Kommentar

Absage der "Matthäuspassion": Verantwortung wagen

Der Kulturredakteur über die Absage der "Matthäuspassion".
von  Robert Braunmüller

Niemand, der in diesen Tagen über Veranstaltungen zu entscheiden hat, ist zu beneiden. Es ist sicher vernünftig, wenn der Bayerische Rundfunk angesichts des obwaltenden Infektionsgeschehens auf das Gastspiel seines Chors und seines Symphonieorchesters im Wiener Musikverein verzichtet. 

Schwerer einzusehen ist allerdings, dass sich nach einem Corona-Fall unter den Mitwirkenden die Musiker trotzdem auf der Bühne treffen, um die "Matthäuspassion" zu streamen, aber die nicht betroffenen Zuhörer draußen bleiben.

Absage für die Isarphilharmonie ist unverständlich

Wenn schon für die Mitwirkenden keine Gefahr (mehr) besteht, besteht noch weniger eine Gefahr für das Publikum im Herkulessaal. Warum wurde auch die zweite Aufführung am heutigen Montag in der Isarphilharmonie gestrichen, obwohl die strengeren Regeln für Veranstaltungen erst ab Mittwoch gelten?

Beim Bayerischen Rundfunk spielen die Einnahmen aus dem Kartenverkauf dank des Sicherheitsnetzes des Rundfunkbeitrages nur eine geringe Rolle.

Für freie Musiker und private Veranstalter hingegen sind - bei Maximalauslastung von 25 Prozent und 2G plus - Konzerte ab Mittwoch ein Verlustgeschäft, während die quasi verbeamteten Musiker des Bayerischen Rundfunks auch ohne Auftritte weiterbezahlt werden.

Vorzeitige Absagen führen zu Vertrauensverlusten

Das sollte eine gewisse Verantwortung mit sich bringen. Also: Möglichst spielen! Widersprüchliche Signale wie solche vorauseilenden Absagen tragen zur Verunsicherung des Publikums bei, dessen Vertrauen hinterher wieder mühselig durch Modellversuche und Pilotprojekte zurückgewonnen werden muss. Und das ist dann für die freien Veranstalter noch viel härter.