendigem Leib ausweidet, ist das zwar ein Höhepunkt der Grausamkeiten, überrascht aber niemanden mehr.

Für die royale Schlachtplatte baute Bühnenbildnerin Katrin Brack eine kreisrunde, nach hinten ansteigende Spielfläche, über der der Himmel voller leuchtender Kugeln ist - es ist ständig Bewegung in diesem Kosmos aus Gestirnen, die sich um das Treiben auf der Erdscheibe unter ihnen nicht scheren.

Und Richmond tanzt dort, nachdem er Richard mit 20 Schwerthieben gekillt hat, einen einsamen Tanz mit Königskrone auf dem Kopf und beunruhigend irrem Grinsen im Gesicht. Richards Prophezeihung, nach der sein Tod die Welt nicht besser machen werde, ist schon dabei, in Erfüllung zu gehen.


Perner-Insel, Hallein, Dienstag, Mittwoch, 30., 31. Juli, 2., 4., 5. August, 19 Uhr