"Intolleranza 1960" bei den Salzburger Festspielen: Masse und Ornament

Salzburger Festspiele: Luigi Nonos Oper "Intolleranza 1960" mit den Wiener Philharmonikernin der Felsenreitschule.
von  Robert Braunmüller
Die über 100 Darsteller auf der Bühne der Felsenreitschule werden durch Video-Projektionen weiter vervielfacht.
Die über 100 Darsteller auf der Bühne der Felsenreitschule werden durch Video-Projektionen weiter vervielfacht. © picture alliance/dpa/APA

Der Komponist Pierre Boulez hat einmal gesagt, bei den Uraufführung seiner Werke sei ungefähr ein Viertel von dem realisiert worden, was er sich vorgestellt habe. Ein paar Jahrzehnte später wären die Interpreten auf 80 Prozent gekommen.

Ähnliches kommt einem nach der Aufführung von Luigi Nonos "Intolleranza 1960" bei den Salzburger Festspielen in den Sinn. Diese vor 60 Jahren in Venedig uraufgeführte Oper wirkt zwar auch in mittleren Aufführungen stark. Aber so richtig kommt dieser dichte, nur 80 Minuten kurze musikalische Kraftakt erst zu sich, wenn er mit allerletzter Perfektion gewagt wird. Oder wenigstens mit dem dem Willen dazu.

Pauken und Trommeln sorgen für Lärm bei den Gewaltszenen

Das hat in Salzburg mit den Wiener Philharmonikern zu tun, aber auch mit dem Raum der Felsenreitschule: In früheren Aufführungen wurde die riesige Schlagzeugbesetzung mit Erlaubnis der Partitur aus Nebenräumen übertragen. Hier sitzen die 12 Schlagzeuger mit ihren Trommeln, Becken, Triangeln und Tamtams auf der linken Seite der Bühne und die drei Paukenspielern rechts. Natürlich machen die Herren in den Gewaltszenen eine Menge Lärm. Aber noch beeindruckender ist das leise Klingeln und Rauschen in der Liebesszene des zweiten Teils.

Allein diese Klang-Massierung, die von Nono immer wieder zurückgenommen und gesteigert wird, sorgt bei dieser auch nach über einem halben Jahrhundert nicht einfach zu hörenden Musik für die Intensität eines Rockkonzerts, die viele Schwierigkeiten leichter hören lässt.

Die Chemie zwischen den Wienern und Metzmacher scheint zu stimmen

So sehr die Wiener Philharmoniker mit klassischem Maß und Bräsigkeit bei Mozart, Beethoven oder Brahms gelegentlich nerven können: Wenn dieser Traditionsclub will und entsprechend motiviert wird, kann sich dieser als konservativ verschrieene Klangkörper in das weltbeste Neue-Musik-Ensemble verwandeln, das auch in Ausbrüchen nicht lärmt, sondern einen Rest an klanglicher Rundung bewahrt.

Irgendwie scheint auch die Chemie zwischen den Wienern und dem bei Münchner Orchestern vergleichsweise unbeliebten Ingo Metzmacher zu stimmen. Und der gemeinsame Wille zur Schönheit macht die Verbindung von Nonos Musik zu Claudio Monteverdis frühbarocker Expressivität und zum Extremgesang bei Vincenzo Bellini hörbar.

Die Solisten sind dafür perfekt - und zwar nicht nur identitätspolitisch mit Persons of Color, sondern auch musikalisch. Sean Panikkar singt die sehr hoch liegende Tenor-Hauptrolle des Emigranten virtuos, noch hinreißender ist Sara Maria Sun als seine Geliebte, die heftigste Intervallsprünge wie harte dynamische Gegensätze erstaunlich mühelos bewältigt und sich auch noch auf der Bühne wie eine Tänzerin bewegt.

Nono arbeitete bei der Uraufführung mit dem Maler Emilio Vedova zusammen, dessen Entwürfe im Foyer zu sehen sind. Die bis heute maßstabsetzende Stuttgarter Aufführung von 1992 stattete der Bildhauer Alfred Hrdlicka aus.

Lauwers versucht es mit dem Holzhammer

Die Salzburger Entscheidung, "Intolleranza 1960" einem Choreografen anzuvertrauen und das Körperliche zu betonen, wirkt zwar auf den ersten Blick schlüssig. Aber Jan Lauwers hat keine Idee, wie mit der vielen Gewalt umzugehen ist, die der heimkehrwillige Gastarbeiter in Folterkellern und Lagern erleidet, ehe er in einer Flutkatastrophe umkommt. Lauwers versucht es mit dem Holzhammer, etwa in der Neufassung der fast immer gestrichenen Sprechszene "Einige Absurditäten des gegenwärtigen Lebens", in der hier ein blinder Dichter und Seher von der Masse ausgelacht und verprügelt wird.

In den Folterszenen quälen sich elf oder mehr schwitzende Paare in der Grauzone zwischen Sex und Gewalt an der Rampe und beschmieren sich mit Blut. Es ist zwar erstaunlich, wie gut die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor mit den Tänzerinnen und Tänzern verschmilzt, aber letztendlich lässt Lauwers ornamentales Massentheater auf der Bühne kalt.

Eine Folterszene in "Intolleranza"
Eine Folterszene in "Intolleranza" © SF/Maarten Vanden Abeele

Paradoxerweise wird auf diese Weise auch deutlich, dass die nur episodisch auftretenden Hauptfiguren mit dem Holzmesser in Form des klassischen Operneifersuchtsdreiecks geschnitzt wurden - insbesondere die abgelegte Geliebte Anna-Maria Chiuri, die plötzlich zur Folterknechtin wird. Und so sehr die Zeit Nonos antifaschistischen Kommunismus zum Humanismus hat reifen lassen: Auch der bleibt, bei ehrlichsten Absichten aller Beteiligten, an einem Ort wie Salzburg ein wenig frivol. Und wenn der Chor das Publikum als "Mitläufer der Herde" und der "widerlichen Schande" beschuldigt, ist die Wirkungslosigkeit politischen Theaters mit Händen zu greifen, die auch schon Brecht erledigt hat, dessen Gedicht "An die Nachgeborenen" den Schlusschor liefert.

Ein möglicher Lerneffekt für die Politik bleibt

Was bleibt, ist Nonos engagierte Ausdrucksmusik. Und ein möglicher Lerneffekt für die Politik. So aktuell "Intolleranza 1960" mit seiner migrations- und am Ende auch umweltpolitischen Botschaft geblieben ist, müsste eigentlich eher ein kulturpolitischer Impuls von den diesjährigen Festspielen ausgehen.

Denn hier singen - anders als in Deutschland - Chöre in Großbesetzung, getanzt wird mit engstem Körperkontakt. In "Intolleranza 1960" stehen ebenso wie im "Don Giovanni" Massen auf der Bühne. Und von zwei Einzelfällen im Publikum einmal abgesehen: Ein Superspreader-Event ist Salzburg nicht.

Das sollte den Politikern zu denken geben, die schon jetzt wieder über kulturelle Einschränkungen im Herbst nachdenken.


Wieder am 20., 26. und 29. August in der Felsenreitschule. Arte sendet eine Aufzeichnung am 21. August um 19.30 Uhr auf Arte Concert, 3sat am gleichen Tag um 22.15 Uhr