AZ-Interview mit Phil Collins: Hund und Dosensuppe

„Going Back“ – der Pop-Privatier Phil Collins hat sich doch noch zu einem neuen Album durchgerungen
von  Abendzeitung
Phil Collins kehrt zu seiner alten Liebe, dem Motown-Soul, zurück.
Phil Collins kehrt zu seiner alten Liebe, dem Motown-Soul, zurück. © dpa

„Going Back“ – der Pop-Privatier Phil Collins hat sich doch noch zu einem neuen Album durchgerungen

Das Hotel Beau Rivage in Genf ist der Treffpunkt für unser Gespräch. Phil Collins wohnt nicht weit von hier entfernt in einem kleinen Ort namens Féchy. Die Ehe mit der Schweizerin Orianne Cevey ist zwar vor vier Jahren zerbrochen, der gemeinsamen Söhne zuliebe hat sich Collins aber entschieden, in der Schweiz zu bleiben. Nach acht Jahren Albumpause, einer letzten Tournee mit Genesis und diversen gesundheitlichen Problemen veröffentlicht er nun sein neues Album „Going Back“ – eine Sammlung von Songs aus der Motown-Ära.

AZ: Mr. Collins, was hat Sie bewogen, ein Album voller Motown-Songs aufzunehmen?

PHIL COLLINS: Das ist für mich ja kein neues Genre. „You Can’t Hurry Love“, „Two Hearts“ oder „Going Loco In Acapulco“, ein Duett mit den Four Tops, habe ich in den Achtzigern aufgenommen, weil ich Motown liebe. Dieses Album hat also immer schon darauf gewartet, dass ich es endlich mache.

Plötzlich heißt es in den Medien wieder, der Phil sei eine verdammt coole Socke.

Ich glaube kein Wort davon. Sie etwa?

In den Neunzigern hing vielen Menschen Ihre Musik zum Halse raus, doch inzwischen hört man sie ganz gern.

Die Ausschläge waren wirklich extrem. Vom meistgeliebten bis zum innig gehassten Musiker war der Weg für mich nur kurz. Und jetzt schreiben die Journalisten tatsächlich wieder nette und freundliche Sachen über mich.

Haben Sie damit gehadert, keine künstlerische Anerkennung zu bekommen?

Das tat mir weh. Ich habe mich oft gefühlt wie ein Schwimmer, der von der öffentlichen Meinung immer wieder unter Wasser gedrückt wird. Jetzt lassen mich die Leute in Ruhe schwimmen. Ich meine, ich bin ein verdammt guter Schlagzeuger, ich habe ein paar wirklich gute Songs geschrieben und ich habe das Gefühl, heute endlich Luft zu bekommen, atmen und mich wohl fühlen zu können.

In „Hangover“ stimmt eine betrunkene Männerclique „In The Air Tonight“ gemeinsam mit Mike Tyson sowie einem ausgewachsenen Tiger an.

Herrlich, oder? Ich liebe diese Szene mit Tyson, einem wirklich kantigen, unberechenbaren, feurigen Koloss – der ist echt irre. Tyson ist ziemlich genau das Gegenteil von mir.

Vor zwei Jahren noch haben Sie beteuert, in Rente gehen zu wollen.

Also, passen Sie mal auf. Manchmal muss das Pendel sehr weit schwingen, damit die Leute glauben, dass du es ernst meinst. Jedenfalls: Ich habe mich zur Ruhe gesetzt. Oder sagen wir besser: Ich habe aufgehört. „Zur Ruhe gesetzt“ klingt ja noch älter, als ich eh schon bin. Also, was die Tourneen angeht, ist ganz sicher Schluss. Ich hatte meine letzte Solotour zwar „The First Final Farewell Tour“ genannt, aber das ist einfach meinem Humor geschuldet. Die Genesis-Tour danach haben wir gemacht, weil wir als Gruppe das Gefühl hatten, wir hätten uns nicht gescheit verabschiedet. Abgeschlossen waren für mich auch weitere Plattenaufnahmen, zumindest von der Art, die die Leute später hören konnten.

Wird das ihr letztes Album sein?

Ich werde sehr wahrscheinlich für immer, für den Rest meines Lebens, Songs schreiben. Und wenn ich diese Songs komponiert habe, dann gibt es eine kleine Möglichkeit, dass ich sie vielleicht, ganz vielleicht irgendwann veröffentliche. Aber vom Kopf her ist "Going Back" mein letztes Album. Ich brauche das Geld nicht mehr, mir machen das hektische Reisen, all die blöden TV-Shows keinen Spaß mehr, und außerdem ist mit diesem Album jetzt mein Plattenvertrag erfüllt. Diese Freiheit ist großartig.

Sehen Sie Ihre Kinder oft?

Klar. Ich wohne nur zehn Minuten entfernt. Orianne und die zwei Jungs wohnen noch in unserem alten Haus, ich bin ausgezogen, aber in ihrer Nähe geblieben.

Warum sind Sie in der Schweiz geblieben?

Ich lebe hier, weil die Schweiz und der Genfer See längst meine Heimat geworden sind. Ich bin häufig genug in London, um froh zu sein, dort nicht mehr permanent zu leben. Ich bin ja schon seit 15 Jahre hier, meine Welt dreht sich um meine zwei Kinder.

Sie sind seit etwa zwei Jahren mit Dana Tyler, einer Nachrichtensprecherin aus New York, liiert. Viel war bislang von dieser Beziehung nicht zu sehen und zu hören.

Nein. Ich halte Dana aus der Schusslinie. Sie ist eine sehr talentierte Frau, eine Journalisten. Sie ist jetzt seit 18 Jahren bei ihrem Sender und lebt ihr eigenes Leben. Ich selbst habe zwar auch eine Wohnung in NewYork, aber ich bin nicht allzu häufig dort. Wir sehen uns oft genug.

Sie planen nicht, zusammenzuziehen?

Nein. Mir gefällt das Leben so, wie es jetzt ist. Ich will auch keinesfalls noch einmal heiraten. Mein Leben ist ja sowieso schon kompliziert genug.

Wie ist der Kontakt zu Ihren Ex-Frauen?

Gut soweit. Ich komme mit allen dreien klar. Speziell natürlich mit Orianne. Sie kam einmal ins Studio, als ich dort gerade mein Album aufnahm. Das war verwirrend. Ich wusste nicht, wie ich sie vorstellen sollte. „Leute, das ist meine Ex-Frau“? Das klingt so böse. Also sagte ich, „Sie ist die Mutter meiner beiden Söhne Nicholas und Matthew und dazu meine beste Freundin.“ Sie sah aus, als hätte ich sie sehr gerührt. Mann, es ist wirklich wahr: Ein gemeinsames Leben ist nicht kaputt, wenn man sich trennt.

Warum ist Ihre Ehe mit Orianne Cevey zerbrochen?

Um ganz ehrlich zu sein: Orianne und ich lieben uns immer noch. Und ich weiß nicht, warum wir uns haben scheiden lassen.

Stimmt es, dass Sie sich einen Hund angeschafft haben?

Travis. Ja. Ein Supertyp.

Sie und Travis leben alleine?

Ja, wir teilen uns eine Junggesellenbude. Ich will niemanden mehr in meinem Haus haben. Ich möchte meine Ruhe haben, alleine bleiben.

Was gefällt Ihnen denn so gut am Alleinleben?

Mein Sofa. Mein Bier. Meine Fußballsendungen. Also, ich habe auch meine Momente, in denen ich mich einsam fühle, natürlich habe ich die, aber alles in allem macht mir mein Leben Spaß. Ich wohne auch nicht mehr in einem großen Haus, es ist relativ eng. Jedesmal, wenn mich meine erwachsenen Kinder besuchen kommen, müssen sie im Hotel übernachten. Weil ich nicht genug Schlafzimmer habe.

Kochen Sie für sich alleine?

Gestern Abend zum Beispiel habe ich mir eine Dosensuppe aufgewärmt und sie vor dem Fernseher gegessen. Ich kann schon ein bisschen kochen, bin aber auch faul. Ich schaute mir also irgendwann diese leere Suppendose an und dachte: „Ob Madonna das wohl auch so macht?“ Mit Sicherheit nicht. Ich meine, ich habe genug Geld, um es mir verdammt gut gehen zu lassen. Stattdessen sitze ich in diesem kleinen Haus mit einer Dose Suppe.

Steffen Rüth

„Going Back“ (Warner) erscheint am 10. September