Interview

Prähistoriker im AZ-Interview: Haben wir ein Vandalen-Gen?

Seit Jahrtausenden werden überall auf der Welt Kunstwerke vernichtet und heilige Stätten zerstört. Der Prähistoriker Hermann Parzinger hat darüber ein erschütterndes Buch geschrieben.
von  Christa Sigg
Hermann Parzinger (62) aus München ist habilitierter Prähistoriker. Er war von 1995 an Direktor, dann ab 2003 Präsident am Deutschen Archäologischen Institut in Berlin. 2008 wurde er Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die er nun reformieren soll.
Hermann Parzinger (62) aus München ist habilitierter Prähistoriker. Er war von 1995 an Direktor, dann ab 2003 Präsident am Deutschen Archäologischen Institut in Berlin. 2008 wurde er Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die er nun reformieren soll. © picture alliance/dpa

München - Man hat die Bilder vom August 2015 noch vor Augen: Wie ein Atompilz schob sich eine dichte Rauchwolke über Säulenresten in den Himmel. Die Terrororganisation "Islamischer Staat" hatte den 2.000 Jahre alten Baalshamintempel in Palmyra gesprengt, das Zentrum zahlreicher Kulturen.

Ein Aufschrei ging damals um die Welt, doch großangelegte Kulturzerstörungen sind keine Erfindung der Gegenwart. In seinem Buch "Verdammt und vernichtet" hat der Prähistoriker Hermann Parzinger ihre bestürzende Geschichte zusammengefasst. Mit der Abendzeitung spricht er über fanatische Bilderstürmer und geschäftstüchtige Revolutionäre, koloniale Katastrophen und die jüngsten Attacken auf Denkmäler.

Parzinger: "Kulturzerstörungen begleiten den Menschheitsgeschichte"

AZ: Herr Parzinger, ein Buch über Kulturzerstörungen kommt immer zum richtigen Zeitpunkt. Liegt der Bildersturm in den menschlichen Genen?
HERMANN PARZINGER: Überspitzt gesagt schon. Kulturzerstörungen begleiten die Menschheitsgeschichte, und als Archäologe hat man damit ständig zu tun. Wobei die 2.000 Jahre alte Tempelstadt Palmyra sicher der schockierende Höhepunkt einer langen Reihe von Zerstörungen war und letztlich das Buch mit angestoßen hat.

Diese kulturelle "Exekution" von Palmyra wurde aber auch höchst medienwirksam inszeniert.
Der performative Bildersturm ist tatsächlich eine neue Variante. Wobei die Sprengung der riesigen Buddha-Skulpturen im afghanischen Bamiyan vor genau 20 Jahren den Anfang gemacht hat. Auch das wurde bereits gefilmt und über die Medien einem weltweiten Publikum vor Augen geführt. Der sogenannte "Islamische Staat" verbreitet seine Zerstörungen übers Internet, und damit ist die Absicht klar. Eine solche Provokation muss die Welt zur Kenntnis nehmen, ob sie will oder nicht. Das zeigt aber auch, welche immense Kraft in der Kunst und der Kultur steckt. Sonst würden Ikonoklasten Kunst nicht so radikal beseitigen wollen.

"In Wirklichkeit geht es vor allem auch um Macht und Geld" 

Man staunt ja nicht schlecht, wie gut am Bildersturm verdient wird.
Das zieht sich wie ein roter Faden von der Antike bis in die Gegenwart. So sehr man aus ideologischen, politischen und religiösen Gründen Kulturgüter zerstört, ist damit immer auch eine Bereicherung und Vermögensumverteilung verbunden. Beim Kampf der Christen gegen die heidnischen Kulte ging es im Endeffekt um die Tempelschätze. Nehmen Sie das Serapeum. Dieses bedeutendste Heiligtum von Alexandria war gefüllt mit gigantischen Mengen an Gold und anderem Edelmetall. Das wollte man im 4. Jahrhundert an die christliche Kirche und den Kaiserhof überführen.

Selbst mit der Gier der "besitzfeindlichen" Revolutionäre ist wohl immer zu rechnen?
Während der Französischen Revolution hatte man nicht nur Kunstwerke zerstört, sondern auch Geld damit gemacht. So ist einiges zum Beispiel in den Zarenschlössern um Petersburg gelandet. Und auch die Nazis haben nicht nur unzählige Werke der sogenannten "Entarteten Kunst" verbrannt, sondern für gute Devisen ins Ausland verkauft. Etwa über Hildebrand Gurlitt. Wir haben immer die ideologische, religiöse oder politische Verbrämung. Doch in Wirklichkeit geht es vor allem auch um Macht und Geld. Das betrifft genauso die Zerstörungen durch den "Islamischen Staat": Einerseits werden Tempel in Palmyra und Paläste in Ninive oder Nimrud gesprengt, andererseits blüht genau dort die illegale Archäologie. Das Plündern und der Verkauf dieser Kulturgüter werden mittlerweile in einem industriellen Ausmaß betrieben.

Dafür muss es einen Markt geben. Wer kauft diese heikle Ware?
Natürlich keine Museen, aber es gibt offenbar genug Personen, die sich das in den Keller oder als Wertanlage in den Safe stellen. Die Unesco schätzt, dass nicht nur Millionen-, sondern vielleicht sogar Milliardenbeträge umgesetzt werden. Aber das beginnt schon im Kleinen, wenn im Urlaubsland etwas angeboten wird. Touristen haben dann oft noch das Gefühl, etwas Gutes zu tun, weil sie Kultur bewahren oder die Menschen vor Ort finanziell unterstützen. Doch auch dieser Kauf leistet dem Raubgräbertum weiter Vorschub und führt letztlich zur Zerstörung von Denkmälern.

Kann man überhaupt etwas dagegen tun? Maßnahmen wie etwa die Haager Landkriegsordnung von 1907 blieben doch eher wirkungslos.
Die Haager Landkriegsordnung untersagt, im Zuge zwischenstaatlicher Kriege Kulturgüter zu zerstören oder zu rauben. Das hat die Deutschen im Ersten Weltkrieg trotzdem nicht davon abgehalten, im belgischen Löwen wichtige historische Bauten und eine der bedeutendsten Bibliotheken zu vernichten. Ganz abgesehen von den Gräueltaten gegen die Zivilbevölkerung. Innerstaatliche Auseinandersetzungen wie in Ex-Jugoslawien oder durch den IS im Nahen Osten sind durch die Haager Landkriegsordnung gar nicht geregelt.

Das ist in totalitären Staaten utopisch.
Sicher. Und doch gibt es Möglichkeiten. Der Anführer der Terroristen von Ansar Dine, die 2012 islamische Heiligengräber in Timbuktu zerstört haben, ist vom Internationalen Strafgerichtshof zu einer langen Gefängnisstrafe verurteilt worden. Das ist schon mal ein wichtiges Zeichen. Aber die Weltgemeinschaft sollte sich grundsätzlich überlegen, ob man nicht in bestimmten Fällen eingreift und robuster vorgeht, wenn systematisch Kultur zerstört wird.

In der antiken Ruinenstadt Palmyra im heutigen Gouvernement Homs in Syrien hat der sogenannte "Islamische Staat" schwere Verwüstungen angerichtet.
In der antiken Ruinenstadt Palmyra im heutigen Gouvernement Homs in Syrien hat der sogenannte "Islamische Staat" schwere Verwüstungen angerichtet. © picture alliance / dpa

Das könnte leicht eskalieren.
Um die Tempel in Palmyra zu retten, hätte man tatsächlich mit Bodentruppen massiv militärisch intervenieren müssen. Wer will dafür die Verantwortung übernehmen? Aber es muss wenigstens die Aussicht im Raum stehen, dass bei systematischen Kulturzerstörungen die Täter mit Strafen zu rechnen haben.

"Diesen unfassbaren Taten müssen wir uns stellen"

Auch der Begriff Weltkulturerbe ist durchaus problematisch.
Für die Terroristen von Ansar Dine in Mali war diese Auszeichnung quasi der Aufruf zur Zerstörung. Es wird immer wieder kritisiert, dass das Weltkulturerbe eine westliche Zuschreibung sei. Wenn man aber sieht, wie etwa syrische Aktivisten unter Einsatz ihres Lebens für den Erhalt historischer Monumente kämpfen und versuchen, sie etwa mit Sandsäcken vor dem Einstürzen zu retten, wird sofort klar, dass dieses Kulturerbe für die Menschen in Syrien genauso wertvoll ist. Es ist Teil ihrer Identität.

Die kolonialen Vergehen nehmen großen Raum in Ihrem Buch ein. Darf man das auch als Beitrag zur aktuellen Museumsdebatte verstehen?
Man muss solche Zusammenhänge kennen, um zu entscheiden: Was stellen wir in Museen aus? Und wie? Das beschäftigt uns gerade im Zusammenhang mit dem Humboldt Forum in Berlin. Deshalb war mir wichtig zu zeigen, was wir Europäer im Kontext des Kolonialismus weltweit an Verwüstungen zu verantworten haben. Die Konquistadoren betrieben in der Neuen Welt einen regelrechten kulturellen Genozid. Auch beim Boxeraufstand in China 1900/1901 oder beim zweiten Opiumkrieg 1860 wurde gnadenlos zerstört und geplündert. Diesen unfassbaren Taten müssen wir uns stellen.

"Es gibt genauso Menschen, die Säure auf ein Gemälde schütten"

Im Zuge Kolonialismus-Debatten sind einige Denkmäler attackiert worden. Das ist ja nicht ganz einfach.
Natürlich hat eine Gesellschaft das Recht, Denkmäler zu beseitigen. Ich habe Verständnis dafür, dass man nach 40 Jahren Sozialismus nicht mehr an jeder zweiten Straßenecke eine Lenin-Büste haben wollte. Und mir ist klar, dass man wie in Bristol die Skulptur eines Sklavenhändlers nicht mehr sehen will. Aber das muss geregelt vor sich gehen. Es ist schwierig, wenn sich eine Gruppe selbst das Recht erteilt, Denkmäler zu zerstören und ins Hafenbecken zu stürzen. Wir leben in einer Demokratie. Bei der Zerstörung eines Denkmals für einen Sklavenhändler mag es zwar eine öffentliche Sympathie geben. Doch dann frage ich mich, wer sich sonst noch alles das Recht herausnehmen könnte, willkürlich Denkmäler zu zerstören. Insofern meine ich schon, dass es dafür einen gewissen Konsens in der Gesellschaft und ein geregeltes Vorgehen braucht.

Wie würden Sie die Öl-Anschläge auf der Berliner Museumsinsel einordnen?
Wir wissen immer noch nichts über die Motivation. Mit klassischen Kunstzerstörungen hat das eher nichts zu tun. Außer es bekennt sich jemand dazu, der mit den Anschlägen ein klares Programm verfolgt. Es gibt genauso Menschen, die Säure auf ein Gemälde schütten oder in ein Bild stechen. Etwa bei der zeitgenössischen Kunst.

Wo droht der nächste Bildersturm? Bei den Uiguren?
Man hört, dass sie ähnlich wie die Tibeter massiv unterdrückt werden. Wir wissen allerdings nicht, inwieweit die chinesische Seite wirklich ihr kulturelles Erbe zerstört. Die Gefahr ist sicher da. Aber ich muss dann auch an eine völlig aberwitzige Aussage aus einer westlichen Demokratie denken: Erst vor einem Jahr hat Donald Trump damit gedroht, 50 herausragende antike Stätten im Iran bombardieren zu lassen, wenn der Konflikt eskaliert. Es gab einen weltweiten Aufschrei, er hat das dann schnell zurückgenommen. Doch das zeigt, dass man immer mit allem rechnen muss.


Hermann Parzinger: "Verdammt und vernichtet. Kulturzerstörungen vom Alten Orient bis zur Gegenwart" (C. H. Beck, 368 Seiten, 29,95 Euro)