Gibt's heute noch Stenotypistinnen?

Die Uraufführung von Friedrich Cerhas komischer Oper „Onkel Präsident“ im Prinzregententheater
von  Robert Braunmüller
Das Finale der Oper "Onkel Präsident" im Prinzregententheater.
Das Finale der Oper "Onkel Präsident" im Prinzregententheater. © Gärtnerplatztheater

Das Problem heißt Tempo. In einer Stunde muss der Präsident den Radlkurier in einen präsentablen Schwiegersohn mit Adels- und Generaldirektorentitel verwandeln. Und er schafft es mit „Eins, Zwei, Drei“, wie die Einakter-Vorlage von Franz Molnár und Billy Wilders turbulente Filmversion heißen.

Leider beschleunigt Friedrich Cerhas Oper selten über ein Allegro moderato hinaus. Sie klingt einschließlich Saxofon wie ein vierter Akt von Alban Bergs „Lulu“, deren dritten Cerha vor 40 Jahren vervollständigte. Alles tönte ernst und gediegen, von Schostakowitschs Groteske in der „Nase“ oder Ligetis postmoderne Collage im „Grand Macabre“ ist dieser „Onkel Präsident“ gleich weit entfernt, um an zwei Meisterwerke der komischen Oper des 20. Jahrhunderts zu erinnern.

Aber Cerha und sein Librettist Peter Wolf wollten gar nicht auf die turbulente Opera buffa hinaus, nach der die Vorlage schreit. Auch Wilders Film vergisst man besser – alles schmeckt nach der verfeinerten Seelen-Gediegenheit von Hofmannsthal und Richard Strauss. Eingerahmt wird die Handlung von kulturkritischen Urlaubs-Altherren-Gesprächen des Präsidenten mit einem phlegmatischen Komponisten (Robert Holl), der Verdis „Falstaff“ als unerreichtes Vorbild verehrt. Und zuletzt wird die Komödie auf die temperiertere Heiterkeit der „Die schweigsame Frau“ heruntergekühlt.

Gelegentlich fiel ein Sänger aus der Rolle. Das wirkte so aufgesetzt wie der Streit zwischen Dirigent und Hauptdarsteller. Es war auch keine gute Idee, die Geschichte aus dem Jahr 1927 ins Heute der Handys zu versetzen. Die Wirtschaft funktioniert doch ein bisschen komplexer als dargestellt. Stenotypistinnen, Maßschneider und die verknöcherten Aufsichtsräte sind aus der Zeit gefallen. Und die grausam altbacken charakterisierten Yankees lechzen heute kaum mehr nach der Einheirat in den europäischen Uradel.

Der inszenierende Hausherr Josef E. Köpplinger ließ die Bäumchen des Vor- und Nachspiels ins Büro hineinwachsen (Bühne: Johannes Leiacker). Er gab dem Klatschreporter das rote Angesicht und die Bürstenfrisur von Jupp Heynckes, respektierte aber sonst redlich den psychologischen Realismus der Vorlage.

Trotz aller Einwände: Langweilig wurde der Abend nie. Das lag an den Sängern: Bei Renatus Mészár (Präsident) verstand man jedes Wort, das Liebespaar (Paul Schweinester und Susanne Ellen Kirchesch) war süß, Chargen wie Ernst Dieter Suttheimer, Holger Ohlmann oder Derrick Ballard würzten die Handlung. Marco Comin und das groß besetzte Gärtnerplatzorchester hielten die oft zäh fließende Musik geschmeidig und deckten die Sänger nicht zu.

Es ist schwer genug, eine komische Oper zu komponieren. Aber sie gut aufzuführen ist ebenfalls eine Kunst. Und die beherrscht Köpplingers Gärtnerplatztheater ziemlich einmalig.

Prinzregententheater, heute, 9., 11., 13., 14. 6., Karten unter Telefon 089 2185 1960