Ehedrama im Metropoltheater: Es gibt keine alleinige Wahrheit

Das Metropoltheater zeigt das Ehedrama "Die Wahrheiten" von Sarah Nemitz und Lutz Hübner.
von  Mathias Hejny
Katharina Müller-Elmau und Michele Cuciuffo in "Die Wahrheiten".
Katharina Müller-Elmau und Michele Cuciuffo in "Die Wahrheiten". © Foto: Jean-Marc Turmes

München - Sie sind nicht nur unfassbar produktiv, sondern meistens auch noch unverschämt dicht an der Bundesrepublik und ihren Bewohnern. Mit "Die Wahrheiten" haben sich Sarah Nemitz und Lutz Hübner den ganz privaten Raum zu ihrer Spielwiese gemacht und hetzen zwei Ehepaare aufeinander. Der Dreiakter für vier beginnt gleich mit einem Knaller: Sonja und Bruno erhalten eines späten Abends eine SMS von Jana und Erik, die ihre 17 Jahre währende Freundschaft mit sofortiger Wirkung kündigen.

Mit dem Satz "Wir wollen das mit Euch nicht diskutieren" hoffen die Absender natürlich vergebens darauf, dass das funktioniert. Zur Tragikomik zeitgenössischer Kommunikationstechnologien gehört, dass mit dem Ansteigen der Information auch die Menge an Fragen daran steigt. Nemitz und Hübner beherrschen perfekt ihre abgefeimte Mischung aus dem gehobenen, leicht satirischen Boulevard von Yasmina Reza und der Beziehungen als Kriegsschauplätze ausmalenden Psychologie von Henrik Ibsen.

Beziehungen als Kriegsschauplätze

Zuerst zerlegen Sonja und Bruno ihre Ehe, denn die Ratlosigkeit über die Motive der Freunde legt sehr schmerzlich die Bruchstellen ihrer Familie, zu der auch ein fast erwachsener und, wie man später erfährt, unehelicher Sohn gehört. Anschließend erscheinen Jana und Erik auf der schlichten und als vielfältig nutzbare Sitzgruppe von Thomas Flach entworfenen Drehbühne und zeigen, was kurz zuvor zwischen beiden passierte und wie es zu der verhängnisvollen Textnachricht kam.

Der dritte Teil ist im Schauplatzwechsel dichter getaktet und blendet zwischen den getrennten und heimlichen Treffen der Frauen und der Männer. Es geht wortreich um Vertrauen und dessen Verlust, um das schonend gemeinte Verschweigen von Wahrheiten und schonungslose Lügen. Man verhandelt, nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Me-Too-Diskussion, Kränkungen und viele Schattierungen des Missbrauchs der Macht von den unbewusst zugefügten Verletzungen bis zur vorsätzlichen Vergewaltigung aus einer früheren Beziehung Sonjas.

Das zweite Paar: Mara Widmann und Leo Reisinger.
Das zweite Paar: Mara Widmann und Leo Reisinger. © Foto: Turmes

Höllisches Quartett

Die Inszenierung von Jochen Schölch im Metropoltheater ist atemberaubendes, weil kompomisslos dem Ensemble maßgeschneidertes Schauspielertheater.

Mit den beiden Ex-Resi-Mitgliedern Katharina Müller-Elmau und Michele Cuciuffo als das wohlhabende Neospießer-Pärchen Sonja und Bruno sowie die immer wieder beeindruckende Mara Widmann als depressive Psychologin Jana und der fein spielende Leo Reisinger als ihr liebevoller Ehemann Erik, der immer alles richtig machen will und dabei die schlimmstmögliche Wendung herbeiführt, ist in aller Zivilisiertheit der Figuren ein höllisches Quartett entstanden.

Das mit Verlauf der pausenlos zwei Stunden wachsende Gefühl, am Ende keine Schuldigen zu finden, ist zermürbend. Andererseits erleichtert es ein wenig, zu wissen, dass es nie nur eine einzige Wahrheit gibt.


Metropoltheater, 23. bis 26., 30. September, 23. bis 26., 29. und 30. November, 2. bis 6. Dezember, 19.30 Uhr, Tel.: 08932195533