Heinrich Mann: Zwischen Weltruhm und Vergessen

Heinrich Mann zum 150. Geburtstag: Der große deutsche Literat war früher politisch und linker als sein berühmter Bruder - und verdient mehr Würdigung.
von  Dirk Heißerer
Nizza, 1930: Nelly Kröger und Heinrich Mann (27. März 1871, Lübeck bis 11. März 1950, Santa Monica).
Nizza, 1930: Nelly Kröger und Heinrich Mann (27. März 1871, Lübeck bis 11. März 1950, Santa Monica). © ETH-Bibliothek Zürich/Thomas Mann-Archiv

Heinrich Mann? War das nicht 2001 dieser ältere Ehemann von Veronica Ferres in dem Dokudrama von Heinrich Breloer "Die Manns"? Die Ferres spielte Nelly Kröger, die unglückliche zweite Ehefrau Heinrich Manns (gespielt von Jürgen Hentsch), die im kalifornischen Exil dem Alkohol verfiel und sich das Leben nahm. Doch während Nelly, "die Trulle", wie ihr Schwager Thomas Mann sie nannte, im Unglück versank, trotzte Heinrich der Misere aus Erfolglosigkeit und Verarmung damals seine Autobiografie ab: "Ein Zeitalter wird besichtigt" (1946). Und er schrieb noch zwei Romane, "Der Atem" (1949) und "Empfang bei der Welt" (1956), die sein Bruder Thomas als "Greisen-Avantgardismus" bezeichnete und die kaum jemand kennt.

 

HAUPTWERKE: Unweit von Hollywood ist Heinrich Mann im März 1950 fast unbemerkt gestorben. Dabei sorgen ausgerechnet zwei Filme weiterhin für seinen Weltruhm. Das sind "Der blaue Engel" (1930, Regie: Josef von Sternberg) und "Der Untertan" (1951, Regie: Wolfgang Staudte). "Der blaue Engel", das waren für Heinrich Mann "mein Kopf, und die Beine von Marlene Dietrich".

Nicht zu vergessen Emil Jannings, der eben denjenigen Professor Rath spielt, den die ganze Schule nur "Unrat" nannte. Der Roman "Professor Unrat oder Das Ende eines Tyrannen" (1905) ist das eine satirische Hauptwerk Heinrich Manns. Das andere ist der Roman "Der Untertan" (1918), der in Deutschland hohe Auflagen nach beiden Weltkriegen erlebte. "Professor Unrat", der konservativ Bürgerliche, der sich in die "Künstlerin Fröhlich" verguckt, ins Bodenlose abstürzt und zum blinden Anarchisten wird, ist als Typus ausgestorben. Doch sein Gegenstück, "Der Untertan", hier unmenschlich reaktionär und kaisertreu, treibt als chauvinistischer Schwadroneur und Intrigant sein Unwesen bis heute.

Offenbarung für junge Dichter

DIE BRÜDER: Geboren wurde Heinrich Mann am 27. März 1871 in Lübeck als Sohn eines Senators und einer aus Brasilien stammenden Mutter. Diese besondere Mischung fand später Ausdruck im Roman "Zwischen den Rassen" (1907). Die literarische Karriere Heinrich Manns und seines vier Jahre jüngeren Bruder Thomas begann in Italien. Gemeinsam entwarfen sie 1896/97 in Rom und Palestrina einen satirischen Gesellschaftsroman, der vom Kaiser bis zum Bettelmann alles umfassen sollte. Daraus wurde bei Heinrich der unter "feinen Leuten" in Berlin spielende Gesellschaftsroman "Im Schlaraffenland" (1900), bei Thomas "Buddenbrooks" (1901), der "Verfall einer Familie".

In Rom erklärte Thomas Mann seinem Bruder aber auch die persönliche Feindschaft ("in inimicus") - und hielt sich lange daran. Den München-Roman "Die Jagd nach Liebe" (1903) kanzelte er ab als "schlaffe Brunst in Permanenz". Die eigene "Königliche Hoheit" (1909) erhob sich über Heinrichs Roman "Die kleine Stadt" (1909), den Thomas mit einem vergifteten Lob das "hohe Lied der Demokratie" nannte, von der er damals nicht viel hielt.

Für junge Dichter wie Franz Kafka war "Die kleine Stadt" in der Mischung aus Prosa, Drama und Oper, aus Politik und Alltag jedoch eine Offenbarung. "Was für ein Filmstoff!" schrieb der Neffe Klaus Mann noch 1947 seinem Onkel, hatte aber mit der Umsetzung kein Glück.

POLITIK:  Im Ersten Weltkrieg beschimpfte Thomas Mann den Bruder als "Zivilisationsliteraten", der sich in die Politik einmische, musste aber zähneknirschend feststellen, dass der Theaterautor Heinrich Mann 1917 mit dem Revolutionsdrama "Madame Legros" großen Erfolg hatte und mitten im Krieg zur Versöhnung und Völkerverständigung aufrief.

Heinrich Mann lebte lange unstet, suchte erotische Abenteuer als Stoff für seine Werke. Erst mit 43 heiratete er 1914 in München die Schauspielerin Maria Kanová aus Prag und bekam mit ihr 1916 die Tochter Leonie, genannt Goschi. Die Familie blieb bis 1928 im heute noch bestehenden Haus Leopoldstraße 59/III zusammen.

Nach dem Ersten Weltkrieg näherten sich die Brüder persönlich und politisch wieder an. Gemeinsam bezogen sie Position gegen den Faschismus, engagierten sich 1926 im "Kampf um München als Kulturzentrum" und richteten, so gut sie konnten, Appelle an die politische Vernunft.

Zwei Jahre nachdem Thomas Mann den Nobelpreis für Literatur erhalten hatte, ernannte die Preußische Akademie der Künste Heinrich Mann 1931 zu ihrem Präsidenten. Die Feier im selben Jahr zum 60. Geburtstag Heinrichs in Berlin war ein letztes großes gesellschaftliches Ereignis vor dem Ende der Weimarer Republik.

Exil in Frankreich und New York

IM EXIL:  Mit dem Notizbucheintrag "Abgereist" begann für Heinrich Mann und seine neue Lebensgefährtin, die Bardame Nelly Kröger, am 21. Februar 1933 das Exil, zunächst in der französischen Wahlheimat, in Nizza. Hier setzte er seinen publizistischen Kampf gegen das Hitler-Regime vehement fort, hier schrieb er 1935 und 1938 die beiden Romane über den "guten König" Henri IV. des 16. Jahrhunderts, der jedem seiner Untertanen ein Huhn im Topf gewünscht hatte und das Gegenstück zum regierenden Völkermörder in Deutschland war.

Nach der Eroberung Frankreichs durch deutsche Truppen 1940 blieb Heinrich Mann und seiner (seit 1939) zweiten Frau Nelly zusammen mit dem Neffen Golo Mann und dem Ehepaar Mahler-Werfel nur noch die Flucht nach Portugal zu Fuß über die Pyrenäen, was glücklich gelang. Am 13. Oktober 1940 kamen die Flüchtlinge mit einem griechischen Dampfer in New York an, begrüßt von Thomas und Klaus Mann, aber auch von Kadidja Wedekind, der zweiten Tochter von Heinrich Manns bestem Freund Frank Wedekind.

VERGESSEN?:  In Amerika verblasste Heinrich Manns Weltruhm bald. Nach einem Jahr als Lohnschreiber in Hollywood erhielt er eine Zeitlang finanzielle Unterstützung aus Moskau, bis die ausblieb und er ganz auf die Unterstützung seines Bruders Thomas angewiesen war.

Doch Heinrich Mann blieb politisch hellwach. Als im Juni 1942 zur Vergeltung für den Mordanschlag auf den "Protektor" Heydrich die Bewohner des mittelböhmischen Dorfes Lidice von deutscher Polizei ermordet und deportiert und das Dorf selbst dem Erdboden gleich gemacht wurde, reagierte Heinrich Mann und trug bereits im Juli 1942 auf einer Veranstaltung deutscher Exilanten in Los Angeles die ersten Stücke seines grotesken Dialogromans "Lidice" vor, der 1943 in Mexico City erschien, aber noch heute kaum gelesen oder diskutiert wird. Dabei ist "Lidice" das heimliche Gegenstück zur "Kleinen Stadt', das hohe Lied der Humanität im Moment ihrer größten Bedrohung.

"Nicht vergessen werden, ist viel", schrieb Heinrich Mann 1948 an seine "Wahlnichte" Kadidja Wedekind. Sein Amt als erster Präsident der neuen Akademie der Künste in Ostberlin konnte er 1950 nicht mehr antreten, sein Nachfolger wurde Arnold Zweig. Die Akademie betreut seit 1951 das Archiv und sorgte 1961 für die Überführung der Urne auf den Dorotheenstädtischen Friedhof gleich neben dem Brechthaus.

ANALOG UND DIGITAL: Lebendige Erinnerungsarbeit auf hohem Niveau betreibt die Heinrich-Mann-Gesellschaft in Lübeck. Die Studienausgabe in Taschenbüchern ist lieferbar. Zudem erscheinen seit 2010 die Essays Heinrich Manns in einer zehnbändigen Ausgabe. Doch es kommt noch besser: Zum Geburtstag sind zwei Prachtausgaben erschienen: "Professor Unrat" mit 32 Zeichnungen von Michael Stark (Büchergilde Gutenberg) und "Der Untertan" mit umfangreichem Materialienanhang (S. Fischer Verlag). Und jetzt präsentiert die Akademie der Künste "Heinrich Mann digital: Leben, Werk, Nachlass - Eine transnationale Rekonstruktion". Die virtuelle Ausstellung versammelt Werkmanuskripte, Notizbücher und Briefe, die auf verschiedene Archive weltweit verstreut sind (www.heinrich-mann-digital.net). Vergessen geht anders.


Das Thomas-Mann-Forum München veranstaltet am Di, 30. März, 19 Uhr, online einen Festvortrag. Es spricht Wolfgang Klein über "Heinrich Mann - der Intellektuelle 1936/37". Anmeldungen unter info@tmfm.de