Mietshaus außer Kontrolle

Eine Tragikomödie: Werktreu und klug stilisiert mit ein paar kleinen Rätseln – Yannis Houvardas inszeniert Hauptmanns „Die Ratten“ am Residenztheater
von  Gabriella Lorenz
Im Käfig: Valery Tscheplanowa als Frau John und Putzkraft von Hassenreuter in Gerhart Hauptmanns „Ratten“.
Im Käfig: Valery Tscheplanowa als Frau John und Putzkraft von Hassenreuter in Gerhart Hauptmanns „Ratten“. © Andreas Pohlmann

"Erfinden Sie sowas mal, Herr Direktor!" Das sagt Naturalismus-Verfechter Spitta den Theaterleuten, die als Voyeure gerade eine Unterschichts-Tragödie miterlebt haben. Dass Menschen aus dem Volk Dramenfiguren sein können – für diese Meinung hat der hehrem schillerschen Bombast verpflichtete Theaterdirektor gerade Spitta als Ratte beschimpft.

In seiner Tragikomödie „Die Ratten" führte Naturalist Gerhart Hauptmann 1911 den Gegenbeweis mit der Putzfrau John als Tragödin. Die Ratten sind die Armen, die mit sozialen Ideen aufrührerisch den Staat unterminieren – so meinte es Hauptmann sarkastisch im Kaiserreich. Der Grieche Yannis Houvardas inszenierte im Residenztheater ganz ohne Aktualisierungen eine düstere Studie über Armut und Glückssehnsucht.

Yannis Houvardas (63) war Intendant des Nationaltheaters in Athen, im Mai warf er wegen Geldmangels das Handtuch. Der Ausverkauf Griechenlands spielt aber hier keine Rolle: Houvardas hält sich recht werktreu, doch klug stilisierend an Hauptmanns Text. Die Schauspieler haben akribisch den Berliner Kunst-Dialekt studiert, in den man sich erst einhören muss. Der Gewöhnung bedarf auch der Akustik-Unterschied zwischen vier Mikroport-Trägern und den ohne Verstärkung klar verständlichen, großflächig theaternden Schauspielern.

Katrin Nottrodts abstrakte Bühne zeigt das soziale Gefälle. Im dunklen Dachboden eines Mietshauses bewahrt der verkrachte Theaterdirektor Hassenreuter (Oliver Nägele poltert und charmiert routiniert) seinen Fundus auf.

Hassenreuter ist noch Mittelstand – aber Treppen unter Falltüren verkünden Abstieg. Proll-Wohnwaben fährt eine Drehbühne aus der Versenkung hoch: In drei Stahlgerüsten stehen am Ende die fahrbaren Gitterboxen des Fundus. Als Käfige für drei Frauen.

Frauen und Kinder – sie sind die Opfer. Das Baby einer drogensüchtigen Nachbarin (Hanna Scheibe liefert eine Amy-Winehouse-Nummer) verhungert. Einer schwangeren Polin (Katharina Schmidt rutscht häufig in keuchende Hysterie) kauft Jette John das Kind ab, um es als eigenes aufzuziehen. Diese Jette John spielt Valery Tscheplanowa unsentimental als schmale, verhärmte Frau, die ihre verzweifelte Hoffnung auf ein kleines Familienglück in Wahnsinn und Tod treibt. Ihr entgleitet ihr Leben: Zunächst hat sie als Putzfrau im Mietshaus alles unter Kontrolle, dann zerfällt die Ordnung.

Nach einigen Längen findet Houvardas Inszenierung in der Abrechnung zwischen Jette John und ihrem Mann einen Höhepunkt. Wie Michele Cuciuffo langsam versteht, was seine Frau getan hat, ist eindringlich. Und Jette sagt verrückt-unverrückbar: „Du hast mein Leben ruiniert." Weil es nie einen gemeinsamen Lebensentwurf gab.

Der Regisseur Houvardas lässt Hassenreuters Leute meist aus der ersten Parkett-reihe das Sozialdrama anschauen. Denn wir sind alle Publikum der Tragödien, die wir im TV sehen.

Ein unverständlicher Stilbruch: Die groteske Comic-Kinder-Maske des Pianisten Michael Gumpinger. Der umkreist als Bub und stummer Beobachter am Flügel die Bühne und variiert „Morgen kommt der Weihnachtsmann". Bloß warum?

Residenztheater, 12., 15., 19. Okt., 6., 14., 21. Nov., 19.30 Uhr, 24. Nov., 15 Uhr, Tel. 2185 1940