Lockerung liegt in der Luft

In Bayern gibt es Anzeichen für eine Lockerung der strikten Obergrenze von 200 Besuchern bei Kulturveranstaltungen.
von  Robert Braunmüller
Bayerns Kunstminister Bernd Sibler.
Bayerns Kunstminister Bernd Sibler. © Robert Braunmüller

"Wir müssen mit Augenmaß ein Stück weit zur Normalität zurückkehren“, sagte Sachsen-Anhalts Innen- und Sportminister Holger Stahlknecht. Er hat vorgeschlagen, nach monatelangen Einschränkungen wieder bis zu 2500 Zuschauer bei Sport- und Großveranstaltungen zuzulassen. Bei niedrigem Infektionsgeschehen und einem guten Hygienekonzept könnten in Einzelfällen auch noch größere Gruppen genehmigt werden, so der CDU-Politiker.
Seinem Vorschlag zufolge sollte die Grenze von 2500 Zuschauern in Hallen und Stadien so lange gelten, bis in einem betreffenden Landkreis mehr als 15 Corona-Infektionen je 100 000 Einwohner pro Woche auftreten. Bei Übertreten dieser Schwelle wären weniger Zuschauer zulässig.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hat zuletzt Lockerungen abgelehnt und zur Vorsicht gemahnt. Trotzdem mehren sich Anzeichen, dass die bisher geltende Obergrenze von 200 Besuchern fallen könnte.
In großen Sälen mit vielen Zugängen wie der Bayerischen Staatsoper oder dem Gasteig scheint eine maßvolle Erhöhung unter Beibehaltung eines Abstands von eineinhalb Metern vertretbar zu sein. Auch die Erfahrungen der Salzburger Festspiele lassen den Schluss zu, dass von Kulturveranstaltungen keine größere Infektionsgefahr ausgeht.

Mehr Handlungsspielräume

Das Ministerium teilt auf AZ-Anfrage mit, dass sich Bayerns Wissenschafts- und Kunstminister Bernd Sibler bewusst sei, dass die Kunst- und Kulturszene im Freistaat Perspektiven brauche, damit die kulturelle Vielfalt in Bayern erhalten bleibe. „Deshalb setzt er sich mit aller Kraft dafür ein, möglichst viele Handlungsspielräume im Einklang mit dem Infektionsschutz für unsere Kunst- und Kulturschaffenden zu eröffnen“, so das Ministerium. Dafür sei Sibler momentan „in intensivem Austausch mit Mitgliedern der Bayerischen Staatsregierung“. Ziel seien umsichtige Lösungen für Lockerungen im Kunst- und Kulturbereich.

Ein mögliches Vorbild könnte die hessische Regelung werden. In der als Konzertsaal dienenden Alten Oper Frankfurt dürfen zu Saisonbeginn 600 Menschen in einem Raum Platz nehmen, der sonst 2400 Besucher fasst. Alle Konzerte finden ohne Pause statt. Zudem müssen die Besucher Hygienemaßnahmen beachten. Einen der ersten Abende werden die Münchner Philharmoniker unter Valery Gergiev bestreiten. Sie werden ihr Kurz-Programm zweimal spielen, allerdings – nach gegenwärtiger Regelung – vor dreimal so vielen Besuchern wie bislang im Gasteig erlaubt.

Die Wiener Staatsoper bittet ihre Besucher neuerdings, auf Bravorufe zu verzichten und dafür umso lauter zu applaudieren. Auch mit der alten Tradition, dass die 567 Stehplätze erst 80 Minuten vor Vorstellungsbeginn verkauft werden, wird gebrochen: Sie werden in 183 nummerierte Sitzplätze umgewandelt. Darüber hinaus stehen mit Hilfe eines „dynamischen Saalplans“ bis zu 1200 der sonst 1709 Sitzplätze zur Verfügung. So weit muss man in Bayern angesichts der steigenden Infektionszahlen und der nachlassenden Vorsicht nicht gehen. Aber etwas mehr Vertrauen in die Selbstverantwortung des Kulturbetriebs wäre angebracht.