Zwischen Johanneskirchen und Daglfing Bauland statt Felder? Wie die Bauern gegen Planer kämpfen

Der Daglfinger Landwirt Hans Oberfranz auf seinem Haferfeld am Lebermoosweg. "Dass hier mal alles mit Häusern, Straßen und Autos vollstehen soll", sagt er, "das mag ich mir nicht vorstellen." Foto: iko

Für Feldmoching im Münchner Norden hat OB Dieter Reiter (SPD) die umstrittene SEM gekippt. Für das zweite große, noch unbebaute Gebiet im Nordosten gilt sie noch. Aber die Bauern wehren sich.

München - Es riecht nach Wiese, nach Getreide und nach Pferden hier draußen im Münchner Nordosten, ein Stück nördlich der Galopprennbahn. Hans Oberfranz (43) steht auf seinem Acker, der direkt an den alten Bahndamm am Lebermoosweg grenzt, und schaut über den Hafer, der sich silbriggrün schimmernd im Wind wiegt.

Am Horizont im Westen, keine fünf Kilometer Luftlinie entfernt, kann man das Arabella-Hochhaus in Bogenhausen erahnen und den Turm der "Süddeutschen Zeitung", der in Steinhausen in den Himmel ragt. Bis hier heraus an die Grenze der Landkreisgemeinde Aschheim reicht das Münchner Stadtgebiet. Flaches Land mit nichts als Feldern, Wiesen, Alleen und dem Hüllgraben - eine Verlängerung des Hachinger Bachs.

"Dass hier, auf unserem Land, mal alles mit Häusern und Straßen und Autos vollstehen soll", sagt der Daglfinger Landwirt und schüttelt den Kopf, "das mag ich mir wirklich nicht vorstellen. Da wird's mir ganz anders."

Rathaus friert Bodenpreise ein - auf ein Zehntel des Stadt-Niveaus

Aber genau das ist der Plan. Die Stadt München will, um die Wohnungsnot zu lindern, auf den 600 Hektar unbebauten Ackerflächen zwischen Daglfing, Englschalking und Johanneskirchen in den nächsten 20 Jahren einen Mega-Stadtteil für 30.000 Menschen und mit 10.000 Arbeitsplätzen bauen - so wie er gerade in Freiham im Münchner Westen entsteht.

Bloß: Dieses Land ist nur zu einem kleinen Teil in städtischem Eigentum. Mindestens 60 Prozent gehören rund 200 privaten Grundeigentümern - so jedenfalls haben die es ausgerechnet. 15 davon sind Bauern, die hier Getreide und Gemüse anbauen oder noch Kühe und Bullen halten.

Der Hof der Familie Oberfranz steht seit 100 Jahren in Daglfing, neben dem Maibaum. Schon ein paar Meter weiter beginnt das Planungsgebiet.
Der Hof der Familie Oberfranz steht seit 100 Jahren in Daglfing, neben dem Maibaum. Schon ein paar Meter weiter beginnt das Planungsgebiet.

Der Hof der Familie Oberfranz steht seit hundert Jahren im alten Ortskern von Daglfing, nur einen Steinwurf vom neuen Planungsareal entfernt. Gut ein Dutzend Felder bewirtschaftet Hans Oberfranz, Vater von vier Kindern, rund um seinen Hof - wie schon sein Vater und Großvater. Er baut Braugerste an für die Augustiner Brauerei in München, Soja für die Tierfütterung, Hafer für die Rennpferde in Daglfing. Die Landwirte-Nachbarn liefern auch an den Viktualienmarkt und die Großmarkthalle.

Um möglichst günstig an all dieses Land zu kommen, hat die Stadt schon 2011 damit begonnen, für das 600-Hektar-Areal eine "Städtebauliche Entwicklungsmaßnahme" (SEM) vorzubereiten - das schärfste juristische Schwert des Baugesetzes. Das hat der Stadt ermöglicht, die Bodenpreise einzufrieren - auf dem Niveau landwirtschaftlicher Nutzfläche. Also bei zehn bis 20 Euro pro Quadratmeter Acker. Dabei liegt der Quadratmeterpreis für Bauland heute teilweise hundertmal so hoch - wie jetzt in Freiham bei 1400 Euro.

Was die Stadt beim Grundstückspreis spart, soll in die Infrastruktur fürs neue Mega-Stadtviertel fließen.

U-Bahnhof soll Hühnerstall ersetzen

Die Bauern hier draußen haben das erst sehr viel später erfahren. Durch die Zeitung. "Ich hab gedacht, ich sehe nicht recht", erzählt Barbara Oberfranz, die Ehefrau des Landwirts. "Die haben in einer Variante einen U-Bahnhof da hingeplant, wo unser Hühnerstall liegt. Sowas darf's doch nicht geben, ohne Rücksprache mit uns."

Plötzlich war von einem städtischen Vorkaufsrecht die Rede, von möglichen Enteignungen bei all denen, die nicht freiwillig billig an die Stadt verkaufen. Auch wenn die Stadtspitze immer wieder verlautbart hat, dass es zu Enteignungen nicht kommen werde: Das Vertrauen der Bauern haben sie in der Sache verloren.

Es ist wohl den massiven Protesten der Bürgerinitiative "Heimatboden" geschuldet, in der sich viele Grundstückseigentümer zusammengetan haben, dass eine zweite "SEM" quasi im Keim erstickt worden ist - für das 900 Hektar große Acker-Areal rund um Feldmoching, ein weiteres großes Planungsgebiet.

Ziemlich genau hier, am Hühnerstall der Familie, soll nach einer Planvariante der Stadt eine U-Bahn-Station für den neuen Stadtteil entstehen.
Ziemlich genau hier, am Hühnerstall der Familie, soll nach einer Planvariante der Stadt eine U-Bahn-Station für den neuen Stadtteil entstehen.

Gerade erst hat Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) sich dem Druck gebeugt und die Vorbereitungen für diese "SEM München Nord" beerdigt. Er will mit den dortigen Landwirten nun eine kooperative Lösung finden (AZ berichtete). Sie sollen mitentscheiden dürfen, ob und für wie viel Geld sie ihr Land verkaufen wollen.

Dass nun auch die SEM für den Nordosten schnell fallen muss , ist für die Landwirte um Daglfing "eine Frage der Gerechtigkeit". Allein die jahrelangen Vorbereitungen - der endgültige Satzungsbeschluss des Stadtrats steht noch aus - wirken sich schon massiv aus: Einen Acker, der wegen des eingefrorenen Bodenpreises kaum Geld wert ist, kann man nur minimal für Investitionen wie neue Landmaschinen beleihen.

Und immer steht jetzt die Frage im Raum: Lohnt es sich überhaupt noch, zu investieren? Gibt es noch eine Zukunft für ihren Beruf. Und für die Kinder, die die Höfe übernehmen wollen?

"Steril wie in Riem? Das kann sich doch keiner wünschen"

Bei Martin Wiesheu (66), der seinen Hof ein paar Kilometer nördlich in Johanneskirchen hat, will eine seiner Töchter samt Schwiegersohn und drei Kindern die Landwirtschaft weiterführen. Auf 90 Hektar bauen die Wiesheus Weizen und Braugerste an. Auch eine Bullenmast gibt es, das Fleisch verkauft die Familie im Hofladen. Dass sie aufgeben sollen, was seit 1955 existiert, ist "undenkbar" für sie. "Als Landwirt", sagt Wiesheu, "stehst du immer mit einem Fuß in deinem Boden drin. Das verbindet. Ich würde für keine zehn Millionen Euro von hier weggehen."

Dass München neue Wohnungen braucht, stellen die Münchner Bauern nicht infrage . "Das ist schon klar", sagt Hans Oberfranz, "die Zuzügler müssen ja irgendwo wohnen." Für jedes Jahr werden 25.000 Neubürger prognostiziert. Von den Tausenden, die jetzt schon verzweifelt nach Wohnungen suchen, ganz zu schweigen.

"Ich hätte nichts dagegen, wenn man maßvoll anfangen würde, am Rand der bisherigen Bebauung Häuser hinzustellen", sagt er. "Aber die ganzen Äcker auf einen Schlag zerstören? Die schöne Landschaft komplett überplanen, damit sie nachher so steril ausschaut wie an der Messestadt Riem? Das kann sich doch im Ernst keiner wünschen."

Auf diesem Areal im Nordosten, auf dem Hans Oberfranz Felder hat, sollen mal 30.000 Münchner leben.
Auf diesem Areal im Nordosten, auf dem Hans Oberfranz Felder hat, sollen mal 30.000 Münchner leben.

Im Zweifelsfall ziehen die Bauern vor Gericht

Im Münchner Planungsreferat ist freilich wenig Raum für solche Befindlichkeiten . Hier hat man den Auftrag, großflächig, eng bebaut und "in einem Guss" zu planen. Schon allein, damit die Infrastruktur und Verkehrserschließung für möglichst viele Wohnungen gelingt. Auch aus der Stadtspitze ist noch kein Signal gekommen, das auf ein schnelles Ende der SEM-Nordost-Pläne schließen ließe und den Bauern die Entscheidungsfreiheit zurückgibt.

"Ich möchte aber wieder Herr über mein Land sein, und selber entscheiden können, auf welche Felder ich verzichten kann, weil ich vielleicht woanders etwas dazupachten kann", sagt Hans Oberfranz.

Die Bürgerinitiative "Heimatboden" will deshalb weiterkämpfen. Weiter Plakate in ihre Felder stellen, Diskussionsabende veranstalten. Und Radtouren, um die Landschaft zu zeigen, die zugebaut werden soll.

Heimatboden-Anwalt Benno Ziegler glaubt inzwischen, einen Hebel gefunden zu haben, die Pläne zu stoppen, weil die SEM "juristisch auf tönernen Füßen" stehe. Zum Beispiel dürfe die Stadt eine SEM als Zwangsmaßnahme nur dann einsetzen, wenn sicher sei, dass die Neubauwohnungen nach spätestens 20 Jahren bezugsfertig sind. So ein Zeitrahmen, so Ziegler, sei aber nicht zu schaffen. Falls die Stadt die SEM-Satzung trotzdem bald förmlich beschließt, werde er sie beim Verwaltungsgerichtshof aufheben lassen.

Ruhig wird es für die Bauern im Nordosten wohl noch lange nicht werden.

 

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