Andreas Wiedermann im Davoser Gipfelglück

Im Teamtheater: Thomas Manns "Der Zauberberg" in einer eleganten, vielseitigen Theaterfassung.
von  Adrian Prechtel
Hofrat Beherens ist eigentlich Chefarzt, aber auch ein Künstler: Er hat die laszive Madame Chauchat modelieirt, in die Hans Castorp verliebt ist: (v.li.) Clemens Nicol, Christina Matschoss, David Thun.
Hofrat Beherens ist eigentlich Chefarzt, aber auch ein Künstler: Er hat die laszive Madame Chauchat modelieirt, in die Hans Castorp verliebt ist: (v.li.) Clemens Nicol, Christina Matschoss, David Thun. © Theater Impuls

Der Roman erschien 1924 und war ein Bomben-Erfolg für Thomas Mann. Er endet in einer Art Epilog, in dem wir unseren "Helden" Hans Castorp aus den Augen verlieren: in Stahlgewittern des Ersten Weltkriegs, in dessen blutige Niederungen der Hanseat vom Davoser Lungensanatorium nach sieben Jahren hinabsteigt, um fürs Vaterland zu kämpfen: Jeder Schuss ein Russ, jeder Tritt ein Brit', jeder Stoß ein Franzos'!

Am Ende ist Hans Castorp kurz in Stahlgewittern

Andreas Wiedermann hat vor zwei Jahren bereits am Teamtheater packend "In Stahlgewittern" nach Ernst Jünger inszeniert. Und so blitzt auch gelegentlich auf entrückten 1.700 Metern Bergeshöhe die drohende Kriegskatastrophe auf. Was doppelt gerechtfertigt ist: Denn schließlich besucht Hans Castorp hier oben seinen lungenkranken Offiziersanwärter-Cousin, der verzweifelt ist, dass er hier festsitzt, anstatt zu dienen. Und andererseits hat Thomas Mann selbst seine Arbeiten am "Zauberberg" durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen, so dass seine Entstehungsgeschichte den Krieg mit einschließt, auch wenn er zu Kriegsbeginn endet.

Die eigentliche Frage ist aber: Wie bringt man einen viele Hundert Seiten langen Roman, dessen Handlung auch noch eine Art aus der Zeit gefallenen Stillstand beschreibt, spannend auf eine Theaterbühne? Wiedermann schafft das aufgrund einer Textfassung von Hermannn Beil und Vera Sturm in knapp drei Stunden, die auf zauberische Weise niemals Längen spüren lassen. Denn wie im Stück und im Roman diskutiert und betrachtet: Zeit ist – bei allen Versuchen sie offiziell exakt zu rhythmisieren – subjektiv.

Das Fieberthermomenter im Mund wird der Gesunde zum Kranken

So ist der nur besuchsweise im noblen TBC-Sanatorium Berghof angekommene Hans Castorp anfangs noch recht ungeduldig, wenn er sieben Minuten lang das Fieberthermometer im Mund halten muss, was die anderen illustren, oft todgeweihten Kurgäste wiederum gewohnheitsgemäß lustvoll stoisch absolvieren. Denn einem Kranken schlägt hier Oben im trägen Wirbel der Jahreskreise keine Stunde. Und wir ahnen es: Hans Castorp wird bald einer von ihnen und sieben magische Jahre bleiben.

Muss man den Roman zuvor gelesen haben?

Natürlich ist es für den Theatergenuss von Vorteil, den Roman gelesen zu haben, vielleicht sogar noch etwas über den Zauberberg. Dann versteht man Anspielungen besser. So wenn die Femme fatale hier oben, Clawdia Chauchat, Hans Castorp einen Kugelschreiber leiht, was bei Thomas Mann schon der Gipfel der erotischen Anspielung ist, oder sich beim Faschingsfest die anderen Gäste Schweine-Masken aufhaben, weil Chauchat eben doch eine Zaubernymphe ist, die wie Kirke damals Odysseus Gefährten schweinisch verwandelte.


Aber das Wunderbare ist: Das muss man alles gar nicht dechiffrieren können. Denn Wiedermanns "Zauberberg"-Inszenierung schafft auch so mit elegant ineinanderfließenden Szenen, die eine Dauerbewegung schaffen, durchgehende Spannung. Vielleicht kann man nicht immer alles aufnehmen: Die vom Band eingesprochenen philosophischen, unpolitischen Betrachtungen, die erotischen Verwicklungen, die Sigmund-Freud-Persiflage durch den Assistenten Dr. Krokowski, die hysterisierende Krankheitstragik oder den Intellektuellen-Kampf des mystisch-sozialistischen Nietzschianers und Jesuiten Naphta gegen den aufklärerisch demokratischen, rationalen und vor allem sympathischen Settembrini. Aber alles ist bei Wiedermann da und auch dargestellt, wie er überhaupt ein eher konservativ "werkgetreuer" Theatermacher ist, ohne jemals bieder zu sein.

Musiker geben dem Ganzen zusätzlich Atmosphäre

Live am Bühnenrand sind auch noch drei Musiker, von denen die Pianistin Martina Mühlpointner auch noch einen schönen Sopran beisteuert. Akkordeon (Linda Nolte) Violine, Mandoline und eine singende Säge (Andreas Hirth), bleiben diskret Atmosphäre stiftende Bühnenmusik (von Bernhard Zink). Weißer Bühnennebel ist Lokomotiven-Dampf bei der Ankunft, am Boden wabernd Nebel oder Schnee, die Bühne erfüllend der Schneesturm, durch den sich Castorp kämpft. Und aus allen Getränken quillt er und macht vom medizinischen Kur-Trunk bis zum Schampus alles zum Zaubertrank.

Jeder des konturierten zwölfköpfigen Ensembles kommt intensiv und fair zum Einsatz. Und sticht wer aus dem hohen Niveau heraus? Vielleicht Clemens Nicol als schillernder Chefarzt Hofrat Behrens: jovial vertrauensvoll, dabei unterschwellig diabolisch und selbst tragisch. Und der kluge, aber italo-charmierende Settembrini bekommt durch die weibliche Besetzung mit Schnurrbart (Constanze Fennel) zusätzlich einnehmenden Witz.  

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Teamtheater, Am Einlass, Samstag, Wieder am 24., 25. und 26. Januar, 20 Uhr, Tel:  260 4333