Zugausfälle wegen Bahnstreik Gestrandete Reisende: Gute-Nacht-Zug in München

Gleis 22: Dieser Zug (Bild rechts oben) fährt am Dienstag nirgends hin, hier wird geschlafen. Foto: Wackerbauer

Lokführer-Streik: Den Reisenden, die am Münchner Hauptbahnhof stranden, bietet die Bahn jetzt ein Bett im Zug an. Wie schläft's sich dort? Die AZ hat nachgefragt.

 

München - Die Bahnhofsuhren zeigen fast 23 Uhr. Doch noch immer stehen Reisende mit großen Koffern ratlos vor den Anzeigetafeln im Münchner Hauptbahnhof. Auch vor der DB-Information in der großen Halle bildet sich immer wieder eine Schlange. Drei Rucksacktouristen haben sich auf den kalten Boden gesetzt. Ein weiterer Streiktag der GDL-Lokführer mit massiven Auswirkungen für Reisende und Pendler geht zu Ende.

Wer um diese Uhrzeit keinen Zug mehr erwischt hat, muss sich Gedanken machen, wo und wie er die Nacht verbringt. In einem Hotel? Auf einer harten Sitzbank im Bahnhof? Es sind viele Messebesucher in der Stadt, die Hotelzimmer sind ausgebucht oder sehr teuer. Im Bahnhof zieht es, außerdem ist es laut.

Endstation Münchner Hauptbahnhof: Am Dienstagabend trifft es knapp 60 Männer und Frauen. Sie kommen hier nicht mehr weg. Ursula Oberndörfer-Dums hat der Streik während ihrer Rückreise aus dem Urlaub kalt erwischt. Eigentlich wollten sie und ihr Mann abends noch mit dem Zug ins mittelfränkische Heilsbronn fahren. Aber der Zug ist ausgefallen. Die 68-Jährige ist sehr müde. Die lange Reise und die Unsicherheit, wie sie nach Hause kommt, ist anstrengend.

Aber die Rentnerin hat das Glück, dass sie in München gestrandet ist. Hier sowie in Berlin, Hamburg und Frankfurt hat die Bahn einen „Hotelzug“ bereitgestellt. In München steht er an diesem Abend auf Gleis 22. „Amsterdam Centraal CNL 418“ steht am Zug, doch er fährt nirgendwo hin. Von 22.30 bis 7 Uhr steht er einfach nur da. Dann muss er Platz machen für fahrende Züge.

Neben einem Waggon wartet Nacht-Stewart Manni Renner. Mit rollendem R erklärt er einem Kosovo-Albaner auf Englisch, dass er sich in dem Zug ausruhen kann. Doch der Mann, dem vor Müdigkeit fast die Augen zufallen, schaut ihn nur fragend an und zeigt immer wieder sein Ticket. Er kann kaum Englisch und versteht nicht, was ihm der uniformierte Bahnbedienstete sagen will.

Für Ursula Oberndörfer kommt der Hotelzug wie gerufen. Während ihr Mann draußen noch schnell eine raucht, zieht sie schon die Schuhe aus. Ihr Abteil im Schlafwagen ist eng, aber sauber und warm. Die Betten sind weiß bezogen. Als sie ein Schränkchen aufklappt, kommt dort eine Waschgelegenheit zum Vorschein. Stewart Manni Renner erklärt ihr noch, wo die Toilette ist. Dann fragt er freundlich: „Wann soll ich Sie morgen wecken?“ Nachdem auch ihr Mann zurückgekommen ist, schließt der Stewart den Waggon ab. Etwa sechs Stunden können sich die beiden nun von ihrer strapaziösen Reise erholen. Dann soll ein Zug in Richtung Franken fahren.

Bis einschließlich Freitag auf Samstag will die Bahn jede Nacht einen Hotelzug mit 190 Schlaf- und Liegeplätzen im Hauptbahnhof bereitstellen. Die Nutzung ist für gestrandete Bahn-Reisende kostenlos.

„Zu zweit ist’s fast ein Abenteuer“

Adam Santavy (22), Lagerist aus Nürnberg: „Ich war in Treuchtlingen zu Besuch und wollte abends wieder zurück nach Nürnberg, wo ich wohne. Aber in Augsburg war für mich Ende der Durchsage, da fuhr kein Zug mehr weiter, nur in kleinere Orte im Umland. Also bin ich nach München gefahren und jetzt hier gestrandet. Lustigerweise habe ich auf dieser Irrfahrt Miroslav kennengelernt. Er ist aus Tschechien und auch Lagerist wie ich. Zu zweit ist es fast ein Abenteuer. Ich hab meinen kleinen Hund Charly dabei, einen Prager Rattler. Das ist ein netter Zug, dass ich ihn mit in den Liegewagen nehmen darf. Um 4.45 Uhr lass ich mich wecken, damit ich weiterkomme. Hoffentlich fährt dann ein Zug.“

„Ein guter Service“

Ursula Oberndörfer-Dums (68), Rentnerin: „So etwas habe ich noch nicht erlebt! Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen... Ich war mit meinem Mann auf Zypern im Urlaub, nach dieser Streik-Odyssee ist die Erholung flöten. Wir haben schon in unserem Hotel davon erfahren, aber was hätten wir anders machen können? Nach der Landung in München sind wir mit der S8 zum Hauptbahnhof gefahren, dort wollten wir mit dem Zug zurück nach Heilsbronn. Aber der Zug wurde gestrichen. Für morgen haben wir vier Optionen, mal schauen, was geht. Um 6 Uhr lassen wir uns wecken. Ich bin sehr erschöpft. Es ist ein guter Service von der Bahn, dass wir hier ein bisschen schlafen und uns frisch machen können. Wir haben sogar eine Waschkabine.“

„Irgendwie geht’s schon weiter“

Tiago Amaral (21), Student aus Lüneburg: „Ich war eine Woche auf Zypern in den Ferien. Nach der Landung in München vor sechs Stunden wollte ich eigentlich mit dem Nachtzug nach Hause fahren. Ich studiere in Lüneburg Ingenieurwesen. Aber der Zug nach Hamburg, den ich nehmen wollte, ist wegen des Streiks ausgefallen. Zuerst war ich ein bisschen nervös, was ich nun machen soll. Ich habe eine Freundin angeschrieben, die in München studiert. Caroline ist gleich zum Bahnhof gekommen, um mich aufzubauen und mir die Zeit zu vertreiben. Total lieb! An der DB-Information haben sie mir dann von diesem Hotelzug erzählt. Ich bin froh, dass ich mich jetzt noch ein paar Stunden ausruhen kann. Morgen ist ein neuer Tag, da werde ich schon irgendwie nach Lüneburg kommen. Wenn alles gut geht, fährt um 5 Uhr ein Zug. Ich komme ursprünglich aus Minas Gerais in Brasilien. Wenn in meiner Heimat gestreikt wird, dann geht gar nichts mehr. Da sitzt man richtig fest und für wie lange, weiß man auch nicht. Hier geht immer noch ein bisschen was weiter. Das ist ein gutes Gefühl.“

 

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