Interview

Georg Schramm: "Ich kann aus dem Rahmen fallen"

Georg Schramm liest Thomas Bernhards "Alte Meister" in der Adaption des Wiener Autors und Zeichners Nicolas Mahler.
von  Thomas Becker
Private Idylle mit beißenden Elementen: Georg Schramm.
Private Idylle mit beißenden Elementen: Georg Schramm. © Isa Fritz

AZ-Interview mit Georg Schramm: Der 71-Jährige aus Bad Homburg gilt als einer der besten, weil schärfsten, politischsen Kabarettisten Deutschlands.

Eine Open-Air-Lesung aus einem Comic? Das geht, wenn ein kluges Unterhaltungstalent wie Georg Schramm das macht, die Bilder von hoher künstlerischer Qualität sind und auf eine Leinwand geworfen werden und die Grundgeschichte ein beißender Klassiker ist: Thomas Bernhards Österreich-Abrechnung "Alte Meister".

AZ: Herr Schramm, das Foto für Ihr Programm "Georg Schramm liest Thomas Bernhard 'Alte Meister'" zeigt Sie vor einem Bild mit goldgerahmter Alte-Meister-Anmutung.
GEORG SCHRAMM: Das ist unser Lieblingsbild: "Trauriges Mädchen" von Michael Sowa, nach einem Bild von Renoir. Das habe ich dem Sowa mal abgekauft. Der war mein Vorgänger beim "Göttinger Elch", und wie das da üblich ist, war nach der Preisverleihung eine Ausstellung seiner Bilder. Er hat dann zu meinem Preis eine so vollkommen irrsinnige Zehn-Minuten-Nummer auf der Bühne abgezogen, dass alle sagten: "Was ist mit dem? Hat der Tabletten genommen?" Ohne Rücksicht auf Verluste. Seitdem mögen wir uns sehr.

Seit dem Rückzug von der Bühne haben Ihre Auftritte Seltenheitswert.
Ich hatte noch so ein paar Versprechen, die ich alten Kollegen gegeben hatte: Laudatio für den Hader, Moderation für das Hansa-Varieté in Hamburg oder Arnulf Rating. Dem habe ich jahrelang versprochen: "Arnulf, bevor ich in die Grube fahre: Einmal komme ich noch zum Politischen Aschermittwoch nach Berlin. Aber keine normalen Auftritte mehr."

Corona hat Sie in Ruhe gelassen?
Wir leben am Waldrand. Wobei es einen zweitägigen Corona-Verdacht gab, als ich mit Fieber im Wohnzimmer lag. Da ist dann mein Blick auf dieses Buch von Nicolas Mahler gefallen, das seit acht Jahren im Fach "Unbedingt nochmal angucken" stand. Dann hab ich mir das angeschaut und fand es umwerfend.

Die Herausforderung: Die Tragikomik Bernhards in einer Lesung vermitteln

Erzählen Sie!
"Alte Meister" ist der letzte Roman von Thomas Bernhard, und Nicolas Mahler ist ein Comic-Zeichner. Heute müsste man Graphic Novel sagen, aber er sagt, solange er denken kann, war das immer Comic. Der hat aus den 335 Seiten einen Comic gemacht, der ebenfalls bei Suhrkamp erschienen ist - der Lektor war Raimund Fellinger, der auch der Lektor von Thomas Bernhard war. Ich fand das grandios. Daraufhin habe ich den Roman nochmal gelesen, und dann fand ich's noch besser. Der Text ist natürlich extrem eingedampft, aber sehr klug. Meine fixe Idee war: Ich bin ja eh draußen - da kommt's nicht mehr drauf an. Man müsste eine Lesung machen und diese grandiosen, witzigen Bilder zeigen, die in den entscheidenden Passagen als Comic die skurrile Tragikomik Bernhards vermitteln können, was ja nicht einfach ist.

Wie kam's zum Kontakt?
Wie es der Zufall wollte, kannte Till Hofmann vom Lustspielhaus in München den Nicolas Mahler persönlich und meinte: "Mit dem hab ich schon eine kleine Ausstellung gemacht. Der ist super, ich geb Dir seine Telefonnummer." Und der Nicolas hat mir das echt überlassen, hat mir sogar eine Sammlung von 270 Bildern geschickt, die er im Comic nicht drin hatte, hat sich eine Mordsarbeit gemacht und die Texte wieder rausretouchiert. Dann habe ich wiederum Text angereichert, und daraus ist dann was geworden. Es könnte sehr schön werden.

Das klingt nach ordentlich Arbeit: Texte für 270 Bilder auf der Basis von Thomas Bernhard!
Das eigentliche Problem war ein technisches. Ich habe irgendwann gemerkt: Wenn ich die Comics dazu zeige, kann das nicht ein Techniker machen. Das muss ich selber machen, wenn ich einen Leserhythmus finden will. Ich übe jetzt jeden Tag zwei Mal, damit das zueinander passt. Aber wenn es passt, ist es toll, weil die Bilder eine so eigene Qualität haben.

Da muss man ja auch mal drauf kommen: Thomas Bernhard als Comic!
Der hat noch ein paar andere unglaublich bizarre Sachen gemacht, der Nicolas Mahler: "Der Mann ohne Eigenschaften" als Comic, einen über "Lulu", über Kafka.

Mahler? "Ein blitzgescheiter Typ"

Was für ein Landsmann ist Mahler?
Wiener. Er hat eine zeitlang auch was für die "Titanic" gemacht, für die "FAS" gezeichnet. Ein ganz bescheidener, blitzgescheiter Typ.

Klingt toll.
Der ist heute auch da. Das freut mich. Denn eigentlich ist es sein Werk, auf das ich mich draufsetze.

Zurück zum Virus. Wie erleben Sie als Ex-Bühnenmann das Corona-Schicksal vieler Kollegen?
Bei den seltenen Besuchen mancher Kollegen habe ich schon so Februar / März eine große Unsicherheit festgestellt - und da wussten wir ja noch nicht, was da auf uns zukommt. Genau genommen wissen wir das ja noch immer nicht. Es häufen sich die Stimmen von Veranstaltern, die sagen: "Wenn wir mit den Beschränkungen noch ein halbes Jahr machen, sind wir pleite." All die gemeinnützigen Kulturveranstalter dürfen per Gesetz gar keine Rücklagen bilden! Und Künstler haben einfach keine Einnahmen. Das ist ein harter Schlag. Ich fürchte, dass über ein Drittel der kleinen Bühnen und Kollegen auf der Strecke bleibt. Urban Priol hat seine Bühne in Aschaffenburg wieder geöffnet und legt jeden Abend zwischen 600 und 900 Euro drauf. Er will einfach nicht, dass das Ding zu ist. Er hat Rücklagen, aber da ist er ja schon eine Ausnahme.

Und dann kommt noch dieser Irrsinn auf den Demos hinzu.
Wir haben in unserem Bekanntenkreis Leute, die jetzt anfangen seltsam zu reden, von denen wir nicht erwartet hätten, dass sie so einen an der Waffel haben. Es häufen sich auch Leute, die sagen, das müsse jetzt mit mentaler Kraft besiegt werden. Auch Kollegen fangen an, seltsame Dinge zu äußern.

Corona fremdgesteuert? "Dann ist bei mir schon komplett Feierabend!"

Ach.
Namen sind mir bekannt, werden aber nicht mitgeteilt. These: Ob das alles nicht doch von irgendwo gesteuert ist... Dann ist bei mir schon komplett Feierabend. Im Alter soll ja die Toleranz abnehmen: Das ist bei mir eindeutig der Fall. Ein guter Bekannter, der einen Laden in der Nähe hat, sagt, er sei manchmal an dem Punkt, dass er manche Leute nicht mehr bedienen will. Oder Medico International, Thomas Gebauer, mit dem ich im Kuratorium bin. Der kämpft seit Jahren gegen die Marktmacht von Bill Gates und der WHO, die von Pharmakonzernen unterwandert ist. Er findet sich jetzt plötzlich gehäuft in Diskussionen wieder, wo er Gates und die WHO verteidigen muss! Der wird schier wahnsinnig.

Mit Vernunft ist diesen Leuten ja auch nicht beizukommen.
Ja, ich habe das Gefühl: Nee! Wenn ich am Marktstand direkt daneben stehe, wenn solche Sätze wie "Is' doch nur 'ne Grippe" fallen, muss ich zwei Sätze sagen und dann gehen. Ich hau' dann einfach ab. Eine Lösung ist das nicht, gebe ich zu. Das mache ich auch nur, damit ich nicht aus dem Rahmen falle und ausfallend werde. Was ich eigentlich ganz gut kann.


Dienstag, 14.9., 20 Uhr, Einlass ab 19.15 Uhr, Open-Air im Innenhof des Deutsches Museums, 29,20 Euro. Restkarten unter der Telefonnummer 089 - 344 974