Interview

"Sisis Weg": Wie man zur Ikone wird

Die Historikerin Martina Winkelhofer konzentriert sich in "Sisis Weg" auf die ersten Jahre der Kaiserin am Wiener Hof.
von  Volker Isfort
Romy Schneider als "Sissi" und Karlheinz Böhm als Franz Joseph sorgten in den 50er Jahren für eine neue Popularitätswelle von Kaiserin Elisabeth.
Romy Schneider als "Sissi" und Karlheinz Böhm als Franz Joseph sorgten in den 50er Jahren für eine neue Popularitätswelle von Kaiserin Elisabeth. © pa/obs/kabel eins / UFA-Filmverleih

München - Am 10. September 1898 ermordete der italienische Anarchist Luigi Lucheni die österreichische Kaiserin Elisabeth durch einen Stich mit einer Feile ins Herz - der tragische Schlusspunkt eines dramatischen Lebens, das bis heute viele fasziniert.

Die Wiener Historikerin Martina Winkelhofer erzählt in ihrem neuen Buch "Sisis Weg" vom schwierigen Anfang der Kaiserin am Wiener Hof, eine ungewöhnliche und spannende Emanzipationsgeschichte.

AZ: Frau Winkelhofer, wie kommt man als Historikerin auf die Idee, dass bei Sisi noch ein neuer Aspekt zu gewinnen ist. Ist sie nicht "auserforscht”?
MARTINA WINKELHOFER: Ich wohne in Wien und bin von Sisi umgeben, man kann ihre Wohnorte besuchen, sie ist aber auch auf jedem Zuckerpackerl im Café und ich habe mir als Historikerin die Frage gestellt: Wie wird man eigentlich zur Ikone? Und wie sah das Frauenleben hinter diesem Mythos aus? Ich habe dann versucht, ihren Alltag zu rekonstruieren und mir im Haus-, Hof- und Staatsarchiv die Zeremonialprotokolle angesehen. Das ist eine Art Tagebuch des Wiener Hofes, da sind alle Ereignisse eingetragen, alle Auftritte, alle Reisen, alle Besucher. Für mich war es interessant zu sehen, dass der Alltag weniger glamourös war, als er meistens geschildert wurde. Ich habe mich besonders auf die Phase zwischen Sisis Hochzeit und ihrer Emanzipation, der berühmten Flucht nach Madeira, konzentriert. Da hat man gesehen, wie die Dinge ineinanderspielen, wie ein sehr enges Alltagskorsett irgendwann zu einem Ausbruch führen musste.

Aber Sie sind ja nicht die Erste, die diese Quellen einsieht.
Sisis Biograf Egon Caesar Corti Conte hat diese Quellen schon in den frühen 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ausgewertet, aber dann ist das eigentlich nicht mehr intensiv geschehen. Das sind auch sehr trockene Quellen, man schlägt nicht die Bücher auf und es springt einem eine Erkenntnis entgegen. Aber wenn man die Protokolle systematisch durchschaut, ergibt sich über die Jahre ein sehr authentisches Bild von Sisis Leben am Wiener Hof.

Sie zitieren Conte Corti mit den Stellen, die er für seine Veröffentlichung gestrichen hatte.
Ich habe mir die Abschrift seines ersten Manuskripts angeschaut. Da die zeitliche Nähe zu Sisi noch groß war, hat Corti an manchen Stellen vor der Veröffentlichung geglättet. Er tat es aus Respekt vor den Angehörigen des ehemaligen Kaiserhauses. Corti hatte noch Zugang zum Archiv von Sisis Schwiegersohn und zu anderen Quellen, die es gar nicht mehr gibt, weil vieles auch durch den Zweiten Weltkrieg verstreut und zerstört wurde. Es gibt noch immer dunkle Punkte im Leben Sisis, von denen ich mir nicht sicher bin, ob wir sie jemals vollständig beleuchten können.

Was ist im Herbst 1860 wirklich passiert?

Was würden Sie gerne wissen?
Ich würde gerne wissen, was im Endeffekt wirklich passiert ist im Herbst 1860, als die Kaiserin für ein halbes Jahr nach Madeira gereist ist - das war ja für damalige Verhältnisse eine Weltreise. Außerdem ist eine Frau ihres Standes zur damaligen Zeit nicht alleine gereist, nur begleitet von Personal, noch dazu die Frau eines der mächtigsten Monarchen Europas. Eine junge Kaiserin, die erst einen Sohn zur Welt gebracht hatte, die Thronfolge war also noch nicht ausreichend abgesichert, wie sich ja später auf tragische Weise herausstellen sollte. Irgendetwas muss damals passiert sein, was wir bis heute nicht wissen.

Sisi war des Hoflebens überdrüssig.
Natürlich, aber das ist ebenso wenig besonders wie Streitigkeiten mit der Schwiegermutter. Das gab es an allen Höfen, da war Sisi keine Ausnahme.

Erstaunlich ist, dass der Kaiser Sisi überhaupt erlaubte, ein halbes Jahr zu verreisen.
Ich habe Kaiser Franz Joseph zuvor immer ausschließlich als Politiker betrachtet, als jemand, der 68 Jahre lang regiert hat, der seine Bedeutung hat in der österreichischen Geschichte. Erst im Laufe meiner Recherche habe ich erkannt, welche unglaubliche Bedeutung er aber auch in dieser großen Frauengeschichte hat, die bis heute fasziniert: Ohne ihn gäbe es heute keinen Sisi-Mythos. Franz Joseph hat seiner Frau unglaublich viele Freiheiten geschenkt. Er war der einzige Monarch seiner Zeit, der seiner Frau wirklich geholfen hat, einen eigenen Weg zu gehen, sich zu emanzipieren. Der Schlüssel zum Sisi-Mythos ist eigentlich der Ehemann.

Es herrschte Zensur

Sie schreiben, dass nach heutiger Berechnung die sechs Monate auf Madeira für Sisi und die 30 mitgereisten Hofbediensteten 2,5 Millionen Euro verschlungen hätten. Mehr als die Aufwendungen für den Wiener Hof im gleichen Zeitraum. Gab es da keine Kritik?
In den Zeitungen selbstverständlich nicht, es herrschte Zensur, man hätte so niemals berichten können. Genaue Informationen gab es deshalb nicht. Und für die, die darüber Bescheid wussten, also die Hofbeamten, war Kontakt zur Presse und die Weitergabe von Informationen zur allerhöchsten Familie, wie man damals sagte, ein Kündigungsgrund - übrigens der einzige am Wiener Hof. Kritik findet sich dafür ganz massiv in Korrespondenzen und Tagebüchern des Hofadels. Auch die engsten Mitarbeiter von Kaiser Franz Joseph schrieben in ihren Tagebüchern, was es für ein Unding sei, den Kaiser und die eigenen Kinder für ein halbes Jahr zu verlassen. Es hat rumort.

Dabei war Sisi ständig krank.
Man würde heute wohl von einer posttraumatischen Belastungsstörung sprechen, ausgelöst durch den tragischen Tod ihrer ersten Tochter, die im Alter von zwei Jahren unter großen Schmerzen starb. Von diesem Verlust hat sich die Kaiserin nie erholt. Der Tod des ersten Kindes ist der Wendepunkt in ihrer persönlichen Entwicklung. Aus der Hilflosigkeit und Depression konnte sie sich aber zu großen Teilen befreien und entwickelte schließlich eine ungeheure Widerstandskraft. Dazu kommt noch etwas: Die Flucht in eine Krankheit war für Frauen eine der wenigen Möglichkeiten sich zurückziehen, entziehen zu können: aus schwierigen Beziehungen, einem schwierigen Alltag, einem fordernden Hofleben. Kaiserin Elisabeth war auch beileibe nicht die einzige Frau ihres Standes, die diese Vermeidungstaktik praktizierte, das finden wir bei Frauen an allen Höfen dieser Zeit: die kränkliche Frau, der man Zugeständnisse macht. Der Radius von Frauen, selbst an der Spitze der Gesellschaft, war unglaublich klein, und Sisi hat alles daran gesetzt, ihn zu vergrößern.

Ihr fehlte das emotionale Rüstzeug

Sisi war den Anforderungen des Hofs nicht gewachsen?
Sowohl in den Filmen wie in vielen Büchern wurde ein falscher Fokus gelegt. Es gibt das Klischee des Landmädels, das ja nur die Tochter eines Herzogs war und deshalb nicht das Rüstzeug für den Wiener Hof gehabt hätte. Das ist falsch. Sisi war die Enkelin des bayerischen Königs, sie war ein Mitglied des Hauses Wittelsbach, dementsprechend wurde sie auch erzogen. Sie wuchs am prächtigsten Hof von Bayern auf, ihr Vater, Herzog Max in Bayern, war sogar wesentlich reicher als der König. Sisi hatte sehr wohl das Rüstzeug für den Wiener Hof gehabt, aber nicht das emotionale Rüstzeug, die psychische Konstitution. Sie stammte aus einer sehr empfindsamen, fast schon scheuen Familie, mit einer Mutter, die selbst zum Rückzug neigte und wenig Selbstbewusstsein zeigte, einem Vater, der überhaupt nicht auf dem gesellschaftlichen Parkett erscheint. Das ist es, was Sisi am Hofe fehlt, ihr Wesen passte dort nicht hin.

In Ihrem Buch kommt die "böse” Schwiegermutter ein bisschen besser weg.
Erzherzogin Sophie finde ich besonders spannend, weil sie meist als der Bösewicht dargestellt wird. Offenbar muss man Frauen selbst in der historischen Betrachtung immer gegeneinander ausspielen. Es gibt Kaiserin Elisabeth, die ihre Probleme bei Hof hat und es gibt die Schwiegermutter, die aus ihrer Sicht auch nur versucht, Sisi vor Schwierigkeiten zu schützen, darauf zu achten, dass sie funktioniert am Hof. Vor allem aber geht es der Schwiegermutter darum, dass sich die Kaiserin keinerlei Blöße geben darf. Denn wenn dieses Paar, das an der Spitze steht, Anlass zur Kritik gibt, dann beschädigt so etwas die Dynastie insgesamt. Das persönliche Glück der Beteiligten war nachrangig. Jeder war also in seiner Rolle, in seinen Erwartungen gefangen. Später ist aus diesem Konflikt viel mehr gemacht worden. Sisi selbst sagte in späteren Jahren, so kurz vor ihrem 40. Geburtstag, Sophie habe es ja gut gemeint, aber die Wege dorthin seien halt schwierig gewesen.

Der tragische Selbstmord ihres Sohnes

Inwieweit ist denn der tragische Tod für die Bildung des Mythos wichtig?
Wäre Sisi mit 85 Jahren gestorben - als kaiserliche Witwe mit ihrem Sohn auf dem Thron -, dann wäre sie wohl weniger präsent heute. Die unglaubliche Tragödie ihres Sohnes und der Umstand, dass sie selbst ermordet wurde, sind die tragischen Komponenten, die dieses Leben so dramatisch machen. Der komplette Rückzug von der Öffentlichkeit, den Kaiserin Elisabeth nach Mayerling antrat, tat sein Übriges zur Legendenbildung. Wobei man diesen Rückzug auch richtig interpretieren muss. Man darf nicht vergessen, was der Selbstmord ihres Sohnes Rudolf für Sisi bedeutet hat. Wenn der Sohn eines katholischen Kaisers Selbstmord begeht - und das hat man damals gewusst- , dann ist das mit ungeheuer viel Scham verbunden. Und dazu kommt noch die Angst um das Seelenheil dieses Menschen. Wir betrachten Selbstmörder heute anders als im 19. Jahrhundert, wo neben dem Schmerz auch noch die Angst existierte, dass ihr Kind ins Fegefeuer komme.

Was ist denn der moderne Aspekt an Sisi? Warum werden gerade gleich drei neue Filme und Serien über sie gedreht?
Einerseits hat sich das Bild der Märchenkaiserin als wunderschöne Frau, als Märchenkönigin, ganz stark eingeprägt. Was Sisi aber dazu noch besonders macht: Wir leben in einer Zeit, in der Brüche im Leben, aber auch alles, was einer mentalen Gesundheit im Wege steht, offen thematisiert werden, da passt Sisi natürlich auch gut hinein. Wie damals bei ihr geht es heute um Selbstermächtigung, individuelle Lebensentwürfe, Resilienz, Krisenbewältigung. Was man an ihr damals kritisierte, empfinden wir heute als modern: Sie hat dazu gestanden, dass sie Probleme mit dem eingeforderten Leben hatte, sie wollte ein anderes.

Die Parallele zu Lady Diana

Im Grunde das, was auch bei Lady Di in immer neuen Filmen thematisiert wird.
Jedenfalls können viele Menschen diese beiden als Spiegel nehmen für das, was sie selbst erleben: Schwierigkeiten als junger Mensch seinen Weg zu finden, Schwierigkeiten in der Ehe, Probleme, die zugeschriebene Rolle zu verlassen und vieles andere. Nur findet das bei Sisi und Diana alles in einem unglaublich schönen Rahmen und Setting statt. Das schaut man sich halt lieber an als die Probleme des Nachbarn. Ich habe mich auch oft gefragt, warum von allen Habsburgerinnen ausgerechnet Kaiserin Elisabeth diejenige ist, für die man sich so in jeder Generation aufs Neue interessiert. Es gibt viele andere interessante Frauen bei den Habsburgern, auch viele, die wesentlich erfolgreicher waren als Sisi und mehr bewirkt haben. Aber keine war in ihren Schwierigkeiten, ihren Unzulänglichkeiten so authentisch wie Sisi. Ich glaube, dass man die, die ihre Rollen ohne Konflikte ausgefüllt haben, im Nachhinein als langweilig betrachtet. Es sind immer die Brüche im Leben eines Menschen, die es interessant machen. Und das hat doch etwas sehr Tröstliches.


Martina Winkelhofer: "Sisis Weg" (Piper, 352 Seiten, 24 Euro)