Aus der Tiefe des Raumes

Moritz Ostruschnjaks Choreografie "Terminal Beach" im Utopia.
von  Vesna Mlakar
Mal sind die Tänzer nur winzig klein aus der Entfernung zu sehen, mal sind sie ganz nah bei den Zuschauern: ein raffiniertes Spiel voll toller Tiefenwirkungen.
Mal sind die Tänzer nur winzig klein aus der Entfernung zu sehen, mal sind sie ganz nah bei den Zuschauern: ein raffiniertes Spiel voll toller Tiefenwirkungen. © Franziska Strauss

München - Sie sind eine formidabel eingespielte Truppe. Besser kann keine feste Tanzkompanie sein. Doch so eine leitet Moritz Ostruschnjak - einer der bemerkenswertesten freien Choreografen Münchens - bislang gar nicht. Seine stets individuell herausstechenden und fantastisch austrainierten Tänzer fügt er handverlesen Projekt für Projekt zusammen.

Was jetzt in der leer belassenen Spielstätte Utopia seine Fortsetzung findet, begann klein. Mitten im ersten Lockdown von 2020 schickte Ostruschnjak den Tänzer Daniel Conant mit "Tanzanweisungen" auf die Bühne des Nationaltheaters. Anschließend wurde mit sechs Tänzern die Gasteig-Philharmonie abendfüllend bespielt. Im Rahmen des Deutschen Theaterpreises "Der Faust" wurde "Yester:Now" als eine der "innovativsten und kraftvollsten Inszenierungen der vergangenen Spielzeit" zurecht ausgezeichnet.

Hohe Kosten, geringe Einnahmen

Die Angst, sich zu wiederholen oder zu scheitern, war dem Team beim Anpacken der Uraufführung "Terminal Beach" in der Reithalle bewusst. Die Rahmenbedingungen sind schwierig: Allein das Heizen der Halle kostet 300 Euro pro Tag, die Einnahmen sind wegen der rigiden 25-Prozent-Regel gering.

Allerdings muss sich nicht jeder Déjà-vu-Moment unbedingt qualitätsmindernd auswirken. Insbesondere wenn Künstler imstande sind, ihrer einmal gefundenen Vorgehensweise durch unvorhersehbare Überraschungseffekte eine neue Wendigkeit und andere Inhaltsschwerpunkte zu verpassen. Die geschmeidigen, optisch sich wiederholenden Spuren und Minigeschichten von Guido Badalamenti, David Cahier, Daniel Conant, Roberto Provenzano, Miyuki Shimizu und Magdalena Agata Wójcik, graben sich geradezu in die Halle ein.

Fürs Konkretere sorgt auf mittlerweile bewährte Art und Weise Jonas Friedlichs "Music mixing & editing". Mustergültig setzt er die gesamte Crew ohne schonende Schmeichelei für Zuschauerohren unter sonoren Beschuss. Man hört und sieht die zersprengenden Wände regelrecht.

Einer der Tänzer geht zu Boden. Verschiedene Bilder von Entsetzen, das Einzelne lautlos aus sich heraus schreien, bleiben haften. Das emotionale Mitgehen wird akustisch mitunter von Verdis Gefangenenchor, "I Believe in the Man in the Sky" von Elvis Presley oder auch einfach durch Stille gesteuert.

Unter Folkklängen mutieren alle Körper zu Cowboy-Abbildern, die lässig Hüfte, Bauch- und Mundpartie verbiegen. Der Kontrast zu plötzlich parademäßig stramm in Formation große Fahnen schwingenden Protagonisten könnte kaum krasser sein.

Der Tod als Strippenzieher

Egal wie grotesk die Herausforderung - die Tänzer mit ihren oft expressiv grimassierenden und zeitlupenhaft zwischen Grinsen und Heulen wechselnden Visagen betrachtet man gern nah vor sich. Dass sie sich wieder schnell entfernen und zu einer Winzigkeit in der Ferne minimieren, erhöht den Reiz in diesem Spiel voll toller Tiefenwirkungen. Überaus raffiniert und meisterhaft werden dabei regelmäßig komplette Bewegungsabläufe im Rückwärtsgang getanzt. In weiten Bögen umeinander herum agiert jeder für sich - eingebunden in ein vielleicht digital gedachtes Universum, mit dem Tod als Strippenzieher.

Ein Horrorszenarium zum Kaputtlachen, wenn Conant und Provenzano zum Schluss in mittelalterlichen Brustpanzern waffenfrei ein total abgefahrenes Duell ausfechten. Bei aller Groteske schlau und perfekt ins Rampenlicht gesetzt.

Noch einmal am 15.1. um 20 Uhr im Utopia (frühere Reithalle, Heßstraße 132), Infos und Tickets unter moritzostruschnjak.com