Frauen fotografieren Frauen: Bildband mit Hexen und Ikonen

Gibt es den weiblichen Blick in der Fotografie? Lothar Schirmer hat seine großartige Anthologie aus zwei Jahrhunderten erneut aufgelegt.
von  Christa Sigg
Tolle Mähne und natürlich eine Zigarette: Porträtspezialistin Brigitte Lacombe blickt hier auf ihre Landsfrau Jeanne Moreau, 1996 in New York.
Tolle Mähne und natürlich eine Zigarette: Porträtspezialistin Brigitte Lacombe blickt hier auf ihre Landsfrau Jeanne Moreau, 1996 in New York. © Schirmer/Mosel

München - Dieses Bild bleibt haften, so unglaublich versiert, lässig und hochkonzentriert hat sich Germaine Krull mit ihrer Zeiss-Icarette porträtiert. Dabei sieht man kaum etwas vom Gesicht, selbst das Auge ist durchs Visier verdeckt. Stattdessen erscheint im Vordergrund das, worauf es der Fotografin ankommt: die Kamera und - fast noch wichtiger - die brennende Zigarette.

Lothar Schirmer legt Anthologie "Frauen sehen Frauen" neu auf

Besser konnte sie ihr Selbstverständnis kaum inszenieren. Deshalb hat das Bild seinen festen Platz, wenn es um Frauen, Fotografie oder die Zwanzigerjahre geht, entsprechend hing es auch in der Stadtmuseumsschau "Welt im Umbruch".

1925, zur Zeit der Entstehung, war die Krull noch keine 30, und man fragt sich ganz unwillkürlich, welche Rolle sie sich hier ausgesucht hat. Nimmt sie die damals vor allem männlich dominierte Fotografenposition ein? War ihr Blick dabei eher weiblich? Neutral? Oder doch von einer überwiegend männlichen Bildtradition geprägt?

Die Diskussion ist müßig, oft bemüht und eigentlich aus der Zeit gefallen. Auf der anderen Seite drängen sich solche Erwägungen ganz automatisch auf, wenn Lothar Schirmer seine famose Anthologie "Frauen sehen Frauen" aus dem Jahr 2001 wieder auflegt. Zumal das eine willkommene Gelegenheit bietet, auch den eigenen Blick und die aktuelle Genderfixierung zu reflektieren.

Bildband: Die älteste Aufnahme entstand um 1860

Rund 160 Bilder von 90 Fotografinnen sind zusammengefasst. Die älteste Aufnahme entstand um 1860: Clementina Maude, Viscountess Hawarden, aus dem britischen Adel zeigt ihre voneinander abgewandten Töchter - und man könnte leicht ein kleines Drama in diese Konstellation hineindeuten.

Mit Fotografien der Jahrtausendwende endet die naturgemäß völlig heterogene Reihe. Die unbestechliche Barbara Klemm beobachtet Leni Riefenstahl, die 2000 auf der Frankfurter Buchmesse wieder mal das von der Arbeit besessene, um Schönheit ringende Unschuldslamm zu mimen versucht und gegen die nur zehn Jahre jüngere, sehr natürliche Fotografenkollegin Eve Arnold eine Seite weiter wie eine desolate Karikatur ihrer selbst wirkt.

Nackte Josephine Baker im Profil: Ein Bild wird zum Mythos

Die Mischung aus Ikonen der Lichtbildgeschichte und Unbekanntem macht den Reiz aus. Es sind zum einen Pionierinnen wie Madame d'Ora, die die Berühmtheiten der Zehner- und Zwanzigerjahre in ihrem Wiener Atelier hat und durch eine subtile Ästhetik fasziniert. Man ist geradezu gebannt von der splitterfasernackten Josephine Baker im Profil - das Bild wurde zum Mythos.

Und dann gibt es genauso die Kämpferinnen wie Tina Modotti, die mit ihren Werken aufrütteln und zugleich anrühren kann. Oder Dorothea Lange, die Mitte der 30er-Jahre in Kalifornien eine obdachlose Mutter mit ihren beiden Kindern förmlich in den Bildrahmen gepresst hat.

Die Sache mit dem männlichen und dem weiblichen Blick

Spannend wird es bei den Aktdarstellungen. Etwa, wenn Ellen von Unwerth 1998 das brasilianische Dessous-Model Adriana Lima als kreischvergnügte Hexe in Strumpfhosen und auf High Heels mit einem Besen zwischen den Beinen posieren lässt oder Bettina Rheims in den frühen Achtzigern durch Strapse und Corsagen Bordellatmosphäre heraufbeschwört.

Dass man hier mit der Unterscheidung von männlichem und weiblichem Blick schnell in den Wald gerät, liegt in der diffusen Natur der Sache. Denn wüsste man nicht, dass in diesem Band ausschließlich Frauen hinter der Kamera standen, man hätte mit der Zuordnung seine liebe Not.

Das gibt auch die Literaturwissenschaftlerin und Genderspezialistin Elisabeth Bronfen zu bedenken, die in ihrem Vorwort die gängigen Überlegungen zum Thema ausbreitet, um sich dann doch ausgiebig über das Verbindende unter den Frauen auszulassen: Man erkennt sich gegenseitig, sieht Gemeinsamkeiten. Das könne hinter der Kamera aber genauso zum bewussten Herausarbeiten von Unterschieden führen. Gilt das nicht auch für Männer, die Männer fotografieren?

Hillary Clinton auf dem Balkon des Weißen Hauses

Man mag Bronfen nicht immer folgen, das muss auch nicht sein. Nur geht zwischendurch der Interpretations-Gaul mit ihr durch, und das führt zu unfreiwillig schrägen, ja grotesken Ergebnissen. Zum Beispiel, wenn sie Annie Leibovitz' Aufnahme von Hillary Clinton 1998 auf dem Balkon des Weißen Hauses "nicht zuletzt wegen des von Sonnenstrahlen erleuchteten blauen Himmels und der klassizistischen Architektur" an klassische Mariengemälde erinnert. Clinton sei entrückt in ihre geistige Welt, und das Jesuskind wird von einem Schriftstück ersetzt, das die damalige First Lady gerade korrigiert.

Das haut nicht einmal mit der gerne in ein Buch vertieften Verkündigungsmadonna hin. Doch der definitiv großartige Bildteil lässt das leicht vergessen. Hilfreiche Informationen liefern außerdem die kurzen Biografien im Anhang. Und vielleicht gibt's beim nächsten Aufguss 20 Fotografinnen-Jahre dazu und einen neuen Essay?


"Frauen sehen Frauen", herausgegeben von Lothar Schirmer (Schirmer/Mosel, 280 Seiten, 159 Tafeln, 39,80 Euro)