Ein Update für die "Zauberflöte"

Die Wiederaufnahme der unverwüstlichen Everding-Inszenierung von Mozarts Oper"Die Zauberflöte" mit leichten Anpassungenan die Gegenwartim Nationaltheater.
von  Felicia Englmann
Die Kinder von Papageno (Michael Nagy) und Papagena (Georgina Melville) lassen sich pandemiebedingt von ihrer Schmutzwäsche vertreten
Die Kinder von Papageno (Michael Nagy) und Papagena (Georgina Melville) lassen sich pandemiebedingt von ihrer Schmutzwäsche vertreten © Wilfried Hösl

Die Oper ist ein Ort des Wiedersehens mit Vertrautem. Repertoire und Rituale mit kleinen Nuancen an Veränderungen genießen zu können ist für viele Zuschauer eine Komfortzone mit Gelinggarantie. So kommt es, dass auch die 42 Jahre alte Produktion der "Zauberflöte" an der Bayerischen Staatsoper zuverlässig ihr Publikum findet: Das Immer-Wieder-Sehen ist die Steigerung der Wiedersehensfreude.

August Everdings konservative Inszenierung des Mozart-Klassikers ist daher ideal als Wiedereinstieg in die Repertoirevorstellungen nach der coronabedingten Schließung: Zum Wiedersehen gibt's das ganz besonders Vertraute mit all dem Jürgen-Rose-Bühnenzauber aus feuerspuckendem Drachen, gemalten Landschaften und farbenfrohen Kostümen.

Und doch - 2020 ist sogar hier manches anders. Die kurzfristig freigegebenen 300 Karten pro Abend fanden nicht alle Abnehmer. Die Oper ist gekürzt und dauert nun knapp zweieinhalb Stunden ohne Pause. Die Kinderstatisten im Schlussduett von Papageno und Papagena bleiben zu Hause, stattdessen gibt's Kinderkleidung an einer Wäscheleine.

Doch sobald das Licht im Saal verlischt und das Orchester den ersten Akkord der Ouvertüre spielt, ist das Drumherum vergessen. Welch ein Glück. Hanna Elisabeth-Müller ist eine prinzessinnenhafte Pamina, ihr gegenüber steht Benjamin Bruns als Tamino wie ein reiner Tor, auch stimmlich sind sie ein schönes junges Paar.

Michael Nagy gibt mit vollmundigem Bariton einen Papageno als breitbeinigen Naturburschen, der auch mal schnoddern darf. Die Königin der Nacht (Sabine Devieilhe mit einem München-Debüt) funkelt in den Koloraturen eisklar und kristallin wie ihr Krönchen. Sie singt die Töne voll aus und präsentiert in der Rache-Arie einen effektstarken Lautstärkenwechsel in der Koloratur, als hallte ihr Zornesgesang von den Wänden wider.

Der Kanadier Jordan de Souza, seit drei Jahren Kapellmeister an der Komischen Oper Berlin, gibt ebenfalls sein Debüt an der Bayerischen Staatsoper. Er hat mit dem auf Distanz sitzenden Orchester im erweiterten Graben erst in der zweiten Aufführung seine Form gefunden - und dann auch daran gedacht, zum Applaus auf die Bühne zu kommen. Er präsentiert eine gefühlsstarke, lebensfrohe Interpretation, vermeidet aber mit regulierender Hand ein Überschäumen des Orchesters. Sängern und Sängerinnen gibt er viel klanglichen Raum, setzt auf die Kraft des Mezzoforte und Decrescendo, um Spannung und Innigkeit zu erzeugen. So weit, so vertraut der Mozart-Abend.

Sanft gekürzt ist die Oper in gesprochenen Szenen und stark zu Beginn des zweiten Aufzugs. Hier entfallen unter anderem der Chor, das Duett der Priester und - wegen Mika Kares' lagerfeuerwarmen Basses als einziger echter Verlust - Sarastros Arie "O Isis und Osiris". Die Priester haben wenig zu äußern, die Sklaven sind stumme Rollen - dafür setzt ihr Chef Monostatos ein Ausrufezeichen. Die Staatsoper verzichtet ab sofort darauf, Monostatos in dieser Produktion dunkel anzumalen, "als Konsequenz aus dem Prozess von Auseinandersetzung und Diskussion" um rassistische Stereotype, wie es online im Blog heißt. In neuen Produktionen, etwa auch in Verdis "Otello", ist es schon länger auch international üblich, weiße Sänger nicht dunkel zu schminken.

Angepasst an ein neues Bewusstsein für Alltagsrassismus ist auch Monostatos' Textzeile "weil ein Schwarzer hässlich ist" in "weil ein Sklave hässlich ist". Gestrichen auch Sarastros "Ich weiß, dass deine Seele ebenso schwarz ist wie dein Gesicht". Erhalten bleiben die Zeilen "Weiß ist schön! Ich muss sie küssen" (Monostatos) und "Der böse Mohr verlangte Liebe" (Tamina).

Mohr, so schreibt es auch die Oper, bezeichnet keine Hautfarbe, sondern ist zunächst eine kulturelle Zuschreibung zum Orient. Daher bleiben auch die orientalischen Kostüme in der Inszenierung unverändert. Hässlich bleibt dieser Monostatos dennoch, und zwar innerlich, wie es Wolfgang Ablinger-Sperrhacke fast schon chargierend herausarbeitet: Er ist ein Kriechertyp, ein auch musikalisch farbloser Fiesling und ein Stalker, der aber nicht wagt, Tamina überhaupt zu berühren. Dessen Untergang kann man nun ohne schlechtes Gewissen feiern.

Die Anpassungen der Münchner "Zauberflöte" an das Jahr 2020 und sein Zeitgeschehen beeinträchtigen den Kunstgenuss nicht. Die Produktion bleibt in der Komfortzone. In Erinnerung bleiben viel weniger die Anpassungen als die Wiedersehensfreude und Sabine Devieilhe als neuer Stern am Königin-der-Nacht-Himmel.

Wieder am 7., 10. und 12. September um 19 Uhr im Nationaltheater, Restkarten. Weitere Aufführungen in anderer Besetzung zum Jahreswechsel vom 23. Dezember bis 1. Januar