Interview

Kabarettist Hosea Ratschiller im Interview: "Ich bin gut im Dienen"

Hosea Ratschiller über sein Programm "Ein neuer Mensch" und das Kabarett in pandemischen Zeiten.
von  Thomas Becker
Der erneuerte Hosea Ratschiller ist mit drei Beinen und drei Armen gut auf die neuen Herausforderungen vorbereitet.
Der erneuerte Hosea Ratschiller ist mit drei Beinen und drei Armen gut auf die neuen Herausforderungen vorbereitet. © P. Osterwalder / C. Pitschl

München - AZ-Interview mit Hosea Ratschiller: Für sein Solo-Programm "Ein neuer Mensch" ist der in Wien lebende Schauspieler, Kolumnist, Satiriker, Moderator und Radiomacher vor zwei Jahren mit dem Österreichischen Kabarettpreis ausgezeichnet worden. 

Sein Auftritt am Sonntag (18 Uhr) in der Lach- und Schießgesellschaft wird gestreamt. Am 1. April stellt er zudem im Volkstheater das Buch "Den Vater zur Welt bringen" vor, das der 40-Jährige mit seinem Vater geschrieben hat. Am 11. Mai ist zudem ein Live-Auftritt mit seinem Solo im Lustspielhaus geplant.

AZ: Herr Ratschiller, am Sonntag leiten Sie eine neue Ära der Lach- und Schießgesellschaft ein: das Streaming-Zeitalter. Wie sind Ihre Erfahrungen mit dieser Art von Kabarett?
HOSEA RATSCHILLER: Ich hoffe, dass es eine sehr kurze Ära wird und dass nach dem Streaming hoffentlich sehr bald wieder das Spielen vor Publikum anfängt. Ich hatte einen Stream in Vorarlberg, wo ein Theater eine Förderung bekommen hat, und da bin ich von Wien sieben Stunden hingefahren, habe vor einem leeren Saal in eine Kamera hinein gespielt und bin sieben Stunden wieder zurückgefahren - da weiß man dann, was Solo-Kabarett wirklich bedeutet.

Hosea Ratschiller kommt in sein "Premieren-Theater in Deutschland"

Bis München sind es vier Stunden, aber Sie zeichnen schon vor Ort in Schwabing auf, oder?
Ja, es wird tatsächlich in den heiligen Hallen selbst stattfinden. Was ich weiß, ist, dass Hanns Christian Müller, der Regisseur von Gerhard Polt, die Regie übernehmen wird, worauf ich mich schon sehr freue.

Sie haben bestimmt mitbekommen, dass es eine neue Führung in der Lach- und Schießgesellschaft gibt. Wie wichtig ist diese Bühne für Sie?
Das war eines der ersten Theater, in dem ich regelmäßig spielen durfte. Ich kam dort an, sah diese unfassbare Ahnengalerie, war noch recht jung und dachte mir "Ja, das schaff' ich schon", habe dann aber relativ schnell gemerkt, dass das Publikum Höchstleistungen gewöhnt ist und dass ich dazu noch nicht immer in der Lage war. Dann habe ich mich sozusagen jahrelang an das Niveau der Lach- und Schießgesellschaft herangetastet und mich dort immer wohler gefühlt. Eigentlich ist es eins von meinen Heimat-Theatern geworden, mein Premieren-Theater in Deutschland. Das Programm "Doppelleben" hatte sogar Uraufführung dort.

Hosea Ratschiller: "Das Einzige, was ich nicht gut kann, ist Lehrer"

Nun also eine Vorstellung ohne Zuschauer. Speziell, oder?
Ich weiß noch nicht mal, ob es wirklich leer sein wird. Was ich weiß, ist, dass es aufgezeichnet und gestreamt wird, aber ich glaube, dass schon jemand drin sitzen wird.

Ihr jüngstes Programm "Ein neuer Mensch" hatte im November vor Corona Premiere, hat also auch nicht viele Bühnen gesehen. Wie ist es Ihnen in dieser unseligen Pandemie ergangen?
Es war beruflich natürlich völlig verheerend, aber nachdem sich bei mir in dieser Zeit das Privatleben so erfreulich entwickelt hat, habe ich die beruflichen Verwüstungen ganz gut abfedern können. Und ich habe gemerkt, dass ich gut einfach aufhören kann, jemand zu sein. Dass ich überhaupt kein Verlangen nach irgendeiner Art von vermeintlichem Status habe, sondern das alles ohne irgendeinen Schmerz ablegen kann. Dass ich gut bin auch im Dienen. Meine Kinder werden das bestätigen, hoffe ich. Das Einzige, was ich nicht gut kann, ist Lehrer.

Hosea Ratschiller: "Mein letztes Programm war ein Glückstreffer"

Ich dachte, in jedem Kabarettisten steckt ein kleiner Pädagoge.
Homeschooling ist das Letzte. Die Kinder wissen das Meiste einfach ja noch nicht - und wollen es auch nicht wissen. Mein Respekt vor Lehrern ist ins Unermessliche gestiegen. Was mir auch aufgefallen ist: Meine Wohnung ist nicht annähernd so ergonomisch gestaltet wie die offizielle Arbeitswelt. Meine Küche ist schön, ich finde auch immer alles gleich, aber sie ist nicht dafür gebaut, dass man andauernd in ihr kocht. Ich habe Rückenschmerzen bekommen. Juristisch gilt es auch nicht als Arbeitsunfall, wenn man beim Homeschooling umknöchelt, weil der Teppich nicht gut fixiert ist. Da sind sicher noch Anpassungen notwendig, damit das bei der nächsten Pandemie wie geschmiert läuft.

Spielen Sie Ihr letztes Programm weiter?
Das war ein Glückstreffer, denn in dem Programm geht es um einen Menschen, der sich aus Überforderung mit der Welt in seine eigenen vier Wände zurückzieht - da musste ich nur an zwei Stellen das Wort Lockdown einfügen, und schon wirkt es wie aktuell, darum spiele ich es auch weiter.

Mitten in die Pandemie gab es immerhin den Österreichischen Kabarettpreis, zum dritten Mal schon.
Ich habe ein ähnliches Abo wie der österreichische Bundespräsident auf Bundeskanzler: Letztes Jahr hat er drei bekommen, und wenn er noch einen angelobt, bekommt er den nächsten gratis.

Hosea Ratschiller: "Die Pandemie war für die Kabarett-Agenturen am schlimmsten"

Schwer zu ertragen, dieses Politik-Schauspiel in Ihrem Land, oder?
Es ist unglaublich. Österreich war ein Experimentierfeld dafür, dass man auch ohne Politik auskommt. Das Experiment ist fulminant gescheitert, und jetzt müssten halt alle zusammen helfen, dass man die Schäden irgendwie beseitigt, vielleicht sogar daraus lernt, wer weiß. Das große Glück von Österreich war, dass wir auch deutsch sprechen. Dadurch hat sich die Presse in Deutschland dafür interessiert, was in Österreich passiert. Einige deutsche Medien waren extrem hilfreich im Kritisieren und Genau-Hinschauen. Wenn wir ungarisch sprechen würden, wäre das nicht so ausgegangen.

Irgendeine Idee, wie Ihre nähere Bühnenzukunft aussehen könnte?
Die Pandemie war für die Kabarett-Agenturen am schlimmsten. Die Theater konnten Umsatzausfälle geltend machen, die Künstler auch, aber die Agenturen mussten weiter arbeiten, sind ja total erfolgsabhängig in der Bezahlung. Wenn ein Auftritt abgesagt wird, verdienen die nichts. Das geht vorerst auch so weiter, ein extremes Roulette.

Eine gewisse Hoffnung besteht für das Frühjahr.
Wahrscheinlich wird sich alles in die warme Jahreszeit verschieben. Aber die Kunst lässt sich nicht aufhalten. Die findet ihre Ventile. Das Geschäftsmodell muss dann irgendwie nachziehen. Das ist kein neues Problem. Wir reden immer über die Krise des Journalismus oder der Kultur, dabei gab es noch nie besseren Journalismus, noch nie bessere Kunst. Das Verlagswesen und die Verwaltung sind in der Krise. Da muss man ansetzen, und dann wird auch in Zukunft Interessantes getanzt, gespielt und erzählt werden.


Karten für das Streaming von Hosea Ratschillers "Ein neuer Mensch" unter digistore24.com und lachundschiess.de