Zum Abschuss freigegeben Mesut Özil: Vom Zauberer zur Zielscheibe

Nach den Erdogan-Fotos und schwachen WM-Leistungen umstritten - nun auch intern: Mesut Özil, der von DFB-Direktor Oliver Bierhoff attackiert wird. Foto: dpa

Nationalmannschaftsdirektor Bierhoff greift Özil scharf an: "Man hätte überlegen müssen, ob man sportlich auf ihn verzichtet." Özils DFB-Karriere dürfte vorbei sein - doch was bezweckt der Manager?

 

Der Slogan war von Anfang an Quatsch, und nun ist er sowieso überholt. "ZSMMN" hieß das Marketingwort, mit dem Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff das deutsche Team zur Weltmeisterschaft schickte, im Glauben, dass diese seltsame Version von "Zusammen" - ohne Vokale - tatsächlich zu einem Wir-Gefühl in der Heimat führen könnte. Was für eine Fehleinschätzung!

Jetzt, gut eine Woche nach dem WM-Aus gegen Südkorea, hat Bierhoff das DFB-Motto endgültig ad absurdum geführt. Es müsste inzwischen eher "GTRNNT" heißen: "Getrennt". Denn wie sich Bierhoff über Mesut Özil äußert, hat mit Teamgeist nichts mehr zu tun.

"Wir haben Spieler bei der deutschen Nationalmannschaft bislang noch nie zu etwas gezwungen, sondern immer versucht, sie für eine Sache zu überzeugen", sagt Bierhoff in der "Welt" zu Özils Schweigen nach den Fotos mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan im Mai: "Das ist uns bei Mesut nicht gelungen. Und insofern hätte man überlegen müssen, ob man sportlich auf ihn verzichtet." Wow. Das nennt dann wohl Nachtreten. Bierhoff sucht sich den Spieler im Kader als Sündenbock aus, der ohnehin schon bei vielen Fans am Pranger steht - und der aus der rechten Ecke rassistisch beleidigt wird. Ohne Reaktion des DFB übrigens.

Die AZ beantwortet die wichtigsten Fragen zum Bierhoff-Angriff auf Özil:

Was steckt hinter Bierhoffs Aussagen? Der DFB-Direktor widerspricht sich in dem "Welt"-Interview an einigen Stellen, er sagt etwa, dass es nicht darum gehe, "ein paar Schuldige auszudeuten". Und dann nennt er explizit Mesut Özil. Warum? Hat Özil Bierhoff bereits mitgeteilt, dass er nicht mehr für die Nationalelf spielen will? Hat Bundestrainer Joachim Löw Bierhoff gesagt, dass er Özil nicht mehr nominieren wird? Unwahrscheinlich - und auch unerheblich. Diese Szenarien würden Bierhoffs Vorgehen nicht besser machen.

Es entsteht vor allem der Eindruck, dass Bierhoff von eigenen Fehlern ablenken will, etwa der umstrittenen Quartierwahl in Watutinki, den übertriebenen Marketingmaßnahmen seit dem WM-Sieg 2014 oder der Abschottung im Trainingslager in Südtirol.

Er habe "registriert", dass die Entfremdung von den Fans immer öfter thematisiert werde, so Bierhoff. Man nehme "diese Wahrnehmung sehr ernst". Nicht nur in dieser Passage bleibt der DFB-Direktor vage. Immerhin räumt Bierhoff ein, dass es ein Fehler war, die Erdogan-Affäre totschweigen zu wollen: "Im Rückblick würde ich versuchen, dieses Thema noch klarer zu regeln."

Wie reagiert Özil? Bislang hat sich der Spielmacher vom FC Arsenal nicht geäußert. Wie schon vor und während der WM verzichtet er komplett auf öffentliche Statements. Eine Entschuldigung für die Erdogan-Fotos, die er gemeinsam mit Ilkay Gündogan hatte schießen lassen, gibt es weiter nicht. Das trägt nicht zur Beruhigung der Lage bei. Bierhoff vermutet, dass "Mesut das, was von ihm erwartet wurde, aus bestimmten und offensichtlichen Gründen so hätte nicht sagen können". Weil Özil Angst hat vor der Reaktion aus der Türkei? Unklar.

Jérôme Boateng nahm Özil zuletzt in Schutz, der Bayern-Profi sagte der "Welt am Sonntag", dass die Kritik "grenzwertig" sei: "Das geht nicht. Mesut ist ein Mensch." Auffällig: Von Bundestrainer Löw, der Özil seit dessen Debüt 2009 immer förderte und verteidigte, ist in diesen Tagen nichts zu hören.

Wie geht es jetzt weiter? Laut "Kicker" wollte Weltmeister Özil (29) seine Nationalelf-Karriere nach 92 Länderspielen (23 Tore) eigentlich fortsetzen. Doch nach den Bierhoff-Aussagen scheint das kaum noch möglich. "Gehen sie davon aus, dass die Mannschaft ein neues Gesicht bekommen und zeigen wird", kündigt Bierhoff jedenfalls schon mal an.

Vom Mittelfeld-Zauberer, der auch von Bierhoff lange geschützt und als perfektes Beispiel für Integration vorgezeigt wurde, ist Özil zur Zielscheibe geworden. Quasi zum Abschuss freigegeben. Man kann sich vorstellen, wie laut das Pfeifkonzert beim nächsten Länderspiel gegen Frankreich am 6. September in München ausfallen würde, wenn Löw Özil nominiert.

Dafür ist nicht zuletzt Bierhoff verantwortlich, der seine Machtposition mit dem Angriff auf Özil festigen wollte. Kann der DFB ein solches Verhalten wirklich dulden?

 
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