"Fieber 17" von Felicitas Hoppe: Das Flirren der Seele

Felicitas Hoppe hat für Herbst ihren neuen, große Roman angekündigt: In die Fieberkurve der Erwartung schiebt sie jetzt eine Erzählung ein: "Fieber 17".
von  Bernhard Viel
Die Schriftstellerin Felicitas Hoppe.
Die Schriftstellerin Felicitas Hoppe. © imago/Horst Galuschka

Tom Waits klagte einmal in seiner Reibeisen-Stimme: "And my doctor says I'll be alright, but I'm feelin' blue” - der Arzt sagt, mir fehlt nichts, aber ich fühle mich krank. Von einer seltsam ungreifbaren Krankheit weiß auch die Ich-Erzählerin in Felicitas Hoppes neuer Erzählung "Fieber 17" ein Lied zu singen.

Darum geht es in Felicitas Hoppes neuer Erzählung "Fieber 17"

Fieber 17 - ein kurzes Stück, in dem wenig passiert: Ein kaum sechsjähriges Mädchen, schwächlich und scheu, wird von den Eltern auf eine Nordseeinsel zur Kur verschickt. Jahrzehnte später erzählt die erwachsene Frau ihrem Arzt von den Leiden, die sie in dieser Genesungsanstalt durchzustehen hatte: "Die Ohrfeige und den Morgenappell", die "Tasse Salzwasser zum Frühstück", kurz: Ihr widerfährt das ganze Programm alter Zwangs-Pädagogik. Was bleibt, sind das Asthma und die Angst vor dem Leben.

Drama eines empfindsamen Kindes

Eine kleine Geschichte also, doch birgt sie in den Goldadern ihrer funkelnden Prosa all jene Schätze, die das literarische Werk Felicitas Hoppes seit ihrem Debütroman Picknick der Friseure (1996) gehortet hat. Denn was Hoppes namenlose Ich-Erzählerin erleidet, ist nichts anderes als das Drama eines empfindsamen Kindes. Es blickt mit anderen Augen in die Welt als die Lautstarken und Robusten: Nicht mit den Augen des Realisten, der nur wahrnimmt, was ihm nützt - sein Blick ist der des Empfindsamen, der durchlässig ist für Schönheit und Geist.

Hoppes kleine Erzählung greift damit ein großes Thema deutscher Literatur auf, das Thomas Mann in seiner Erzählung "Tonio Kröger" als existenzielle Trennung von Künstler und Bürger beschwor. Dieser für Thomas Mann noch schmerzliche Konflikt verliert im Zeitalter der säkularen Verbrauchergesellschaft freilich jede Tragik. So kann der Doktor seine Patientin beruhigen: ihr Leiden sei doch nur eine "Krankheit ohne Namen und Pathos".

Die Erzählung selbst aber gibt dieser anscheinend banalen Seelenkrankheit eine kulturgeschichtliche Dimension, indem sie sie zum Sinnbild einer Sehnsucht prägt, die den von allen religiösen Bindungen befreiten modernen Menschen immer wieder heimsucht: Die Sehnsucht nach innerer Heimat unter metaphysischem Obdach. "Flirren" nennt Hoppes Erzählerin treffend diesen Zustand seelischer Unruhe.

"Fieber 17" enthält den Kern eines Künstlerromans

Hoppes ein wenig auch autobiografische Heldin entkommt dieser Unruhe im beherzten Schritt zu sich selbst, und das heißt: im Mut, ihre Erlebnisse in Dichtung zu verwandeln: "Und so bin ich aus Not ein träumender, fahrender Sänger geworden." Und nicht zufällig nimmt sie auf ihre erste Reise, die sie aus freien Stücken unternimmt, die Bibel mit, im Kopf einen Satz aus dem Johannes-Evangelium: "Steh auf, nimm dein Bett und geh nach Hause!"

Das alles wäre, sollte man meinen, genug Bedeutung für ein Bändchen, das nicht weniger als den Kern eines Künstlerromans enthält. Weshalb also muss auf "Fieber 17" noch ein Essay folgen, der dem Verhältnis von autobiografischem Erzählen und Wahrheit nachspürt?

Bereits "Fieber 17" behandelt dieses Problem: Dass jede Erzählung, sie mag noch so viele nachweisbare Tatsachen enthalten, immer auch Fiktion ist. Doch so gesehen, ergänzen sich Essay und Fieber 17 zu einer Erzählung über das Erzählen, die die 2012 erschienene fiktive Autobiografie der Büchnerpreis-Trägerin, Hoppe, fortschreibt und vorausweist auf den kommenden großen Roman.


Felicitas Hoppe: "Fieber 17. Eine Erzählung und ein Essay" (Dörlemann, 96 Seiten, 9.99 Euro)