"Vernichten" von Michel Houellebecq: Lob der Trägheit und Ekstase

Das hätte man nicht erwartet: Michel Houellebecq lobt in seinem neuen Roman "Vernichten" einen französischen Politiker und preist die romantische Liebe.
von  Robert Braunmüller
Michel Houellebecq auf dem Filmfestival San Sebastian 2019.
Michel Houellebecq auf dem Filmfestival San Sebastian 2019. © Foto: C. Niehaus / Future Image

Kein Geringerer als der französische Wirtschaftsminister Bruno Le Maire hatte schon im November behauptet, der neue Roman von Michel Houellebecq knüpfe an seinen Roman "Karte und Gebiet" von 2010 an. Das ländliche Frankreich sei in diesem Buch zu einer Art Disneyland für gelangweilte Großstädter verkommen, die sich mehr für ihre Freizeit und Ökologie als für Unternehmergeist und ländliche Traditionen interessierten.

Wahr daran ist nur, dass Bruno Le Maire in Houellebecqs "Vernichten" unter dem Namen Bruno Juge in ziemlich schleimiger Weise als genialer Wirtschaftsexperte, Welterklärer und womöglich sogar zukünftiger Staatspräsident porträtiert wird. Die träge und entscheidungsschwache Hauptfigur Paul Raison führt den Terminkalender dieses politischen Saubermanns, der im Roman noch zögert, für die Präsidentschaft zu kandidieren. Juge tritt als designierter Premier- oder Wirtschaftsminister neben einem Fernsehmoderator an, der als Strohmann für den gegenwärtigen Präsidenten fungiert, der nach zwei Amtszeiten eine von der Verfassung vorgeschriebene Pause einlegen muss, aber für danach sein Comeback plant.

Verdrängung des Todes in der modernen Gesellschaft

Doch die französische Innenpolitik bildet allenfalls den Rahmen für Houellebeqcs neuen Roman. Auf den letzten 200 Seiten von "Vernichten" verschwindet sie ganz. Im Zentrum steht ein Thema, von dem Autor im Vorfeld behauptet hat, dass es ihn im Unterschied zur Soziologie und Geschichte nicht im Geringsten interessiere: die Psychologie der Paarbeziehung, verbunden mit dem Problem der Verdrängung des Todes in der modernen Gesellschaft.

Das Altern hat Houellebecq schon immer interessiert, vor allem in Hinblick auf die nachlassende Lust und die Erschlaffung des Fleisches. In "Vernichten" erweist sich oft für einen Zyniker gehaltene Autor als glühender, den Kitsch streifender Romantiker der heterosexuellen Paarbeziehung.

Denn der Hauptfigur Paul Raison und seiner Gattin Prudence gelingt es, nach zehnjähriger sexueller Pause, mit etwas Reizwäsche und dem Reiz der Vertrautheit, die alte Lust nicht nur zu erneuern, sondern ins Ekstatische und Mystische eines Liebestods zu überbieten. Das ist natürlich zu schön, um als wahr durchzugehen.

Der Tod als literarisches Potenzmittel

Houellebecq bemüht außerdem das traditionellste aller literarischen Potenzmittel: den Tod. Und auch beim Erotischen, das bei diesem Autor immer unverblümt nüchtern und zugleich pornografisch explizit beschrieben wird, gibt es nicht viel Neues: Paul Raison bevorzugt eine Sexualpraktik, die primär männliche Lüste befriedigt, auch wenn Houellebecq – ganz alte Schule – seine Figuren behaupten lässt, das Gegenteil wäre der Fall.

Die Hauptfigur treibt auch die Frage um, ob alte Männer im Wachkoma noch sexuell erregt werden können. Denn Paul Raisons Vater befindet sich in diesem beklagenswerten Zustand, was der Autor dazu nutzt, über die Probleme der klinischen und häuslichen Pflege im durchökonomisierten Gesundheitswesen nachzudenken.

Die Pflegefälle in "Vernichten" erleiden ein radikales K.O., so dass sich das für Angehörige oft so lästige Problem gar nicht stellt, dass bockige alte Leute die Hilfe nicht annehmen wollen. Weil überall rein zufällig im Roman Angehörige mit zu viel Zeit zur Verfügung stehen, läuft alles wunderbar. Und von ein, zwei pflichtbewussten Sätzen abgesehen, geht der Autor auch alltäglichen Problemen der häuslichen Pflege wie der Inkontinenz aus dem Weg.

Letztendlich sympathisiert Paul Raison sogar mit der Situation seines Vaters, nur noch minimal zu kommunizieren und den Rest des Tages – von seiner Geliebten hingebungsvoll betreut – durch das Fenster auf die Landschaft Burgunds hinauszuschauen. Und auch da überschreitet der Roman ein weiteres Mal die Grenze zur kitschigen Verklärung von Krankheit und Tod.

Lob der Trägheit

Allerdings gehört das Lob der Trägheit zum Ritual eines Houellebecq-Romans ebenso wie eine durchgehend epikureische Haltung mit gutem Essen und Trinken. Auch die obligatorische Beschimpfung von Klassikern und kleineren Kindern sowie geschichtsphilosophische Exkurse zur Dekadenz Europas und dem Aufstieg Asiens fehlen nicht. Aber so schlimm ist das auch wieder nicht, denn Frankreich ist – abgesehen von Arbeitslosen dank Bruno Juges Wirtschaftspolitik in bestem Zustand. Die TGVs verkehren pünktlich und nicht einmal der Islam vermag den Autor noch wirklich aufzuregen.

Houellebecq wäre nicht er selbst, gäbe es nicht auch – diesmal aber maßvoll – Provokantes. Paul Raison lässt sich bei der Entführung seines Vaters aus dem Pflegeheim von einer sympathischen und gut organisierten Gruppe Rechtsextremer helfen, die an einer Pflegerin aus Burkina Faso keinen Anstoß nehmen. Das Buch lässt außerdem Sympathien mit einer global agierenden Terrorgruppe erkennen, die auf den Spuren des Una-Bombers den Kapitalismus für Entfremdung und Depression verantwortlich macht, letztendlich aber durch den Angriff auf ein Flüchtlingsboot im Mittelmeer der Regierungspartei nutzt, weil damit Migranten abgeschreckt werden.

Stets willige Frauenfiguren, wenig Neues

Dieser zwischenzeitlich wichtige und sogar mit Zeichnungen Houellebecqs illustrierte Handlungsstrang verschwindet gegen Ende, weil sich die Hauptfigur nur noch für ihr baldiges Ableben interessiert. Die, manchmal nur von Straßenschildern ausgelösten Abschweifungen erinnern wie in früheren Büchern Houellebecqs an Lexikonartikel. Abgesehen von ein paar offenen Enden und den ausführlich geschilderten, aber letztendlich (wie im Leben) bedeutungslosen Träumen ist "Vernichten" ein ordentlicher Thriller mit Cliffhängern und plötzlich eintretenden Schicksalsschlägen am einen oder anderen Kapitelende.

Alter, Verlust, Verfall und Pflege sind zweifellos wichtige und zuletzt oft behandelte Themen, aber aufregend Neues hat Houellebecq dazu nicht zu sagen. Und die stets willigen Frauenfiguren sind noch lächerlicher als früher. Vor allem gegen Ende vermisst man die frühere Kälte. Ein staatstragender und romantischer Houellebecq ist eben nur mehr ein solider Unterhaltungsschriftsteller.


Michel Houellebecq: "Vernichten" (aus dem Französischen von Stephan Kleiner und Bernd Wilczek, Dumont, 621 Seiten, 28 Euro)