Bertolt Brechts "Im Dickicht der Städte" - die AZ-Kritik

Christopher Rüpings Inszenierung des frühen Brecht-Stücks "Im Dickicht der Städte" in der Kammer 1 der Kammerspiele.
von  Robert Braunmüller
Brechts "Im Dickicht der Städte" in den Kammerspielen.
Brechts "Im Dickicht der Städte" in den Kammerspielen. © Julian Baumann

Draußen kreisen zwei Darsteller in durchsichtigen Plastikkugeln, vertieft ins Handy und die allerneueste Dating-App. Das vielzitierte Wort von der Internet-Blase drängt sich auf, aber da trifft sich der Mensch bekanntlich mit Gleichgesinnten. Wenn drinnen Julia Riedler beginnt, mit den Zuschauern "Ich sehe wen, den Ihr nicht seht" zu spielen, bewegt sich das Bild mehr in Richtung Fruchtblase, Kokon und Vereinsamung, was den ersten Eindruck nicht wiederlegt, aber doch modifiziert.

Damit ist gesetzt, was Christopher Rüping an Bertolt Brechts frühem Drama "Im Dickicht der Städte" interessiert, das vor 97 Jahren im Residenztheater auf der gegenüberliegenden Seite der Maximilianstraße uraufgeführt wurde: die moderne existenzielle Langeweile, die Shlink und Garga in einen ziemlich sinnfreien Kampf hineintreibt, wobei der Autor in einem Vorspruch rät, sich den Kopf nicht über die Motive zu zerbrechen, sondern sich an den "menschlichen Einsätzen" zu beteiligen, die "Kampfform der Gegner" zu beurteilen und das "Interesse auf das Finish" zu lenken.

Das Private überwiegt das Politische

Das "Dickicht" ist ein früher Brecht: voller bewusst gesetzter Widersprüche, lyrischer Sprache und ohne die hübsch verpackte Weltveränderung zum Mitnehmen. Das Duell zwischen dem Holzhändler und dem Angestellten einer Leihbibliothek hat zwar einen klassenkämpferischen Unterton, aber darunter liegt ein (homo-)erotischer Subtext, den Rüping an die Oberfläche holt. Nicht umsonst haben Heiner Müller und Michel Houellebecq nachgewiesen, dass der Kapitalismus in die Geschlechterverhältnisse am allerhärtesten eingreift.

Die Inszenierung macht allerdings nicht den Fehler, nun den ganz großen Kampf der Geschlechter zu inszenieren: Julia Riedler spielt zwar meistens den Holzhändler Shlink und Gro Swantje Kohlhof meistens den Leihbibliotheksangestellten George Garga. Aber alle fünf Darsteller tauschen so lange die Rollen durch, bis Kohlhof am Ende bei ihrer ursprünglichen Gegenfigur Shlink angekommen ist.

Auch wenn sich die Inszenierung mehr für das Private als für das Politische interessiert, bleibt Rüping so nahe am Text, dass dem "nach Bertolt Brecht" im Programmheft schärfstens widersprochen werden muss. Selbst die Vielsprachigkeit der Darsteller lässt sich aus der Vorlage herauslesen, in der ein Amerikaner gegen einen aus Yokohama stammenden Malaien kämpft. Allerdings sind alle diese Passagen gestrichen, weil sie heute rassistisch klingen würden.

Keine Geschlechter, nur Zwischenstufen

Überhaupt kann sich jede performative Einlage notfalls auf die theoretischen Texte des Stückeschreibers berufen, selbst wenn es um das Anspucken Shlinks geht, zu dem ein Zuschauer aus der ersten Reihe auf die Bühne gebeten wird. Die Souffleuse Jutta Ina Masurath wird zwar nicht auf der Liste der Darsteller geführt, sie verbeugt sich aber am Ende völlig zu Recht mit den Schauspielern, weil sie immer wieder mal eingreift und einige Sätze einer Liebesszene übernimmt, die sonst unerträglich kitschig wären.

Die fünf Darsteller spielen ihre Stärken vielschichtig aus. Julia Riedler wirkt hinter ihrer Rotzigkeit empfindsam. Gro Swantje Kohlhof lässt immer wieder einen naiven Idealismus aufblitzen. Majd Feddah trumpft hart-männlich auf, bleibt aber doch ein weicher Teddybär, Christian Löber bringt als Marie eine nervöse Verhuschtheit mit, die ein wenig an Edgar Selge erinnert. Jelena Kulic steht androgyn zwischen den polaren Geschlechtern, die in dieser Aufführung bedeutungslos werden, weil es doch nur Zwischenstufen gibt.

Finale Krokodilstränen

Gegen Ende scheitert die harmonische große Vereinigung unter der Bettdecke an egoistischen Anfällen von Schamhaftigkeit. Und ehe man sich fragt, ob sich der merkwürdige Ennui einer Generation, die knapp eine aktive Teilnahme am Ersten Weltkrieg verpasst hat, wirklich so umstandslos auf die Gegenwart und ihren Dauerkindergeburtstag übertragen lässt, gibt es ein ganz starkes Finale: Zu bombastischer Filmmusik härten sich Kohlhof und Kulic in einem "Star Wars"-reifen Duell mit viel gespucktem Obstsaft. Einen Liebestod samt Verklärung wie in Wagners "Fliegendem Holländer" gibt’s als Zugabe.

Im frühen Brecht steckt eben (gegenwärtig) mehr drin als im späten. Keine ganz neue Einsicht, gewiss. Auch wenn die Aufführung sich manchmal in selbstverliebter Verspieltheit zu verlieren droht und man manches auch schon mehr als einmal gesehen hat: Noch eine solche zeitgeistige und zugleich zeitlose Inszenierung mit diesem Ensemble aus lauter Charakterköpfe aller Geschlechter, und wir zerdrücken bei Matthias Lilienthals Abschied nicht nur ein paar pflichtgemäße Krokodilstränen. Hätte er sowas nicht früher bringen können?

Kammerspiele, Kammer 1, wieder heute 19.30 Uhr sowie am 8. (19.30 Uhr) und 9. Februar (15 Uhr) und am 1. März (19 Uhr), Karten online, bei Münchenticket und unter Telefon 233 966 00, mehr auf www.muenchner-kammerspiele.de

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