Interview

Ken Follett im Interview: Es gibt zu jeder Zeit Rebellen!

Ken Follett hat seine fiktive Stadt Kingsbridge in drei Romanen vom 12. bis ins 16. Jahrhundert beschrieben. Sein neues Buch erzählt die Vorgeschichte.
von  Katrin Filler
Ken Follett im Museumsdorf West Stow Anglo Saxon Village. Es zeigt, wie seine Hauptfigur Edgar anfangs gelebt hat.
Ken Follett im Museumsdorf West Stow Anglo Saxon Village. Es zeigt, wie seine Hauptfigur Edgar anfangs gelebt hat. © Olivier Favre

München - England, im Jahr 997. Die Wikinger zerstören das Dorf des jungen Bootsbauersohns Edgar. Er zieht nach Dreng's Ferry und macht sich als Baumeister einen Namen. Er arbeitet an der baufälligen Kirche und baut zu Ehren des Königs eine stabile Brücke über den Fluss. Der Weiler heißt fortan Kingsbrige - Fans kennen den fiktiven Ort bereits aus "Die Säulen der Erde", "Die Tore der Welt" und "Das Fundament der Ewigkeit". 

Jetzt hat Ken Follett die Vorgeschichte geschrieben. Drei Helden treiben die Blüte des Dorfes voran: Edgar, Bruder Aldred und die Normannin Ragna. Die drei kämpfen gegen alle Widerstände - und derer gibt es viele in einer Zeit der Gewalt und Willkürherrschaft- gegen Korruption, für Recht und Gerechtigkeit. Ihre Gegenspieler finden sich in der Politik und in hohen Kirchenkreisen. Am Ende finden sie alle ihr Glück, und in Kingsbridge ist alles bereit für den Bau einer Kathedrale - wovon "Die Säulen der Erde" handelt.

Für das Interview empfängt Ken Follett leger im Pullover. Er sitzt vor dem Computer, im Hintergrund sieht man, very british, weinrot tapezierte Wände, ein Bücherregal aus dunklem Holz und einzelne Fotografien. Wegen der Corona-Pandemie findet das Interview virtuell statt.

Zentrales Anliegen im Buch: Die Herrschaft des Gesetzes

Mr. Follett, Sie haben die Entwicklung von Kingsbridge ab dem 12. Jahrhundert chronologisch beschrieben. Warum nun ein Sprung zurück ins 11. Jahrhundert?
Ken Follett:
Das war eine sehr intensive, konfliktreiche Zeit des Umbruchs. In England und Nord-West-Europa kämpften drei mächtige Gruppen um die Vorherrschaft in England: Die Anglo-Sachsen, die dort lebten; die Wikinger, die gern vorbeikamen und England als Selbstbedienungsladen sahen, in dem sie nicht zahlen mussten; und die Normannen, vermutlich die höchstentwickelte Zivilisation Europas zu der Zeit. Sie alle wollten Kontrolle über England, das gibt mir als Autor jede Menge Möglichkeiten für Konflikte. Außerdem begann ich mich zu fragen, wie Kingsbridge war, bevor es eine große, wichtige Stadt wurde.

Über diese Zeit gibt es nur wenige Quellen. Schreiben Sie lieber mit wenig Fakten und mehr Raum für Fantasie oder entlang vieler Fakten?
Ich habe lieber viel Information, denn das inspiriert mich. Wenn ich über vergangene Dinge lese, die anders sind als heute oder merkwürdig, bekomme ich Ideen für interessante Szenen im Buch, die die Imagination der Leser beflügeln könnten. Daher bevorzuge ich eine Zeit, über die es viele Informationen gibt. Aber das ist nicht ausschlaggebend. Und wenn weniger bekannt ist, kann ich mehr erfinden.

Wie entscheiden Sie, über welche Zeit Sie schreiben?
Ich suche nach Wendepunkten in der Geschichte. Es ist für mich wichtig, dass die Charaktere des Buches Dinge beeinflussen können. Ich möchte nicht, dass sie Zuschauer einer Geschichte sind, die ihnen passiert. Ich möchte, dass sie mittendrin sind, Entscheidungen treffen und versuchen, etwas zu erreichen. Daher brauche ich eine Zeit in der Geschichte, in der es um Belange geht, für die die Menschen kämpfen können - nicht nur territorial oder monitär, sondern auch moralisch. In "Das Fundament der Ewigkeit", mein voriges Buch, war dieses Anliegen Freiheit. Und diesmal geht es um die Herrschaft des Gesetzes. Wieder und wieder suchen die Menschen Gerechtigkeit, und für gewöhnlich finden sie sie nicht. Damit beginnt die Sehnsucht nach einem besseren Justizsystem.

"Es gab immer mächtige, starke Frauen"

So wie bei Ihrer Protagonistin Ragna. Sie haben oft starke Frauencharaktere in Ihren Büchern. Sind Sie Feminist?
Nun, ich war in den späten 60ern an der Universität, zur Zeit der zweiten Welle des Feminismus. Aber ich bin nicht so sehr Feminist, vielmehr waren einfach die Mädchen, die davon gesprochen haben, diejenigen, die wir mochten und mit denen wir ausgehen wollten. Ich erinnere mich, dass einer mal sagte: Wenn wir alle gleich sind und wir an Gleichberechtigung glauben, warum sind es dann immer die Mädchen, die den Tee machen? Und ich dachte: stimmt! Für mich ist es also ziemlich natürlich, dass Frauen Fortschritte gemacht und sich von ihren sozialen Rollen gelöst haben.

Trotzdem machen noch heute meist die Mädchen den Tee.
Ich sehe, dass der Kampf noch nicht gewonnen ist, und im 11. Jahrhundert war man davon noch sehr weit entfernt. Doch eine Geschichte nur mit männlichen Figuren würde seltsam aussehen. Das Leben war nicht so. Ich erinnere mich an einen Tag, als ich in New York Bücher signierte. Zwei Afroamerikanerinnen ließen ihr Buch signieren. Sie waren sehr freundlich und sagten, das Buch gefalle Ihnen sehr gut, aber meine Bücher brauchten mehr Farbe. Sie fanden es urkomisch, mir das zu sagen, aber es war auch wahr. Fast alle Personen in meinen Büchern waren weiß. Und ich lebe nicht in einer Welt, in der fast alle Menschen weiß sind.

Sie schreiben ja auch historische Romane. Damals war die Gesellschaft in England noch viel homogener als heute.
Das ist richtig. Aber mir sagen auch manche, dass die Frauen in meinen Büchern nicht authentisch sind, weil sie so unabhängig sind. Es stimmt, ich schreibe über Zeiten, in denen es hieß, Frauen könnten keine Macht haben. Aber obwohl Leute das dauernd sagten, war das nie wahr. Es gibt immer Menschen, die gegen die gesellschaftlichen Regeln rebellieren. Und es gab immer mächtige, starke Frauen in der Zeit, über die wir sprechen. Es gab damals tatsächlich eine Frau, die aus der Normandie kam und einen Engländer heiratete. Das war Emma, und sie heiratete den König.

Sie spielt in Ihrem Roman auch eine Rolle.
Richtig. Und nach dem Ende des Buches geht ihre wahre Geschichte weiter. Nach dem Tod König Ethelreds heiratete sie den nächsten König von England, das war ein Wikinger, Knut. Und ihr Sohn wurde später ebenfalls König. Diese Frau war für ein halbes Jahrhundert im Zentrum der Macht. Ihr Beispiel zeigt uns, dass eine entschlossene Frau immer Macht erlangen kann. Zur damaligen Zeit war es üblich, dass die Gräfin die Ländereien ihres Mannes führte, wenn der in der Schlacht war. Obwohl also Leute damals über Frauen sagen, sie seien nicht intelligent, nicht entscheidend, schwach und so weiter, gaben sie ihnen trotzdem eine gewisse Macht.

Freiheitlicher Fortschritt: "Wir werden dafür kämpfen"

Wir sprachen über Freiheit. Auch der Brexit wird damit begründet. Wie sehen Sie das?
Ich glaube nicht, dass es uns frei macht, die Europäische Gemeinschaft zu verlassen. Ich weiß nicht, warum die Leute glauben, die EU habe uns alle möglichen Regeln auferlegt. Wenn man mit anderen Ländern ins Geschäft kommen will, braucht man Regeln. Wenn man mit seinen Nachbarn leben will, braucht man Regeln, an die sich alle halten. Vor allem aber mag ich den ganzen Geist des Brexit nicht: diese Vorstellung, dass wir niemanden brauchen. Und natürlich das, was sie nicht sagen, aber meinen: Wir sind besser als die anderen.

Die Freiheit und Demokratie, für die Ihre Figuren kämpfen, schlägt zur Zeit merkwürdige Blüten, nicht nur in Großbritannien. Nehmen wir diese Errungenschaften zu sehr für selbstverständlich?
Ja. Mein ganzes Leben lang habe ich es für selbstverständlich gehalten, dass die Welt immer freier und wohlhabender werden würde. Doch in den letzten Jahren sind plötzlich merkwürdige Dinge passiert, und es stellt sich heraus, dass nicht jeder Freiheit will. In der Türkei haben sie sogar weniger Freiheit gewählt. Erdogan hat gesagt, was er vorhat, und hat es getan, aber sie haben dafür gestimmt. Leute wählen Donald Trump. Die polnische Regierung möchte die Richter kontrollieren. Ich habe schockiert bemerkt, dass der freiheitliche Fortschritt nicht immer so weitergehen muss. Natürlich werden wir, die wir daran glauben, dafür kämpfen. Aber plötzlich sieht es so aus, als würden wir vielleicht nicht gewinnen.

Recherche: Inspiration und Anspruch 

Schreiben Sie deshalb historische Romane und nicht über die Gegenwart?
Mich hat Geschichte schon immer inspiriert. Es gibt Autoren, die interessant und lustig beschreiben, wie jemand in den Bus steigt oder einkaufen geht. Dieser Typ Schriftseller bin ich nicht. Ich suche die Inspiration anderswo. Ich lese Geschichtsbücher und denke: Oh, das ist interessant! Daraus könnte ich eine Geschichte machen.

Dafür recherchieren Sie viel. Machen Sie das gern, oder ist das Pflicht?
Mir gefällt es. Die Recherche ist viel leichter als das Schreiben. Sie gibt mir nicht nur Inspiration, da ist noch etwas anderes. Ich möchte keinesfalls etwas in meinem Buch stehen haben, das sich als falsch herausstellt. Diese Vorstellung stößt mich regelrecht ab. Und außerdem, wenn ein Leser von der Handlung gefangen ist und wissen will, wie es weitergeht, und dann merkt, dass etwas falsch dargestellt ist, wirft ihn das aus der Geschichte. Ich aber versuche etwas zu schreiben, das die Leute nicht mehr aus der Hand legen wollen.


Ken Follett: "Kingsbridge. Der Morgen einer neuen Zeit" (Lübbe, 1024 Seiten, 36 Euro)