Zeugenaufruf der Polizei Wer kennt Todespfleger Grzegorz W.?

, aktualisiert am 27.08.2018 - 17:40 Uhr
Grzegorz W. steht im Verdacht, mehrere Morde begangen zu haben. Wer kann Aussagen zu Arbeit und Wirken des Mannes in Deutschland machen? Foto: ho

Grzegorz W. soll einen Rentner († 87) in Ottobrunn getötet haben. Bei vier anderen versuchte er es. Medienberichten zufolge wurde gegen ihn bereits Ermittelt. Blieb er wegen einer Justiz-Panne auf freiem Fuß?

 

München - Er sah auf seinen Bewerbungsfotos kräftig aus. Einer, dem man zutraute, dass er auch anstrengende körperliche Arbeit verrichten kann – wie pflegebedürftige Menschen anheben, anziehen, waschen, pflegen. Und die polnische Pflegehilfskraft Grzegorz W., die unter anderem über eine deutsche Agentur vermittelt wurde, verlangte verhältnismäßig wenig Lohn.


Doch der Mann, den Familien in ganz Deutschland für ihre pflegebedürftigen Angehörigen ins Haus holten, war nach derzeitigen Erkenntnissen der Münchner Mordkommission und Staatsanwaltschaft ein vorbestrafter Mann, der vor allem im Sinn hatte, sich zu bereichern. Dafür war er offenbar sogar bereit zu töten.

Staatsanwaltschaft und Polizei ermitteln wegen Mordverdachts in bislang zwei Fällen sowie wegen vierfachen Mordversuchs gegen den 36-jährigen Polen. Die Ermittler stehen erst am Anfang. Möglicherweise hat Grzegorz W. noch mehr Menschen getötet. Pikant: Es ist nicht das erste Mal, dass gegen den Todes-Pfleger wegen Mordverdachts ermittelt wird.

Justiz-Panne könnte massive Konsequenzen für Behörden haben

Wie der BR berichtet, verabreichte W. erst im Mai vergangenen Jahres in Mühlheim an der Ruhr einem Patienten eine Überdosis Insulin, obwohl dieser keinerlei Zuckererkrankung aufwies. Zwei Monate später verstarb der Mann im Krankenhaus. Auf Antrag dessen Tochter leitete die zuständige Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen Köprerverletzung, später wegen Mordes, gegen den Polen ein. Dennoch unterließ es die Strafverfolgungsbehörde Duisburg, einen Haftbefehl gegen W. zu erlassen. Einzig einen sogenannten "Suchvermerk" ließen die Behörden eintragen. Der Todespfleger blieb also auf freiem Fuß - und konnte offenbar weiter morden.

Die Duisburger Staatsanwaltschaft nahm zu den Rechercheergebnissen des BR bislang noch nicht Stellung, auch die Staatsanwaltschaft München sowie die Kripo gaben keinen Kommentar zu den Vorgängen bei ihren Kollegen in Nordrhein-Westfahlen ab. Sollten sich die neuen Erkenntnisse bewahrheiten, könnte dies für die Behörden massive Konsequenzen haben. Sogar Ermittlungen wegen Strafvereitelung bis hin zu Mitverschulden an weiteren Taten des Beschuldigten wären wohl möglich.

Im Vordergrund steht allerdings zunächst, die genaue Zahl der Opfer herauszufinden. Polizei und Staatsanwaltschaft suchen nun per Öffentlichkeitsfahndung mit vollem Namen und Foto des Beschuldigten nach Familien, in denen der Pfleger beschäftigt war, "um mögliche weitere Opfer, die überlebt haben oder verstorben sind, zu identifizieren", sagte Oberstaatsanwältin Anne Leiding am Dienstag.

Ein Mord in Ottobrunn bei München brachte die Polizei auf Wolsztajns Fährte

Ins Rollen kamen die Ermittlungen durch einen zunächst merkwürdigen Todesfall in Ottobrunn. Dort hatte Grzegorz W. bei einem 87-Jährigen eine Anstellung gefunden. Der Handelsvertreter im Ruhestand lebte allein. Er war nicht mehr so gut zu Fuß, aber trotzdem noch mobil. Wenn er aus dem Haus ging, stützte er sich auf einen Rollator. Der Rentner beschäftigte einen Chauffeur und eine Köchin. Auch eine ausgebildete Pflegerin betreute ihn. Grzegorz W. zog bei dem 87-Jährigen ein und war fast rund um die Uhr da, um bei alltäglichen Verrichtungen zu helfen.

Am Rosenmontag um 3:40 Uhr ging beim Pflegenotruf ein Anruf des 36-Jährigen ein: Er habe den Rentner leblos im Bett gefunden. Der Notarzt konnte nicht mehr helfen, der Rentner war tot. Doch der Leichenschauer schöpfte Verdacht. Er schrieb "nicht geklärte Todesart" in den Totenschein. Die Polizei wurde eingeschaltet.

Danach ging alles ganz schnell: Die Polizisten stellten fest, dass gegen Grzegorz W. bereits mehrmals ermittelt worden war – auch wegen gefährlicher Körperverletzung. Am 26. Juni vergangenen Jahres war ein Rentner in Weilheim, den der Pole betreute, fast gestorben. Diese Tat schätzen die Ermittler inzwischen als Mordversuch ein. Die Mordkommission wurde eingeschaltet. Bereits während der Verstorbene aus Ottobrunn obduziert wurde, wurde Grzegorz W. von der Mordkommission vernommen, seine Sachen durchsucht.

Dabei entdeckten die Beamten zwei EC-Karten und die dazugehörigen PIN-Nummern des verstorbenen Rentners und 1210 Euro Bargeld. Außerdem fanden sie eine Insulin-Spritze (Pen) und mehrere Ampullen mit Insulin.

An diesen Orten hat Grzegorz Stanislaw Wolstazjn gearbeitet.
An diesen Orten hat Grzegorz w. gearbeitet. Grafik: Polizei

Er spritzte seinen Opfern im Schlaf Insulin

In der Rechtsmedizin erhärtete sich wenig später der Verdacht: An dem Leichnam wurden Einstichstellen festgestellt und ein extrem niedriger Blutzuckerwert. Offenbar hatte der Aushilfspfleger dem alten Herrn, der selbst kein Diabetiker war, Insulin gespritzt. Dies führt zu einem starken Abfall des Blutzuckerspiegels. Die Betroffenen können bewusstlos werden und ins Koma fallen. Auch akute Herzrhythmusstörungen oder ein Infarkt können die Folge sein.

Am Faschingsdienstag gab der Aushilfspfleger zu, dass er dem Rentner Insulin gespritzt hatte, seitdem sitzt er in Untersuchungshaft.

Mittlerweile ermitteln die Münchner Mordkommission und die Staatsanwaltschaft bundesweit. "Wir gehen derzeit von vier Mordversuchen aus", sagt Josef Wimmer, Chef der Mordkommission. Die Taten ereigneten sich 2017 am 25. Mai in Mülheim an der Ruhr, am 26. Juni in Weilheim, am 30. August in Aresing (Kreis Neuburg-Schrobenhausen) und am 21. Dezember in Waiblingen bei Stuttgart. Drei Diebstähle können die Ermittler, dem wegen Eigentumsdelikten in Polen vorbestraften Mann nachweisen.

Einen zweiten vollendeten Mord hat der Pole vermutlich in Burg begangen: Am 10. April reiste er bei einem Rentner an – zwei Tage später war der Betreute tot und Grzegorz W. wieder abgereist.

Der 36-Jährige arbeitet vermutlich seit 2012 als ungelernter Pfleger in Deutschland.

Die "Ermittlungsgruppe Pen" ermittelt bundesweit

Nun versucht die Polizei fieberhaft herauszufinden, ob Grzegorz W. noch weitere pflegebedürftige Personen geschädigt oder gar getötet hat. Dafür sucht sie bundesweit nach Zeugen, die sagen können, wann W. wo gearbeitet hat.

Zur Erstellung eines Bewegungsbildes sowie zur Ermittlung der Anstellungshistorie, Identifizierung weiterer überlebender als auch verstorbener Opfer wurde auf Antrag der Staatsanwaltschaft München I ein Beschluss zur Öffentlichkeitsfahndung erlassen. Auf diesem Weg erhoffen sich Polizei und Staatsanwaltschaft, dass auch Zeugen und Angehörige ermittelt werden, die Angaben darüber machen können, bei welchen zu betreuenden Personen der 36-Jährige, auch Jahre zurückliegend, tätig war.

Die Staatsanwaltschaft München I übernimmt bundesweit die Ermittlungen für alle dem 36-Jährigen zuzurechnenden Straftaten. Zur weiteren Sachbearbeitung ist beim Kommissariat 11 die Ermittlungsgruppe "EG Pen" eingerichtet worden. 

Personen, die sachdienliche Hinweise geben können, werden gebeten sich mit dem Polizeipräsidium München, Kommissariat 11, 80333 München, Ettstraße 2, Tel. 089/2910-0 oder auch mit jeder anderen Polizeidienststelle in Verbindung zu setzen.

 

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