Das neue Volkstheater: Glücksmomente im Wunderland

Münchens Bühnenzukunft leuchtet in den schönsten Farben: Das von den Architekten Lederer Ragnarsdóttir Oei entworfene neue Volkstheater im Schlachthofviertel ist eine Sensation - und zeigt, dass es auch ohne Kostensteigerungen geht.
von  Roberta De Righi
Einladende Rundungen im Innenhof.
Einladende Rundungen im Innenhof. © Christa Sigg

München - "Hotel Lederer am See" steht ein bisschen surreal in Schnörkelschrift über einer Szenerie aus Containern, Schrott und Graffiti-Wänden.

Neues Volkstheater: Raues urbanes Klima und kreativer Wildwuchs 

Hier, auf dem Gelände des einstigen Viehhofs, direkt an der Bahnstrecke nach Rosenheim, gibt es zwar weder ein Hotel noch einen See. Aber ein Visionär namens Arno Lederer ist nicht weit. Er ist der Architekt des neuen Volkstheaters, das gleich nebenan errichtet wurde. Und damit Schöpfer eines Bauwerks, das für ganz reale Glücksmomente sorgt.

Der Neubau entstand inmitten eines ungeordneten Areals, wie es in München leider rar geworden ist. Zwischen dem (oft riech- und hörbaren) Schlachthof auf der anderen Seite der Zenettistraße und der Bahntrasse nach Südosten herrscht ein raues urbanes Klima, das alle Arten von kreativem Wildwuchs begünstigt: Hier ist Platz für Naturdarm-Veredelung und Altmetall-Upcycling, für Graffiti und Urban Gardening. "Bahnwärter Thiel" und "Alte Utting" sind die unmittelbare Nachbarschaft.

Neues Volkstheater auf insgesamt 9.500 Quadratmetern

Wo einst das Vieh gehandelt wurde, ehe es auf der Schlachtbank landete, steht nun auf einer Fläche von insgesamt 9.500 Quadratmetern das neue Theater mit drei Spielstätten, Probebühne, Werkstätten und Büros, Restaurant, Bar und Biergarten sowie Künstler-Apartments und Kindertheaterwerkstatt.

Das Haus, das im Frühsommer 2018 begonnen wurde und Mitte Juni übergeben wird, ist das bemerkenswerte Ergebnis eines vom Münchner Baureferat ausgeschriebenen Generalübernehmer-Verfahrens, bei dem Ende 2017 die Planungsgruppe des Bad Saulgauer Bauunternehmens Georg Reisch mit dem Stuttgarter Architekturbüro Lederer Ragnarsdóttir Oei (LRO) siegte.

Neues Volkstheater soll am 15. Oktober eröffnet werden

Ein eingespieltes Team, das sich bereits in einigen Projekten bewährt hat. Und gemeinsam mit dem Referat das Wunder vollbringt, ein öffentliches Bauwerk trotz Corona pünktlich und ohne Budgetüberschreitung zu vollenden: Die Kosten liegen bei 131 Millionen Euro, eröffnet wird - wenn nicht noch eine Welle dazwischenkommt - am 15. Oktober.

Architekt Lederer: "Ich kenn' hier jedes Schräuble"

Dass man den Raumbedarf gemeinsam mit dem zukünftigen Nutzer, dem Volkstheater, vor der Planungsphase sehr genau erarbeitet hat, dürfte zu diesem Erfolg wesentlich beigetragen haben.

Architekt Arno Lederer vor den "Blumentopf-Leuchten".
Architekt Arno Lederer vor den "Blumentopf-Leuchten". © Christa Sigg

LRO, die das Internat Salem am Bodensee, die dm-Konzernzentrale in Karlsruhe und in München bereits einen Bürokomplex am Arnulfpark gebaut haben, stehen für städtebauliche Sensibilität, kontrastreiche Materialität, solide Bau- und hohe Raumqualität. Für den Mut zur großen Form wie für die Liebe zum Detail. "Ich kenn' hier jedes Schräuble", erzählt Lederer, und man glaubt es ihm sofort.

Das neue Volkstheater geht in seiner Umgebung auf

Das Volkstheater ist nicht sein erstes Theater-Projekt, aber der erste Neubau: Lederer Ragnarsdóttir Oei haben bereits das Staatstheater Darmstadt saniert. Ein nagelneues Schauspielhaus wiederum ist an sich schon eine Sensation, die es in Deutschland schon lange nicht mehr gegeben hat.

Ein Theater muss nicht nur wie am Schnürchen funktionieren, sondern sollte auch eine gute Figur machen. Und es sieht so aus, dass das neue Volkstheater beides spielend schafft. Das Haus geht in seiner Umgebung auf, begegnet dem Bestand mit Respekt und setzt dennoch Akzente: Ein breiter Rundbogen, flankiert von einer Stele, öffnet die rund 95 Meter lange Straßenfassade zur Tumblingerstraße. Er orientiert sich diagonal zum Zenettiplatz hin und lädt schon von weitem ein, den Innenhof zu betreten.

Architektur verbindet barocke Rundungen mit skandinavischer Eleganz

Hier drinnen herrscht eine andere Welt. Aber die Geschichte des Ortes wird nicht unkenntlich: An der Hofseite der Bestandsbauten bleiben Schemen im Mauerwerk sichtbar, wo einst Hallen angrenzten. Die Backsteinfront des Neubaus wiederum ist differenziert gestaffelt. Ein Baukörper wölbt sich konvex, und auch der Haupteingang tritt vor, als wolle er einen umarmen - und schwingt dann konkav zurück.

Hier zeigt sich, dass die Architektur von LRO barocke Rundungen mit skandinavischer Eleganz verbindet. Die äußere Wölbung von Treppenhäusern wird stets körperhaft in Szene gesetzt. Und sogar die Abluftschächte sind sachte eingebuchtet und haben Schwung und Charme. So kann man bei dieser gar nicht spröden Backsteinarchitektur ebenso an den Römer Borromini wie an den Finnen Alvar Aalto denken.

Haupttreppe würde auch in ein Lustschlösschen passen

Im Inneren ist es zunächst die Farbgebung, die den Eintretenden überrascht und den Raumeindruck prägt. Das weitläufige Foyer ist in strahlendem Gelb, Türkisgrün, tiefem Blau und Rosa gehalten; als Inspirationsquelle diente das Weimarer Goethe-Haus.

Und die Haupttreppe könnte man fast in einem Lustschlösschen verorten: Eine mittig in Szene gesetzte Treppenspirale als Reminiszenz an das alte Theater an der Briennerstraße, die durch ein elliptisches Oberlicht belichtet wird. Das Licht wird auch durch runde Oberlichter gelenkt sowie durch Oculus-Fenster, die man für einen Spleen halten könnte - der aber nie zur Masche wird. Am spektakulärsten ist das große Kreisfenster von 5,30 Metern Durchmesser, das Erdgeschoss und erste Etage öffnet.

Im großen Theatersaal lenkt dann nichts mehr ab: Er ist eine Black Box, deren Zuschauerraum so viele Besucher (600) fasst wie der Saal am bisherigen Standort, aber die Tribüne ist steiler, so dass man näher am Bühnengeschehen ist. Beachtlich sind die hier in die Betonwand eingelassenen Leuchten: Sie bestehen aus Blumentöpfen - ein Beispiel für Arno Lederers Freude an unkonventionellem Materialeinsatz.

Neues Volkstheater: Hinterbühne so groß wie der Bühnenraum

Wie bei jedem Theater ist auch hier der Teil des Bühnenhauses größer, den man nicht sieht: Die Hinterbühne ist so groß wie der Bühnenraum. Anders als früher gibt es jetzt eine Kreuzbühne und zusätzlich eine Art Vorbühne, die man auch als Orchestergraben nutzen kann. Für zukünftige Inszenierungen des bisher bühnentechnisch unterversorgten Volkstheaters bedeutet das im Wortsinn den Aufbruch in eine neue Dimension.

Im Außenbau ragt der Bühnenturm weithin sichtbar 30 Meter in die Höhe. Bei der Überlegung zu dessen äußerer Gestalt am Modell, kam, so Lederer - wie einst beim Olympiastadion des Stuttgarter Kollegen Günter Behnisch - der gute alte Damenstrumpf zum Einsatz. Nun hüllt eine strahlend weiße, schwebend leicht wirkende Glasfaserhaut den Aufbau ein, den man von weitem für eine Fata Morgana über der Isarvorstadt halten könnte.

Erhalt des urbanen Freiraums ist eine einmalige Chance

Klar ist, dass das Volkstheater Teil hat an der Gentrifizierung des Schlachthofviertels. Immerhin ist es kein elitärer Konzertsaal. Es passt hierher, und sein Publikum ist nicht so weit weg von den Sprayern und vom "Bahnwärter Thiel". Doch auch Arno Lederer ist sich dessen bewusst. Es sei aber nun mal wichtig, dass öffentliche Kulturbauten unbedingt ihren Platz in den Innenstädten behalten.

Dabei hat er für den chaotischen Ist-Zustand der Gegend einiges übrig: Ein "Wunderland", findet er, das es - bürgernah und investorenfrei - zu erhalten gelte. Tatsächlich wird das Gebiet derzeit überplant, zeitnah sollen hier bezahlbare Wohnungen entstehen. Der Erhalt dieses urbanen Freiraums ist eine einmalige Chance, die Stadt hoffentlich nicht vergibt.