Interview

"Die Hugenotten": Ein Massaker als Stillleben

Andreas Wiedermann inszeniert Meyerbeers "Die Hugenotten" in der Allerheiligenhofkirche – und bald auch Wagners "Liebesverbot" im Sugar Mountain.
von  Robert Braunmüller
Das Ensemble von Opera incognita im Kostüm für Meyerbeers "Hugenotten".
Das Ensemble von Opera incognita im Kostüm für Meyerbeers "Hugenotten". © Aylin Kaip

Die 1836 in Paris uraufgeführte Oper des gebürtigen Berliners war einer der ganz großen Hits des 19. Jahrhunderts. Dann verschwanden Giacomo Meyerbeers "Les Huguenots" aus den Spielplänen, der Bann jüdischer Komponisten in der Nazi-Zeit sorgte für weiteres Vergessen. Das freie Ensemble Opera incognita um den Regisseur Andreas Wiedermann und den Dirigenten Ernst Bartmann hat sich unbekannten Werken verschrieben. Sie zeigen Meyerbeers Historien-Oper über den Massenmord an den französischen Protestanten in der Bartholomäusnacht ab 27. August in der Allerheiligenhofkirche.

AZ: Herr Wiedermann, Sie haben zwar schon "Aida" inszeniert, aber im Vergleich zu den "Hugenotten" ist Verdis Oper wirklich ein Kammerspiel. Wie soll das in kleinem Rahmen gehen?
ANDREAS WIEDERMANN: Wir planen Meyerbeers "Hugenotten" schon länger und haben dafür eine Förderung beantragt. Außerdem passt diese Oper zu uns. Sie wurde zwar zuletzt immer wieder gespielt - etwa vor ein paar Jahren in Nürnberg. Aber in München ist sie wirklich eine Opera incognita. Hier wurden sie sicher 30 Jahre nicht gespielt.

"Meyerbeer ist eine Generation älter als Wagner"

Ich fürchte, es ist mindestens dreimal so lange her. Die meisten Menschen kennen - wenn überhaupt - Meyerbeer als Rivalen Wagners, was so auch nicht stimmt.
Wenn, dann hat er musikalisch höchstens mit dem frühen Wagner zu tun. Meyerbeer wurde 1791 geboren. Er ist eine Generation älter als Wagner, ein Zeitgenosse von Donizetti und Rossini. Seine Musik klingt für mich wie ein großes musikalisches Mash-Up aus italienischer Oper über den Luther-Choral "Ein feste Burg ist unser Gott" als musikalisches Symbol der Hugenotten bis hin zu Buffo-Momenten, die auf uns eher operettenhaft wirken und an Offenbach erinnern. Dieser Stilmix ist von Wagner maximal entfernt.

Meyerbeer wird auch deshalb selten gespielt, weil die Musik hochvirtuos zu singen ist.
Das ist für uns eher ein Vorteil, weil Meyerbeer im Unterschied zu Wagner auch von eher leichten Stimmen gesungen werden kann. Allerdings braucht man dafür eine gute Höhe.

Meyerbeer ist vor allem auch der Meister szenischer Effekte. Da brennt schon mal wie in der "Götterdämmerung" die Welt ab.
Allerdings klingt die Musik dazu anders. Und mir kommt die Sache auch unpolitischer vor. Die Bartholomäusnacht kommt mir mehr wie eine Maske vor, die diese Oper aufsetzt. Und deshalb scheinen mir die "Hugenotten" für unsere Werkstattaufführung mit 12 Instrumentalisten, acht Solisten und einen kleinen Chor machbar.

Die "Hugenotten" haben fünf Akte und dauern schon mal vier Stunden, wobei sich das dramatische Tempo gegen Ende hin steigert.
Bei uns geht es schon schnell los und wird dann noch schneller. Unsere kompakte Fassung dauert etwa zwei Stunden. Die Ballette mussten wir ohnehin streichen, außerdem gibt es die eine oder andere Endlos-Schleife, die uns verzichtbar schien. Meyerbeers musikalischem Feuerwerk setzen wir eine szenische Reduktion entgegen - und zwar noch mehr als sonst: als stehende Bilder, als Stillleben. Jeder Gefühlsumbruch oder Wechsel einer Situation lässt ein neues Bild entstehen.

Warum sprechen Sie dann von einer "halbszenischen" Aufführung?
Ich habe schon Abende in der Staatsoper erlebt, die halbszenischer aussahen. Es ist nicht ganz szenisch, etwas dazwischen, ein Hybridprojekt. Was auch damit zu tun hat, dass ich die Inszenierung für einen völlig anderen Raum konzipiert habe. Die Allerheiligenhofkirche ist aber der einzige Raum, der sich so mit Zuschauern besetzen lässt, dass wir uns die Aufführung halbwegs leisten können.

"Wir haben uns entschlossen, alle Projekte durchzuziehen"

Da es um den Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten geht, passt eine Kirche doch auch wieder.
Eigentlich soll durch die Hochzeit einer Katholikin mit einem Hugenotten Frieden geschlossen werden. Margarete von Valois versucht, einen Pakt zu organisieren, scheitert aber damit. Schon im ersten Akt taucht auf einer Katholikenparty ein Hugenotte auf und singt ein Kampflied. Auf beiden Seiten ist die Bereitschaft zum Frieden gering.

Deshalb endet die Oper auch mit einem Massaker.
Nach meinem Eindruck bleibt das aber Maske, es hat nicht die mythologisierende, elementare Kraft von Wagner.

Für freie Regisseure wie Sie und freie Gruppen wie Opera incognita sind die Zeiten ungünstig. Was haben Sie gemacht?
Wir haben uns entschlossen, alle Projekte durchzuziehen und auf Video aufzunehmen - wie die "Blechtrommel" und Shakespeares Königsdramen. Diese Inszenierungen wollen wir nun auch live nachliefern. Im Moment drehen wir eine neue Version von "Draußen vor der Tür" an einem Lost Place.

Wie schaut es finanziell bei Ihrer Truppe aus?
Wir werden auch bei gutem Besuch mit den "Hugenotten" wegen der nur 140 Plätze ein Minus machen. Allerdings unterstützt uns unser Förderverein. Ich hoffe im Herbst auf neue Regelungen mit 3G und Maske, aber ohne die Abstände, damit wir wieder alle Plätze besetzen können. Wir haben zwar auch staatliche Hilfen aus einem Sonderfonds beantragt. Aber das ist sehr bürokratisch, und es ist die Frage, wann das Geld bewilligt wird. Man kann das realistischerweise nicht in die aktuelle Kalkulation einplanen.

Sie inszenieren im Oktober Wagner in München - das "Liebesverbot".
Das ist ein Auftrag anlässlich des 150-jährigen Bestehens des Richard-Wagner-Verbands München - an einem sehr exzentrischen Ort, dem Sugar Mountain in Obersendling in der Nähe der U-Bahn Aidenbachstraße. Wir werden diese Oper nach Shakespeares "Maß für Maß" viel weniger komödiantisch spielen als üblich und zeigen einen Überwachungsstaat, irgendwo in der Mitte zwischen "Die Tribute von Panem" und Pandemie. Dafür eignet sich dieses ehemalige Betonwerk besonders gut.

Die Aufführung ist öffentlich?
Es wird drei Vorstellungen geben, Premiere ist am 16. Oktober.


Premiere am 27. August, 20 Uhr, auch am 28. August sowie am 8., 9., 10., 11. September. Karten unter Telefon 21837300 und bei Münchenticket, Infos unter www.opera-incognita.de, Karten für das "Liebesverbot" am 17., 22. und 23. Oktober ebenfalls bei Münchenticket