Zum "Equal Pay Day" Frauen, wir müssen reden – über Geld!

Zum "Equal Pay Day" reden Münchner Frauen zum Thema Gehalt - und was sich ändern muss. Im Bild (v.l.n.r.): Marion Kiechle, Direktorin der Frauenklinik am Klinikum rechts der Isar und Hochschullehrerin, Laura Lammel, Geschäftsführerin von Lammel Bau und stellv. Obermeisterin der Bauinnung München und Friederike Sturm,Präsidentin von Lotto Bayern. Foto: az

Im Freistaat bekommen Frauen noch weniger Lohn als im Durchschnitt Deutschlands. Die AZ will von Münchnerinnen wissen, was frau da tun kann.

 

München - Es ist ein symbolträchtiger Tag, dieser 18. März: Bis zu diesem Tag müssten Frauen in Deutschland über das vergangene Jahr hinaus arbeiten, um genau so viel Geld zu verdienen, wie ein Mann im selben Beruf in nur 365 Tagen.

Es ist der "Equal Pay Day", der "Tag für gleiche Bezahlung". Seit zehn Jahren machen Menschen (vor allem Frauen) an diesem Tag auf den Missstand der Gehälter-Ungerechtigkeit aufmerksam.

Bei 21 Prozent liegt der geschlechtsspezifische Entgeltunterschied – beim durchschnittlichen Brutto-Stundenverdienst macht das einen Unterschied aus von 4,45 Euro. 2006 lag die Differenz bei 23 Prozent. "Eine magere Verbesserung", sagt die Frauensekretärin von ver.di Bayern, Bettina Messinger. In Bayern verdienen Frauen sogar durchschnittlich 24 Prozent weniger.

Das sind die Hauptgründe für den Lohnunterschied

Die traditionelle Aufgabenteilung in der Familie, die Wahl von sogenannten typischen und geringer bezahlten Frauenberufen, die niedrige Quote von Frauen in Führungspositionen, die Unterbrechung von Berufsverhältnissen wegen Kinderbetreuung oder Pflege sind Hauptgründe für den Lohnunterschied.

Aber auch wenn man dies alles berücksichtigt, bekommen Frauen bei gleicher Qualifikation und sonstigen gleichen Merkmalen sieben Prozent weniger als Männer. Darum haben wir mit starken Münchnerinnen darüber gesprochen, was frau da tun kann.

Friederike Sturm, Präsidentin von Lotto Bayern:

"Als bayerische Beamtin betrifft mich das Thema ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen nicht persönlich. Im öffentlichen Dienst ist die gleiche Bezahlung schon seit jeher verwirklicht. Für gleiche Positionen gibt es dieselbe Bezahlung. Ich empfinde das als gerecht. Die Forderung nach gleicher Bezahlung ist daher notwendig. Solange eine Gerechtigkeitslücke in anderen Bereichen besteht, sollte frau sich einfach überlegen, in den öffentlichen Dienst einzusteigen."

Kristina Frank, Richterin und CSU-Stadträtin:


Foto: privat

"Schon das Sprichwort, man müsse ,seinen Mann stehen’, zeigt, dass viele in der Arbeitswelt geforderte Eigenschaften wie Durchsetzungsvermögen, Tatendrang und Flexibilität nach wie vor mit dem männlichen Geschlecht verbunden werden. Frauen treten nach der Familiengründung häufig kürzer – und müssen plötzlich auf zwei Hochzeiten tanzen.

Als Familienmanagerin sind viele von uns eingeschränkter, deshalb aber nicht weniger engagiert und interessiert. Zeigen wir, dass es nicht nur darauf ankommt, bis in die Abendstunden im Büro zu sitzen, sondern darauf, was wir in knapper Zeit leisten können! Stellen wir unsere Qualitäten heraus, networken wir ohne Ende und machen wir uns unentbehrlich.

Männer genieren sich nicht, ihre Trümpfe auszuspielen. Auch wir müssen auf unsere typisch weiblichen Qualitäten stolz sein – und sie zielgerichtet einsetzen. Denn das Geschlecht darf bei der Entlohnung im 21. Jahrhundert in Deutschland keinen Unterschied machen!"

Laura Lammel, Geschäftsführerin von Lammel Bau und stellv. Obermeisterin der Bauinnung München:

"Wenn Frauen in meinem Betrieb die gleiche Leistung bringen wie Männer, werden sie natürlich genau so behandelt: gleiche Qualifikation, gleicher Aufgabenbereich – gleiche Bezahlung. Frauen sind ja unsere Säule im Mittelstand, ohne die könnten wir einpacken! Die kümmern sich um die Kinder, haben einen halben bis dreiviertel Job in der Firma und arbeiten da in einem ganz anderen Tempo.

Als Geschäftsführerin unserer Firma muss ich mich inzwischen nicht mehr ständig beweisen. Der Weg nach oben ist für Frauen härter, man wird mehr getestet, kritisch beäugt und muss mehr leisten – aber wenn man nach oben will, darf man nicht jammern. Dann muss man dafür hart arbeiten. Es ist natürlich auch okay, wenn eine Frau sich für einen anderen Weg entscheidet. Wer voll einsteigen will, muss aber in seinem Leben die Konsequenzen ziehen. Das gilt heutzutage immer noch mehr für Frauen als für Männer. Als Geschäftsführerin verhandle ich das Gehalt immer mit einer Person. Da ziehe ich niemanden über den Tisch, vor allem nicht, weil sie weiblich sind. Eher im Gegenteil."

Lisa Wagner, Schauspielerin:


Foto: dpa

"Ich frage mich immer wieder, wieso es eigentlich nicht rechtswidrig ist, dass Männer und Frauen ungleich viel Gehalt bekommen. Mir fällt da meine erste Gagenverhandlung am Residenztheater ein. Ich sagte zum Chef: ,Ich will das, was Kollege XY kriegt.’ Ich wusste nicht, wie viel das ist, aber der hat mit mir zusammen angefangen, hatte die gleichen Voraussetzungen – ich fand, wir sollten das gleiche verdienen. Das haben wir dann auch. Wir sind zwar vertraglich dazu verpflichtet, über unsere Gage nicht zu reden, aber ich finde, es ist Zeit für Transparenz in diesem Bereich, damit man nicht vertragsbrüchig werden muss, um Ungerechtigkeit bei den Gagen offenzulegen und letztlich dann auch verhindern zu können. Auf lange Sicht müssen wir darüber reden können."

Katrin Habenschaden, stellv. Fraktionsvorsitzende der Stadtrat-Grünen und Diplomwirtin:

"Aus meinem beruflichen Umfeld und dem Freundeskreis kenne ich die Horrorgeschichten mittlerweile ziemlich gut: Gut situierte Frauen geraten, mit ihren Kindern oder alleine, in existenzielle Not, weil sie sich in der finanziellen Absicherung allein auf ihren Mann verlassen haben. Und das sind nicht nur Geschichten unserer Mütter, das wiederholt sich leider auch bei einigen meiner Freundinnen. Nicht nur aufgrund solch abschreckender Beispiele habe ich selbst das immer anders gemacht. Mein Mann und ich arbeiten beide Teilzeit, teilen uns die Wochentage mit unseren Kindern auf.

Dieses Modell ist für mich optimal, ich sehe aber, dass es nicht überall möglich ist. Das hat mit einem immer noch antiquierten Rollenbild vieler Personalchefs zu tun, das stark verkürzt lautet: Mit einem Wechsel von Voll- in Teilzeit ist die Karriere vorbei. Dabei ist auch Führungsverantwortung in Teilzeit sehr gut möglich, wenn die Chefs mitspielen. Auf Freiwilligkeit setzte ich hier nicht, da sind schon viel zu viele Jahre vergangen, in denen sich nicht viel geändert hat. Ich bin deshalb für eine gesetzliche Quote: die Hälfte der Führungspositionen an Frauen! Nur so werden Firmen sich systematisch mit Frauenförderung befassen und bekommen wir die Gehalts-Lücke klein."

Marion Kiechle, Direktorin der Frauenklinik am Klinikum rechts der Isar und Hochschullehrerin:


Foto: dpa

"Als Erstes sollten sich Frauen erkundigen, was Männer oder andere Frauen in gleichen Positionen verdienen. Als es um mein Lehrstuhl-Gehalt ging, habe ich mich erstmal schlau gemacht, wie die Verträge der Kollegen aussehen. Es haben nicht alle was gesagt, das ist für viele unangenehm. Aber einige eben doch. Die Verhandlungen, ob ich auf Lebenszeit verbeamtet werde, gingen dann hoch bis zum Kultusminister Hans Zehetmair. Ich habe gesagt: ,Für fünf Jahre komme ich nicht. In Kiel habe ich eine Stelle auf Lebenszeit.’ Argumente zu finden, darin sind wir Frauen ja stark – wir müssen sie dann nur auch anwenden. Grundsätzlich sollten Frauen sich trauen, im Gespräch Forderungen zu stellen.

Viele denken: ,Ich will nicht unverschämt wirken, wenn ich mehr fordere.’ Sie haben Angst, negativ rüberzukommen. Männer haben diese Angst gar nicht – und das ist ein Problem für uns. Hinzu kommt, dass für viele Frauen nicht das Gehalt an erster Stelle steht, sondern die Zufriedenheit im Job, die Vereinbarkeit mit der Familie. Diese Denke muss sich ändern. Frauen müssen mehr Mut entwickeln. Sie müssen um Gehalt pokern und wissen: Das ist meine Arbeit wert. Um das zu trainieren, kann man Vorgespräche führen mit einem Coach. Gut vorbereitet in Verhandlungen gehen, das stärkt einen natürlich."

Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayr. Lehrerinnen- und Lehrerverbands:


Foto: dpa

"Ich hatte als Kind immer alle Chancen und habe mich als junge Frau nicht benachteiligt gefühlt in Familie und Freundeskreis – bis ich am Gymnasium in die ersten Schülervertretungen kam. Da merkte ich schnell, dass die Jungs immer vorn dran waren. Männer haben da sowas wie ein eingebautes Vollgas.

In der Karriere hatte ich den Vorteil, kein Kind zu haben. Ich war ungebunden, arbeitete nicht in Teilzeit – also das Gegenteil von den Frauen, die im Schulbereich benachteiligt werden. Die Gehälter von verbeamteten Lehrerinnen und Lehrern sind immer und überall gleich. Das hätte mich schon geärgert als Junglehrerin, wenn der Mann nebenan mehr verdient hätte! Etwas Anderes als eine gleichberechtigte Besoldung ist gar nicht vorstellbar, da denkt kein Mensch in Bayern dran. Wir müssen ja auf die Frauen zählen – manche Schulen haben 80 Prozent Lehrerinnen. So eine Ungleichheit dürfte im Lehrerbereich nie passieren."

Rechtsreferendarin Carmen Wegge (27):


Foto: Daniel von Loeper

"Im Moment während des Referendariats bekomme ich das gleiche Gehalt wie meine männlichen Kollegen. Generell verdienen Frauen aber meistens 20 Prozent weniger als Männer. Ich werde ungleich behandelt, weil ich eine potenzielle Mutter bin. Es gibt keinen Grund, warum ich weniger Geld bekommen sollte. 2018 ist meine Ausbildung fertig, dann bin ich auf Jobsuche. Ich werde mich dafür einsetzen, dass ich für gleiche Arbeit auch die gleiche Bezahlung bekomme. Wir leben nicht mehr im Mittelalter – die Arbeitswelt muss endlich anerkennen, dass ein Unternehmen nur dann gut funktionieren kann, wenn alle als gleichwertig angesehen werden.

Es macht mich wütend, dass viele sagen, Frauen sollten sich nicht so anstellen – wir wären doch schon fast gleichberechtigt. Ich fordere die volle Gleichberechtigung! Als Frau habe ich viel mehr Zukunftsängste als ein Mann. Allerdings sollten sich Frauen auch untereinander viel mehr unterstützen. Sie sollten sich zusammentun und für das einstehen, was ihnen zusteht."

Kellnerin Sandra (40):


Foto: Daniel von Loeper

"Ich werde gleich bezahlt wie meine Kollegen. Wenn jemand in einer höheren Position ist, dann macht höhere Bezahlung natürlich Sinn oder wenn man schon sehr viel Erfahrung mitbringt und längere Zeit für ein Unternehmen arbeitet. Doch wenn Frauen und Männer gleichwertige Arbeit machen, dann sollte das auf jeden Fall gleich bezahlt werden. Mein Lohn als Kellnerin passt für mich. Ich liebe meine Arbeit, ich habe tolle Kollegen und wunderbare Chefs."

Studentin und Kinderpflegerin Antonia Krämer (26):


Foto: Daniel von Loeper

"Momentan habe ich einen Aushilfsjob im Medienbereich für etwa 450 Euro – da gehe ich davon aus, dass Frauen und Männer gleich bezahlt werden. Vorher habe ich als ausgebildete Kinderpflegerin gearbeitet – und mitbekommen, dass Männer höhere Gehälter angeboten bekamen. Mit der Begründung, dass nur wenige Männer in dem Bereich arbeiten und man so mehr Mitarbeiter gewinnen will. Es ärgert mich, dass Frauen in einigen Branchen noch schlechter bezahlt werden als Männer."

Rechtsanwältin Carola Bertram (61):


Foto: Daniel von Loeper

"Ich bin 1987 als Rechtsanwältin zugelassen worden. Da waren Frauen noch in der Unterzahl, obwohl sie oft bessere Noten hatten. Bei gerichtlichen Verhandlungen habe ich mich als Frau aber nicht benachteiligt gefühlt. Schwierig war, glaube ich, dass sich Frauen eher unterbewertet und weniger zugetraut haben – und so bei Honorarverhandlungen oft schlechter als ihre männlichen Kollegen abschnitten.

Mittlerweile gibt es erfreulicherweise viel mehr Juristinnen, bei Gericht sind Frauen sogar oft in der Überzahl. Schwierig ist für manche Frauen natürlich die Vereinbarkeit von Beruf und Familienplanung. Meine persönliche Meinung ist, dass es zwischen Männern und Frauen in der Veranlagung Unterschiede gibt. Frauen sollten jedoch unbedingt für die gleichen Rechte gegenüber den Männern eintreten."

Das sagt Diplom-Psychologin Tanja Hentschel im Interview mit der AZ dazu:

AZ: Frau Hentschel, sind Frauen selbst schuld daran, dass sie weniger verdienen?
Tanja Hentschel: So pauschal kann man das nicht sagen. Es gibt aber Forschung, die zeigt, dass Frauen weniger Verhandlungen initiieren. Gehaltsverhandlungen stellen maskulines Verhalten dar. Die Stereotype sehen so aus: Männer sind die Ernährer der Familie, also müssen sie mehr verdienen. Von Frauen erwartet man das nicht. Wenn sie dann mal verhandeln, kann es sein, dass sie weniger gemocht werden, weil das nicht ihrer Rolle entspricht. Das wissen sie auch, deshalb verhandeln sie nicht so gern.

Wieso schaffen viele Frauen es nicht, sich gut zu verkaufen?
Das ist erklärbar über Stereotype, die Menschen von sich selbst haben: Von Frauen wird nicht so sehr erwartet, dass sie Führungspositionen anstreben und mehr verdienen. Sie werden von Anfang an so sozialisiert, nehmen das an und sind dann weniger selbstbewusst und durchsetzungsstark. Selbstverständlich trifft das nicht auf alle Frauen zu, aber es ist eine generelle Tendenz.

Kann frau das an sich ändern?
Man kann auf jeden Fall grundsätzliche Verhandlungstechniken lernen. Frauen können lernen, selbstbewusster aufzutreten, mehr zu initiieren. Sie müssen aber vorsichtig sein, dass sie das nicht zu extrem machen, um nicht abgewertet zu werden. Es ist eine Entscheidung zwischen mehr Geld oder der Zusage für die Stelle – oder gemocht zu werden.

Wie ändern wir das System?
Unternehmen können ein Bewusstsein schaffen für Stereotype und entscheiden: Wir wollen das minimieren. Zum Beispiel indem sie objektive Gehaltskriterien schaffen.

Wie kann frau besser in wegweisende Gespräche gehen?
Sie kann dem Effekt, dass sie dann hart wirkt, gegensteuern, indem sie ihre Sozialkompetenz und Teamorientierung betont. Sie kann erwähnen, dass Verhandlungsfähigkeit auch gut für den Beruf ist und sie damit legitimieren. Frauen erzielen außerdem bessere Resultate, wenn sie für andere verhandeln. Weil sie sich für andere einsetzen, was die Erwartungen an ihre Geschlechterrolle nicht verletzt.

 

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